Würzburg

Tagesposting: Papst zum Anfassen?

Inszenierung von Personen, auch von Päpsten, ist gefährlich, denn sie verdrängt die Suche nach dem Eigentlichen: der Berührung mit Christus.

Gott berühren
Der Mensch sucht nach der Berührung mit Gott. Es ist jedoch „kein physischer, sondern ein spiritueller Akt. Es ist ein Tasten ins Unendliche hinein“. Foto: Vatikanische Museen/unbekannt

Als gläubige Katholiken sind wir Glieder des mystischen Leibes Christi, und nicht Glieder des mystischen Leibes des Papstes. Diese Erfahrung musste jene begeisterte Christin machen, die bei der traditionellen Sylvester-Vesper in Rom etwas zu ekstatisch den Arm von Papst Franziskus ergriff und ihn zu sich heranzuziehen versuchte. Der Papst, so zeigt ein viral gegangenes Video, reagierte nicht pastoral, sondern verpasste der Dame einen trockenen Schlag, um sich zu befreien, wofür er sich später entschuldigte.

Tagesposting: Zuversicht schleicht ins Herz
Die Autorin ist eine katholische Publizistin. Foto: Archiv

Das sind handgreifliche Auswüchse einer aktuell grassierenden Papolatrie, für die nicht allein die Gläubigen verantwortlich gemacht werden können. Viele Katholiken sind derart auf die Person des Pontifex bezogen, dass sie offenbar vergessen haben, worum es in ihrem Glauben wirklich geht: Nicht um die konkrete Person des Papstes, sondern um das Amt, nicht um den Menschen Franziskus, sondern um die Institution, die Christus gestiftet hat. Nicht der Papst ist unsere Heilsquelle, sondern das Wort, das Fleisch geworden ist. Der Papst hat die Aufgabe, diese Quelle für uns zu erschließen, sie aufzuschließen und uns, seine Schwestern und Brüder, im Glauben zu stärken in jenen schwierigen Zeiten, die wir durchleben.

Auf der Suche nach der Berührung Christi

Ob er dazu ein Bad in der Menge nehmen muss, ist fraglich. Es besteht die Gefahr, dass bei diesen Inszenierungen der Person die Botschaft unter die Räder kommt. Dadurch wird eine Zentriertheit auf den Menschen in Gang gesetzt, die das Sichtbare an die Stelle des Unsichtbaren, das Berührbare an die Stelle des Unberührbaren setzt. Natürlich kann man Päpste verehren, kann man ihrer Leistung für den Glauben und sogar für die Politik und für gesellschaftliche Fragen Hochachtung entgegenbringen. Aber man sollte dies immer im Bewusstsein tun, dass es sich dabei in erster Linie um eine Veneration des Amtes handelt. Auch Christus setzte sich der Menge aus und wurde berührt. Der Herr ging durchaus auf Tuchfühlung mit den Menschen seiner Zeit. Das Markus-Evangelium berichtet von einer Frau, die gehört hat, was man sich über Jesus erzählt. Wegen ihrer Unreinheit versucht sie, so unauffällig wie möglich an ihn heranzukommen und sagt sich: „Ich bra

Gott berühren
Der Mensch sucht nach der Berührung mit Gott. Es ist jedoch „kein physischer, sondern ein spiritueller Akt. Es ist ein T... Foto: Vatikanische Museen/unbekannt

uche nur seine Obergewänder anzufassen, dann werde ich gesund.“ Als sie die Fransen an seinem Gewand berührt, spürt sie sofort, wie ihre Blutungen aufhören. Endlich ist sie „von der schlimmen Krankheit geheilt“ (Markus 5, 27–29). Genauso müssen auch wir versuchen, Christus nahezukommen, ihn zu berühren und vielleicht sogar von ihm berührt zu werden. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns dem Papst an den Leib werfen.

Die Suche nach der Berührung Christi ist kein physischer, sondern ein spiritueller Akt. Es ist ein Tasten ins Unendliche hinein, es ist der Versuch, im Finstern zu sehen, im Lärm der Welt zu hören, mit stumpfen, unsensibel gewordenen Händen die Linien des Antlitzes Christi zu ertasten. Es wäre hilfreich, wenn die Glaubenslehrer – allen voran die Päpste – diese Hinwendung zum Unsichtbaren und Intangiblen, die eine echte Abkehr von der materiellen Welt fordert, in den Mittelpunkt ihrer Katechese stellen und nicht mit schlechtem Beispiel vorangehen würden.

Tagesposting: Papst zum Anfassen?
Alexander Pschera ist Unternehmensberater, Essayist und Übersetzer. Foto: Archiv

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