Tagesposting: Ent-täuschung? Ja bitte!

Die Bibel zeigt: Enttäuschung muss nicht die Endstation einer Beziehung sein. Sie ist vielmehr eine Chance, aufrichtiger lieben zu lernen.

„Hiob und seine Freunde“
Enttäuscht von Gott und den Freunden: der mit Unglück geschlagene Hiob auf einem Gemälde des Stuttgarter Malers Eberhard Wächter (1762-1852). Foto: dpa

„Ich bin so enttäuscht von dir!“ Wie viele Freundschaften und Beziehungen sind wohl schon mit einem solchen Satz in die Brüche gegangen? Enttäuscht werden kann man von Menschen. Und je mehr man in eine Beziehung investiert hat, desto größer der Schmerz, wenn etwas darin zerbricht. Enttäuscht kann man auch von sich selbst sein und schließlich auch von Gott.

Eine der wunderbaren Eigenschaften der Bibel ist, dass sie keine geschönten Varianten ihrer Helden präsentiert, sondern echte Menschen. Menschen mit Brüchen. Genau wie im echten Leben. So kennt die Bibel Enttäuschung durch Menschen. Josef wird von seinen 11 Brüdern verraten und in die Sklaverei verkauft. Enttäuscht von sich selbst war Petrus, der erst groß tönte, für Jesus zu sterben bereit zu sein und dann wieder zum Fischerberuf zurückkehren wollte, nachdem er zum Verleugner geworden war. Enttäuschung von Gott ist ein großes Thema im Buch Hiob und auch in etlichen Psalmen. In all den genannten Geschichten jedoch ist die Enttäuschung nicht die Endstation. Im Gegenteil: sie erweist sich fast als notwendig oder zumindest als Chance.

Enttäuschung als Chance zu aufrichtiger Beziehung

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Der Autor ist Leiter des Gebetshauses Augsburg. Foto: Archiv

Vor wenigen Monaten fiel mir ein Buch des Jesuiten Michael Bordt in die Hände, das den Titel trägt „Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen“. Die Aussage des kurzen Bandes ist weit davon entfernt, den Familienbanden ihre Würde abzusprechen. Nur wer es wagt, so Bordt, die Erwartungen anderer zu enttäuschen, wird ein selbstbestimmtes Leben führen können. Enttäuschung also nicht als Abbruch der Beziehung, sondern als Chance zu aufrichtiger Beziehung. Jede Enttäuschung ist nämlich auch das: eine Ent-Täuschung, eine Korrektur durch die Realität. Wo ich von einem Menschen enttäuscht bin, bin ich zugleich realistischer geworden. Nach der Enttäuschung besteht mehr Klarheit. Kann die Beziehung weiter bestehen? Welche Vorstellungen müssen korrigiert werden? Wie muss die Kommunikation beschaffen sein, dass Täuschungen vermieden werden?

Ein hörendes und offenes Herz bewahren

Die gleichen drei Fragen stellen sich auch bei einer Enttäuschung von sich selbst oder dem Enttäuschtsein von Gott. Jesus fragt Petrus „liebst du mich?“ und zeigt ihm einen Weg auf, wie die Beziehung weiter bestehen kann – unter veränderten Voraussetzungen. Petrus musste seine selbstbewusste Meinung von sich selbst korrigieren. Josef muss lernen, sein Vertrauen nicht auf Menschen zu setzen, sondern auf Gott. Seine überhebliche Vorstellung von sich selbst bedurfte einer Korrektur. Hiobs Bild von Gott musste ebenfalls zerbrechen. Das theologische Schulwissen seiner Freunde war unfähig, mit der Enttäuschung umzugehen. Am Schluss gelangt Hiob durch die Enttäuschung zu einer unverstellten Sicht auf Gott.

Die Enttäuschung demütigt uns, denn sie konfrontiert uns mit der Begrenztheit unserer Gedankenbilder. Selbst ein geliebter, scheinbar so vertrauter Mensch, kann so anders handeln, als man es erwartet hatte. Und sogar Gott, der gute Vater, scheint sich bei weitem nicht immer an unsere Vorstellungen davon halten zu wollen, was wir selbst für den idealen Weg halten. Nur wer bereit ist, trotz Enttäuschungen ein hörendes und offenes Herz zu bewahren, lernt zu lieben. Enttäuschung kann weise machen.

Der Autor ist Leiter des Gebetshauses Augsburg.