Würzburg

Tagesposting: Was steckt hinter Angriffen auf Helfer?

Angriffe auf Sanitäter, Feuerwehrleute und Polizisten sind keine Seltenheit. Auf der Suche nach Diagnose und Therapie für ein trauriges Phänomen unserer Gesellschaft.

Rettungssanitäter
Wie können die Übergriffe auf Rettungskräfte verhindert werden? Erst 2017 wurden die Strafen dafür verschärft, dennoch kommt es immer wieder zu Vorfällen. Foto: Britta Pedersen (ZB)

Am Freitag vor dem vierten Advent kam es in Buxtehude bei Hamburg zu einem Zwischenfall: Zwei Rettungssanitäter waren gegen 20 Uhr zu einem Freizeithaus für junge Leute gerufen worden, weil es bei einem 15-jährigen Mädchen Anzeichen auf Alkoholvergiftung gab. Die Retter kümmerten sich um das Mädchen, als sich zehn „Jugendliche“ versammelten und die beiden Sanitäter beleidigten. Mitarbeiter des Freizeithauses mischten sich ein, die Jugendlichen verschwanden zunächst.

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Die Autorin ist eine katholische Publizistin. Foto: Archiv

Als die beiden Rettungskräfte das Haus verließen, wurden sie von etwa 30 Jugendlichen umringt, die draußen gewartet hatten. Sie begannen, den 28-jährigen Sanitäter zu schubsen, dann schlugen und traten sie auf den Helfer ein. Als der mit seinem Funkgerät einen Notruf absetzte, flüchteten die Angreifer. Wunden, Rippenprellungen und ein Krankenhausaufenthalt blieben.

Ein bedauerlicher Einzelfall? Mitnichten! Silvester kam es zu zahlreichen Angriffen auf Sanitäter, Feuerwehrleute und Polizisten. Im vergangenen Jahr gab es – so die offiziellen Zahlen der Bundesregierung – bundesweit 700 registrierte tätliche Angriffe auf solche Helfer in der Not. Professor Thomas Feltes, Kriminologe an der Ruhruniversität in Bochum, hat dieses Phänomen untersucht und herausgefunden, dass es kaum einen Anstieg solcher Taten in den vergangenen Jahren gab, die Übergriffe aber deutlich gewalttätiger geworden sind. Ob dies damit zusammenhängt, dass 40 Prozent der Täter Migranten sind, wagt Feltes nicht zu beantworten. Dafür gibt es andere Antworten, die nicht überraschen, etwa, dass die meisten Angreifer Männer sind und die Übergriffe häufig unter Alkoholeinfluss und in den Abend- oder Nachtstunden geschehen.

Wie in Deutschland üblich, streiten die Experten über den richtigen Umgang mit dem Phänomen. Konservative setzen auf härtere Strafen, Progressive auf psychologisch einfühlsame Gespräche. So richtig wirkt beides nicht, zumal die Strafen für Übergriffe auf Rettungskräfte erst 2017 verschärft wurden. Auch im Bundesgesundheitsministerium macht man sich Gedanken. Angriffe auf Ärzte finden ständig in den Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser statt, ohne dass dieses Problem bisher unter Kontrolle gebracht werden konnte. Knapp 76 Prozent der Mitarbeiter in hessischen Notfallambulanzen sind nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr Opfer körperlicher Gewalt geworden, laut einer Studie der Hochschule Fulda. Michael Wünning vom Marienkrankenhaus in Hamburg hat noch eine andere Erklärung: „Das Anspruchsdenken ist heute enorm.“ Oft gehe es um nicht erfüllte Erwartungen. Vor einer Therapie braucht es eine Diagnose, und da lohnt erneut ein Blick in die Studie von Professor Feltes. Der kam nämlich zur entscheidenden Schlussfolgerung, dass die Ursache häufig grundloser Gewalt im zunehmenden Verlust an Respekt und Empathie gegenüber Mitmenschen und in der Tendenz zur Verrohung unserer Gesellschaft liegen. Zu Deutsch: Würden sich Eltern, Lehrer und Kirchen darum bemühen, diese angeblichen „Sekundärtugenden“ (Lafontaine) wieder in den Vordergrund von Bildung und Erziehung zu rücken, wäre auch dieses Problem schnell zu lösen.

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Der Autor ist freier Publizist und Sachbuchautor. Foto: Kerstin Pukall

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