Tagesposting: Das Statement ohne Botschaft

Megatrend zur Tätowierung.
Tagesposting: Die SPD und  der Selige
Der Autor ist Unternehmensberater, Essayist und Übersetzer. Foto: Archiv

Allmählich wird es Winter. Diese Jahreszeit hat zumindest einen Vorteil: Man sieht weniger Haut. Noch vor wenigen Wochen dominierte die Ästhetik des Hässlichen am Strand oder im Schwimmbad. Damit meine ich nicht nur den stets irritierenden Anblick der Adipösen, sondern auch den offenbar weltweiten Megatrend zur Tätowierung. Man schätzt, dass es sich dabei in Deutschland um immerhin 20 bis 25 Prozent der Erwachsenen handelt, die sich Tinte in die zweite Hautschicht stechen lassen, um – ja, was zu erreichen? Einen unbefangenen Betrachter erinnert die Tätowierung ähnlich wie das Piercing an Tierkennzeichnungen, vor allem an Brandzeichen. Die wenigen noch Überlebenden der Konzentrationslager können noch heute die Häftlingsnummern vorzeigen, die ihnen die Nazis ins Fleisch geschrieben haben. Diese Erinnerung an den absoluten Schrecken ist vielleicht nötig, um die These zu verstehen, die ins Zentrum unseres Themas führt. Sie ist über hundert Jahre alt und stammt von dem Urvater der Neuen Sachlichkeit, dem Architekten Adolf Loos. Jeder, der einmal in Wien war, kennt sein Haus am Michaeler Platz, von dem entsetzte zeitgenössische Kritiker meinten, es sehe aus wie ein glatt rasiertes Gesicht. Die Ästhetik von Loos war nämlich schnörkellos.

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Der Autor ist Unternehmensberater, Essayist und Übersetzer. Foto: Archiv

Zugespitzt formuliert hat er sie in einem Aufsatz mit dem Titel „Ornament ist Verbrechen“. Er bekämpfte nicht nur das Ornament an der Häuserfassade, sondern auch das Ornament am menschlichen Körper als barbarisch: die Tätowierung. Der gebildete Fromme weiß, dass auch Gott die geätzte Schrift verurteilt hat. So heißt es im 3. Buch Mose 19, 28: ihr sollt keine „Buchstaben an euch ätzen“. Früher kannte man Tätowierungen eben nur von primitiven Völkern, Dirnen, Seefahrern und Gangstern. Heute schmücken sich auch Sportler und Celebrities damit. Als 1981 eine Langspielplatte der Rolling Stones mit dem Titel „Tatoo You“ auf den Markt kam, hat das niemanden überrascht. Und das Tribal-Tattoo auf dem Oberarm der früheren Präsidentengattin Bettina Wulff – angeblich ein „Stück meiner Überzeugung“ – wurde dann von „Bild“ enthusiastisch gefeiert. Wenn man davon absieht, dass sich manche tätowieren lassen, um Narben und Hautunreinheiten zu kaschieren, sind Tattoos der aufdringlichste Ausdruck des heute grassierenden Körperkults. Die Adepten selbst halten es für Körperkunst und behandeln ihre Haut als Leinwand. Sich mit einer Art permanentem Make-up zu schmücken, soll der Selbstdarstellung dienen. Dabei wird rasch die Grenze zum Exhibitionismus überschritten. Eine harmlose Vorform davon bieten T-Shirts mit aufgedruckten Botschaften, gerne auch Werbebotschaften. Das Tattoo demgegenüber ist ein Statement, das nicht bloß modisch sein soll, sondern irreversibel – und es auch ist, denn die Kosten und Schmerzen einer Revision sind erheblich. Doch welche Botschaft steckt in diesen Ornamenten? Das Tattoo bringt den Wunsch seines Trägers zum Ausdruck: Bloß kein Spießer sein! Aber weil es zum Mainstream-Phänomen geworden ist, gerät die Provokation zur Farce. Die geätzte Schrift ist ein Statement ohne Botschaft.