Tagesposting: Maß und Mitte statt Mittelmaß

Peter Hahne
Der Autor ist TV-Moderator und Schriftsteller. Foto: Archiv

Maß und Mitte. Das war einst Deutschland. Heute sind wir nicht mal mehr Mittelmaß. Wir exportierten nicht nur begehrte Güter „made in Germany“ in alle Welt, auch Bildung, Kultur, den Druck der Bibel und die Botschaft des Evangeliums. Aus Deutschland kam Bach, der Fünfte Evangelist. Und zuletzt ein Papst, dem intellektuell niemand das Wasser reichen kann, in der Bibel zuhause und von einem kindlichen Glauben beseelt. Maß und Mitte. Persönlichkeiten, die die Welt veränderten und prägten.

Allein die Ereignisse dieses Jahres zeigen, wie lawinenartig es abwärts geht. Mittelmaß ist noch eine Untertreibung. Schreiendes Symbol für dieses Debakel: Die Hamburger Katholische Kirche schließt sechs weitere Schulen. Abschied des Christentums aus der wichtigsten Einflusszone, der Bildung. Totalausverkauf! Und kein Aufschrei geht durchs Land. Statt auf die viel beschworene Nachhaltigkeit zu setzen, begnügt man sich mit dem kurzfristigen Silberstreif einer Sternschnuppe namens Greta. Die hat ja schließlich gerade erklärt, mal ein Jahr Pause von der Schule zu machen. Dass man für Klimaforschung Mathematik und Physik braucht, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Dafür stehen leibhaftige Kirchenführer hilflos-verzückt am Straßenrand und jubeln den demonstrierenden Schülern zu, die die ohnehin mangelhafte Bildung mal kurz auf eine Viertagewoche reduzieren.

Peter Hahne
Der Autor ist TV-Moderator und Schriftsteller. Foto: Archiv

Bischöfliche Blasphemie schreckt nicht davor zurück, Greta und ihre Klima-Kids mit Jesus, dem Heiligen Geist oder zumindest mit Propheten zu vergleichen. Vielleicht will die geschundene Funktionärsseele ja auch nur etwas von der Liebe abbekommen, die der kindlichen Klimagöttin entgegenstrahlt. Und die unvermeidliche Margot Käßmann sieht im Geiste schon Jesus mitmarschieren. Allerdings wurde der nicht nach einer Malediven-Flugreise vom Klima-killenden SUV seiner Mutter vors Klassenzimmer gefahren. Er ritt bekanntlich auf einem Esel nach Jerusalem. Kirche ist längst keine gesellschaftsprägende Kraft mehr. Atemlos hechelt sie dem Zeitgeist hinterher.

Das lebendige Beispiel erleben wir diese Woche in Dortmund. Beim Evangelischen Kirchentag ist vor lauter albernem Allotria und moderner Mätzchen einer links-grünen Allerweltsideologie nichts von der kirchlichen Kernkompetenz mehr zu finden. Eine peinliche Anbiederung an den Zeitgeist, als könne man damit nur einen Jugendlichen zurück zu Gott, zurück zur Kirche holen. Dieser mittelmäßige Massenevent verdeckt für Stunden das Elend einer Theologie der leeren Kirchenbänke. Doch es gibt sie noch, die Anziehungspunkte erwecklicher Verkündigung, die Tankstellen für Lebensenergie. Gott sei Dank. Das waren die vielen Pfingsttreffen mit Zehntausenden von Jugendlichen oder das Gebetshaus in Augsburg oder das kleine Dorf Stützengrün im Vogtland, wo zu meiner Predigt zum traditionellen Waldgottesdienst am Pfingstmontag mehr als 4 000 Menschen kamen. Nur zum Singen, Beten, Hören. Da geht einem das Herz auf. Echtes ist gefragt, keine billige Ranschmeiße an die vermeintlichen Bedürfnisse der Jugend. Leute, die sich mit dem Mittelmaß nicht länger abfinden wollen und Maß und Mitte suchen.