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Tagesposting: Trägheit und Spektakel

Die gute Tat stirbt, wenn der gute Mensch verkümmert. Das hat der britische Schriftsteller Aldous Huxley vorausgesehen.

Der britische Schriftsteller Aldous Huxley
Der britische Schriftsteller und Kulturkritiker Aldous Huxley. Er wurde am 26. Juli 1894 in Godalming im britischen Surrey geboren und verstarb am 22. November 1963 in Hollywood, USA. Foto: dpa

Der englische Schriftsteller Aldous Huxley war beileibe nicht nur der Autor von „Schöne neue Welt“, ja nicht einmal in erster Linie Romancier. Er schrieb Theaterstücke, Gedichte, Drehbücher, etwa 1940 jenes zur Verfilmung des Klassikers von Jane Austen, „Stolz und Vorurteil“. Seine größte Stärke aber lag im Essayistischen. Fast kein Tag verging, ohne dass Huxley auf Reisen war, und erst recht kein Tag ohne Notizen, Ideen, Skizzen.

Vielseitige Interessen

Ihn interessierte buchstäblich alles zwischen Malerei und Literatur, Musik und Philosophie, Technik und Metaphysik, Gegenwart und Antike. Herausragend etwa seine kurze Kulturgeschichte des Schmutzes von 1956 unter dem Titel „Hyperion gegen Satyr“: „Der Mensch hat seine Instinkte im Wald entwickelt; aber seit der Dämmerung der Zivilisation hat sich sein Leben in der komplizierten Entsprechung zu einem Kaninchengehege abgespielt.“

Die früheste Essaysammlung, veröffentlicht 1923, heißt „On the margin“. Darin stehen beieinander ein Text zu „Acedia“ und ein anderer zu „Vergnügungen“. Mit dem ersten betreten wir den Bereich der Dämonologie, war doch die Trägheit viele mittelalterliche Jahrhunderte lang ein böser Geist, eine Todsünde. Dieser Gedanke lag schon der Gegenwart Huxleys, vor bald hundert Jahren, sehr fern.

„Acedia erzeugt die Scheu,
irgendeine gute Tat anzupacken“

Das Mittelalter wusste noch: „Acedia erzeugt die Scheu, irgendeine gute Tat anzupacken.“ Der träge, der antriebslose, der in sich selbst verkrümmte, der grundlos traurige Mensch konnte kein guter Christ sein. In der Moderne wurde die Acedia zum Grundempfinden des Künstlers, ehe „existenzielle Langeweile“ sich überall breitmachte – als Gegenbewegung zur „fieberhaften Hektik“ in den Metropolen. „Das unverhältnismäßige Wachstum der großen Städte“ treibe der Acedia täglich neue Jünger zu.

Huxleys Betrachtung moderner Vergnügungen, aus anderem Anlass entstanden, liest sich in der Zusammenschau wie die Vorderseite derselben Medaille. Mit einer Schärfe, wie sie 20 Jahre später erst Adorno an den Tag legen sollte, geißelt Huxley die standardisierten Produkte der Unterhaltungs- und Zerstreuungsindustrie. Er rechnet sie zu den verderblichsten „toxischen Substanzen“, die „unsere Kultur“ von innen bedrohen. Eine unterhaltungssüchtige Presse, alberne Filme, billige Musik für die Massen trügen dazu bei, dass „nur noch die allergröbsten Reize einer ständig wachsenden Gewaltsamkeit und Geschmacklosigkeit“ die Menschen berührten. So aber werde „die Demokratie der Zukunft an chronischer und tödlicher Langeweile kranken“. Womit sich der Ring zur Acedia schließt.

Demokratie der Zukunft ist jene unserer Gegenwart geworden

Die Demokratie der Zukunft ist jene unserer Gegenwart geworden. Kultur und Politik bewässern dasselbe Wurzelgeflecht. Es gibt nur die eine Zivilisation, nur die eine Gesellschaft. Trägheit und Spektakel bedingen sich gegenseitig und münden in ein apathisches Zeitalter, das sich Empathie auf alle Fahnen geschrieben hat. Zynismus gedeiht, wo Sentiment produziert wird. Die gute Tat stirbt, wenn der gute Mensch verkümmert. All das hat Aldous Huxley vorausgesehen. Das Neueste steht oft in den ältesten Büchern.