Würzburg

Tagesposting: Das Leben lieben - trotz allem

Die Geschichte des Holocaust-Überlebenden Joe Rubinstein zeigt eine unfassbare menschliche Finsternis - aber auch, dass trotz allem ein von Liebe getragenes Leben möglich ist.

"Weil Du Jude bist"
Unter dem Titel „Auschwitz 34207 – Die Rubinstein Story“ ist die Geschichte des Holocaust-Überlebenden Joe Rubinstein erschienen. Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Es gibt auf der Welt nicht mehr sehr viele Holocaust-Überlebende, die den Menschen mit persönlichen Worten bezeugen können, was unter den Nazis geschehen ist. Aber es gibt sie noch. Da wäre zum Beispiel Joe Rubinstein, zu dessen Leben gerade ein Buch erschienen ist: „Auschwitz 34207 – Die Rubinstein Story“.

Das Tagesposting-Icon
Das Tagesposting: Die Kolumne im Feuilleton der Tagespost. Foto: pr

Rubinstein ist ein polnischer Jude, der in den Konzentrationslagern von Buchenwald, Auschwitz und Theresienstadt interniert war. Er gelangte am 30. April 1942 als 21-Jähriger zusammen mit Hunderten anderen deportierten Juden in Gefangenschaft, ein junger Mann unter vielen. Eine bloße Nummer in den Augen seiner Wärter – ein Mensch, dem man seine Würde schon auf dem Transport im Viehwaggon abgesprochen hatte.

Gott und Liebe zu den Menschen

Als Nr. 34207 überlebte Rubinstein wie durch ein Wunder zwei Jahre lang den Horror des Konzentrationslagers. Und er verlor seine Hoffnung auch dann nicht, als er nach Buchenwald, Ohrdruf und Theresienstadt gebracht wurde und dort schreckliche Misshandlungen erlebte. Denn in Rubinstein lebte eine Kraft: der Glaube an Gott, die Zuflucht im Gebet und die Liebe zu den Menschen, die er zurücklassen musste.

Als im Mai 1945 die Sowjetarmee vorrückte, verließ Rubinstein Theresienstadt. Nach dem 2. Weltkrieg wanderte er in die USA aus, heiratete eine Christin mit deutsch-polnischen Wurzeln und machte als Schuh-Designer Karriere. Über 70 Jahre hat Rubinstein über seine Erlebnisse geschwiegen. Erst mit 92 Jahren hat er begonnen, darüber zu sprechen, mit einer Altenpflegerin namens Nancy Geise. Diese war es, die Rubinsteins Berichte aufgeschrieben hat.

So ist das Buch entstanden, in dem sich Rubinstein daran erinnert, wie während der Nazi-Zeit ein Nachbar den anderen verriet und die Hölle ausbrach. Es sind Erinnerungen an eine unfassbare menschliche Finsternis, an den Abgrund eines industriell geplanten Massenmords. Einmal sagt Rubinstein: „Vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Dunkelheit mussten wir, die wir selbst erschöpft und halb verhungert waren, die Leichen, die bei den Gaskammern lagen, zu nahegelegenen Gruben bringen, wo sie übereinandergestapelt wurden wie Bücher, die ins Regal einsortiert werden sollen.“

Trotz allem: Ein Leben voll Liebe

Solche Berichte sind gerade heute wichtig, wo der Antisemitismus in Europa wieder auf dem Vormarsch ist. Von linker Seite wird der Antisemitismus getarnt als Israelkritik, mit systematisch einseitiger Berichterstattung über den Nahen Osten. Von islamischer Seite erscheint er offen als Judenhass. Von rechter Seite ist es der Rassenwahn der Neonazis, der den Hass sät. Rubinsteins Geschichte ist auch deshalb wertvoll, weil es um ein Leben nach dem Holocaust geht.

Um ein trotz allem bejahendes, von Liebe getragenes Leben, in dem der Überlebende versucht, die Schrecken der Vergangenheit „wegzutanzen“, wie es an einer Stelle heißt. Hier spricht ein Mann, der nach dem Nazi-Horror nicht aufgehört hat, das Leben zu lieben, der nie aufgegeben hat. Das mutet unglaublich an. Oder wie Rubinstein selber sagt: „Nancy hat all das, was ich durchgemacht habe, in wunderbarer Weise niedergeschrieben. Es ist unfassbar, dass ich immer noch hier bin. Einfach unfassbar.“