Tagesposting: Mut zur Bürgerlichkeit

Nobert Bolz
Der Autor ist Philosoph und Medienexperte. Aktuell ist von ihm das Buch „Die Avantgarde der Angst“ erschienen. Foto: Kathrin Harms

Es ist kein Zufall, dass man heute gerne von Lebensstilen, aber nur selten noch von Lebensführung spricht. Denn Lebensführung ist methodisch, Lebensstil ist bloß modisch. Die einen leben, die anderen führen ein Leben. So kann man die Freien von den Knechten, die Selbstständigen von den Betreuten unterscheiden. Denn Freiheit ist Lebensführung, statt bloß zu leben. Schon rein anthropologisch gilt eigentlich, dass der Mensch, weil er von Natur künstlich und labil existiert, leben nur kann, wenn er ein Leben führt. Doch erst die methodische Lebensführung des Bürgers macht aus dem Leben ein System. Die Welt, in der er sich bewährt, ist die Welt des Üblichen, der Routine, der Pensums, der Pflichten und Gewohnheiten, also die Welt der nächsten Dinge.

Das ist die biedermeierliche Dimension der Bürgerlichkeit. Sie kultiviert die Würde des Alltagslebens. Biedermeier ist, so eine gute Formulierung Max Kommerells, das Bürgertum als Stil. Der Bürger führt sein Leben von der Privatsphäre aus, und das Biedermeier ist in ganz eminentem Sinne die Kunst des Privatmanns. Sie präsentiert die Welt als Wohnung und Gemütlichkeit als säkularisierten Gnadenstand. Der Kern des Bürgerlichen ist die Privatangelegenheit. Mit anderen Worten, Bürgerlichkeit beginnt mit einer Unterscheidung, nämlich zwischen privat und öffentlich. Der Adel und die Masse leben öffentlich, der Bürger lebt privat. Jeder Liberale liebt das Private, denn in der Privatsphäre gilt noch das Recht auf Diskriminierung, gibt es noch die Möglichkeit der persönlichen Wertung und Unterscheidung. Entsprechend können sich nonkonformistische Tugenden nicht etwa in der durchdemokratisierten Öffentlichkeit, sondern nur im Privaten bilden.

Heute müssen wir uns fragen, ob der Einzelne überhaupt noch für sich selbst da sein kann, das heißt, ob es überhaupt noch eine Wirklichkeit des Privaten gibt. Denn die Privatsphäre des Bürgers konstituiert sich durch Bildung, Eigentum und Familie. Und sie stehen heute alle gleichermaßen unter sozialistischem Beschuss. Eigentum soll umverteilt werden. Bildung wird als Privileg denunziert. Und die Privatsphäre der bürgerlichen Familie, dieser Quellgrund der Persönlichkeit, löst sich in die Welt der Singles, Patchworks und allein erziehenden Mütter auf. Hinzu kommt, dass wahrhaft menschliches Leben für Intellektuelle immer öffentliches Leben sein muss. Und wie selbstverständlich setzen sie die Wertung durch, dass öffentliche Güter besser seien als private; dass die Sorge um das öffentliche Wohl edler sei als die Sorge für die eigene Familie. Man kommt dann gar nicht erst auf den Gedanken, dass die Intellektuellen vielleicht vor den Managementproblemen des Familienlebens in die Öffentlichkeit fliehen. Den Mut zur Bürgerlichkeit beweisen nicht die Stars der medialen Öffentlichkeit, sondern die Helden der Familie. Sie verzichten auf die große Geste und haben die Courage, das Gewöhnliche zu tun. Ihr Lebensmotto hat Nicolás Gómez Dávila einmal sehr schön formuliert: Klarsichtig ein schlichtes, verschwiegenes, diskretes Leben führen, zwischen klugen Büchern, einigen wenigen Geschöpfen in Liebe zugetan.