Teppich des Nachlebens

Glanz und Elend der „Bildungselite“: Ulrich Raulff dekonstruiert Stefan Georges Wirkungsgeschichte

Es ist noch nicht lange her, dass Thomas Karlauf (Stefan George. Die Entdeckung des Charismas, München 2007) das Charisma Georges als erotische Pädagogik entschlüsselte. Wohin führte das? Was machte der „Kreis ohne Meister“ nach Georges Tod im Dezember 1933 in einer Schweizer Klinik? Raulff erzählt hier eine große, leicht unheimliche „Gespenstergeschichte“. Den heroisierenden Legenden vom Ruhm, die der Kreis so gerne wirkmächtig erzählte, stellt er den Streit der Jünger ums Erbe entgegen. Raulff schreibt eine „Studie zum Zerfall des Kreises und zur Korruption seiner Ideen“.

Mächtig am Mythos gekratzt

Davon nimmt er den Meister nicht aus. Die auflösende Macht heißt Politik: die Spaltung und Zerschlagung durch den Nationalsozialismus einerseits und die innere Auflösung und Autodestruktion des Kreises durch die Parteiungen und den Erbstreit der Jünger andererseits.

Raulff setzt mit Georges Tod und Beerdigung ein, als der „letzte Kreis“ der Jünger manchen älteren bereits ausgegrenzt hat und der „Einbruch des ,Dritten Reichs‘ ins ,Neue Reich‘“ in Form nationalsozialistisch frisierter Kränze und Nachrufe erfolgte. Der Tod des Meisters katalysierte hier aber nur frühere Tendenzen. Exkludiert wurde vor 1933 schon nach der Willkür des Meisters. Gundolf und Kommerell wandten sich ab, Morwitz wurde als Erbe ausgebootet. Mit Georges Tod kam es umgehend zum politischen „Schisma“. Die Jünger legten den Meister in je ihre Richtung fest. Raulff betont dagegen sehr deutlich, dass George selbst seine Haltung zum Dritten Reich „in der Schwebe“ hielt und „das souveräne Wort nicht fand“. Die jüdischen Jünger begegneten länger schon deutschnationalen und antisemitischen Tendenzen im Kreis. Die Differenzen erörtert Raulff insbesondere an Ernst Kantorowicz und Kurt Hildebrandt. Mit Hildebrandt ging Georges Platon „unter die Eugeniker“. Raulff erzählt minutiös recherchierte Anekdoten darüber, wie die letzten Jünger sich Georges Reich nach 1933 in die unterschiedlichsten Richtungen bewahrten. Seinen Fokus legt er dabei weniger auf das Exil (Wolfskehl, Kantorowicz, Landmann, Singer, Löwenstein) als auf die Umbildung der erotischen Pädagogik in Deutschland.

Der George-Kreis entwickelte raffinierte Rituale der Poetisierung des Lebens. Er zelebrierte Dichtung als gemeinschaftliches Ereignis und pädagogisches Konzept. Darauf konzentrierte man sich erneut. Kantorowicz und Erich von Kahler distanzierten sich nach 1933 von George als geistigem „Wegbereiter“ des Nationalsozialismus. Ernst Morwitz und Robert Boehringer, als Nachlassverwalter eine Zentralfigur des Buches, suchten den Kreis von jeder Politisierung wieder auf die Dichtung zurückzuführen. Wolfgang Frommel und Georg Picht schufen pädagogische Inseln auf dem Land und verbanden George wieder mit der Reformpädagogik. Es gehört zu den wichtigsten Thesen des Buches, dass George bis in die neuere Bildungspolitik wirkte. Die Ambivalenz dieses Erbes diskutiert Raulff eingehend anhand von Hellmut Becker, dem Sohn von Carl Heinrich Becker, der in der Bundesrepublik zwischenzeitig geradezu als „heimlicher“ Kultusminister wirkte. Mit Becker führt Raulff einige verschlungene Fäden der Wirkungsgeschichte zusammen: so die von George mit inspirierten Lebenswege der Gebrüder Stauffenberg und Weizsäcker.

Becker war vor 1945 ein Assistent des Schmitt-Schülers Ernst Rudolf Huber. Nach 1945 verteidigte er Ernst von Weizsäcker im Nürnberger Prozess. Becker war NSDAP-Parteimitglied gewesen und verteidigte selbst einen schweren Kriegsverbrecher wie Otto Oldendorp. Raulff stellt Beckers zweideutiges oder zwielichtiges Wirken gegen die „Erfindung des 20. Juli als Geschichtszeichen aus dem Geist Stefan Georges“, die von Marion Gräfin Dönhoff und deren Doktorvater Edgar Salin ausging. Er endet mit dem Bruch von 1968 und Übergang der Memorialkultur des Kreises in positivistische Literaturwissenschaft. Raulff erzählt hier erneut geradezu phantastische „Gespenstergeschichten“ von der Verlebendigung Georges. Seine eigene Auffassung ist buchstäblich sehr klar: Auch der Stauffenberg-Mythos kann George nicht retten. Von George führt keine tragende Brücke in die Politik. Und die erotische Pädagogik des Kreises ist spätestens seit „1968“ transformiert. Seitdem ist George nur noch ein Dichter unter anderen, „nur Narr, nur Dichter“ (Nietzsche).

So ganz nimmt man Raulff diese Demontage des George-Mythos nicht ab. Zu fein gewoben sind die Schleifen. Georges große Inszenierung der Dichtung als Sitz im Leben ist auch an Raulff nicht spurlos vorbeigegangen. Wenigstens diese Frage hält er als Vermächtnis Georges fest und trägt sie mit Hellmut Becker, Pichts Schwarzwälder Birklehof und vielen anderen in den – allerdings ziemlich unmusikalischen oder schwerhörigen – aktuellen Bildungsdiskurs. Raulff kratzt mit der fein ziselierten Perlenkette des Buches aber mächtig am Mythos Georges und auch Stauffenbergs. Glanz und Elend der „Bildungselite“ werden hier neu verhandelt. Raulff setzt sich – am Ende mit Jacob Taubes – gezielt gegen dröhnendes Geschrei und Lob der „Elite“ ab, das heute weniger vom – einst von Becker geleiteten – Max Planck-Institut für Bildungsforschung als von Bertelsmann ausgeht. Nicht jeder Leser wird ihm in alle Vernetzungen des Kreises folgen wollen. Raulffs dichter Teppich von Georges Nachleben entgeht aber der Verführung eines allzu einfachen Kurzschlusses von Wirkungsgeschichte auf Nationalgeschichte, wie er sich etwa in der Nietzsche-Forschung findet. Raulff pointiert seine Wirkungsgeschichte auf die Bildungsgeschichte. Hier schließt sich sein Kreis mit Karlauff.