Würzburg

Tagesposting: Sind Sie noch modern?

Demokratie, Emanzipierung, Rationalität? Die „Moderne“ ist ein Mythos, ein zersplittertes Phänomen mit idealistischen Zumutungen an den Einzelnen.

Zersplitterte Moderne
Es gibt nicht die „eine“ Moderne, der Begriff bezeichnet vielmehr ein zersplittertes Phänomen und ruft bei vielen Menschen ambivalente Gefühle hervor. Foto: Adobe Stock

In kirchlichen Kreisen wird gerne das „Lebensgefühl der Moderne“ beschworen, an das man Anschluss finden müsse. Was ist „die Moderne“? Sie ist selbst ein Mythos und ein Narrativ, das längst in eine „zweite“ (Klotz, Beck), dann in eine „Vielzahl von Modernen“ (Eisenstadt), schließlich in die Ausrufung der Postmoderne (Lyotard) mündete, in der die „große Erzählung“ eines homogenen aus der Aufklärung herrührenden Allgemeinen und einer ins Gute und immer Bessere hinüberwachsenden Entwicklung fragwürdig wurde. Seither ist „modern“ ein irgendwie antiquierter Begriff – ein Wort mit Schlaghosen. Was macht die Moderne aus?

Komponenten der Moderne

Säkularisierung und Rationalität – Ja. Aber brachte uns die Durchdringung der Welt mit Wissenschaft nicht auch die Tyrannis der instrumentellen Vernunft, die gerade die Welt verwüstet? Aufklärung und das Bekenntnis zur Vernunft – Ja, aber schuf der Geist der Aufklärung nicht auch eine Welt ohne göttliche Tiefe und eine Trivialmoral ohne Verantwortung? Industrialisierung – Ja, wir könnten ohne sie nicht leben, aber hat sie nicht auch eine Ressourcenplünderungsmaschine in Gang gesetzt, die aufzuhalten wir noch kein Rezept gefunden haben. Humanismus – Ja, aber wird nicht in seinem Namen gerade ein „Menschenrecht auf Abtreibung“ eingefordert? Demokratie – Ja, aber hat sie nicht auch gelehrt, dass Mehrheiten den Rückfall in die Barbarei organisieren können? Den Willen zum Fortschritt – Ja, aber war er es nicht, der uns die „globale Beschleunigungskrise“ (Kafka) bescherte? Autonomie – Ja, aber hat autonome Moral nicht auch zur Legitimation der Willkür beigetragen? Emanzipation – Ja, aber wer kennt den Preis, zu dem wir uns gerade von unserer eigenen Natur befreien? Freiheit – ja, aber wird damit nicht ein Individualismus verklärt, in dem jeder nur noch „sein Ding“ verfolgt?

Die Moderne ist Utopie und Alptraum zugleich

Die „Moderne“, sagt Norbert Bolz, „hat uns mit idealistischen Zumutungen überlastet und mit humanistischen Idealen geködert. Deshalb haben wir heute eine ambivalente Einstellung zur Moderne: Sie ist Utopie und Alptraum zugleich. Wir haben ein Entwöhnungstrauma der beendeten Moderne.“ Typisch katholisch: Was die einen zu Grabe tragen, dem hecheln andere noch hinterher. Die Rede von der Moderne ist vage und will vage sein. Im Grunde transportiert sie nicht mehr als das modische Wörtchen „mainstream“, womit gemeint ist: wozu die Mehrheit neigt, was jeder will, was alle tun, und was deshalb dem durchschnittlichen Handeln eine Art demokratische Legitimität und ein sittliches Recht verleiht. „Dass die Menschen ihre Liebesbeziehungen und die Fürsorge für ihre Kinder opfern, um ihre Karriere zu verfolgen“, sagt der (nach Spaemanns Tod) letztverbliebene große katholische Philosoph Charles Taylor, „ist nicht das wirklich Eigentümliche. So etwas hat es vielleicht immer schon gegeben. Das Ausschlaggebende ist, dass sich heute viele Menschen dazu aufgefordert fühlen, dass sie meinen, sie müssten so handeln, und dass sie spüren, ihr Leben wäre irgendwie vergeudet oder unerfüllt, wenn sie nicht so verfahren würden.“

Bernhard Meuser
Der Autor ist Initiator der globalen Jugendkatechismus-Initiative „Youcat“ und Leiter der internationalen YOUCAT Foundat... Foto: Archiv