Rom

Tagesposting: Christopher Robin kniet

An der Bettkante kniend das Abendgebet sprechen: Was früher normal war, ist heute eine Besonderheit. Aber warum? Eduard von Habsburg ruft dazu auf, sich wieder öfter auf die Knie zu begeben.

prayer before bed
Auf Knien das Abendgebet sprechen - heute eine Seltenheit. Foto: James Steidl/stock.adobe.com

Es gibt ein wunderschönes Bändchen mit Gedichten des Winnie Pooh-Autors A. A. Milne. Das letzte Gedicht darin handelt vom Abendgebet des kleinen Christopher Robin („Vespers“). Es ist ein berührendes, lustiges und warmherziges Gedicht. Das Interessante: Im Gedicht und in der Illustration sieht man den kleine Christopher an seinem Bett knien und sein Abendgebet sagen.

Nun fragte ich mich, welches Kind kniet heute eigentlich noch bei seinem Abendgebet. Ja, wann knien wir eigentlich heute noch, wir Katholiken?

Vor einigen Wochen hatte ich ein sehr beeindruckendes Erlebnis. Die Scala Santa, die „heilige Treppe“ gleich neben San Giovanni Laterano, war zum ersten Mal seit vielen Jahrhunderten wieder abgedeckt, so dass man nach alter Tradition direkt auf dem Original-Marmor auf den Knien hinaufgehen konnte. 20 Minuten etwa arbeitet man sich auf den ziemlich zerklüfteten Stufen unter wunderschönen Darstellungen der Leidensgeschichte aus dem 16. Jahrhundert diese Treppe hinauf. Wie Tausende, Hunderttausende, ja Millionen von gläubigen Christen seit tausend Jahren. Ich habe das innerhalb zwei Wochen zweimal gemacht und dabei über die Perspektive nachgedacht. Was es mit einem macht, wenn man von den Knien aus zu Jesus blickt.

Was es macht, ist, dass wir begreifen, wie unendlich dankbar wir Gott sein dürfen, dass er Mensch geworden ist und unter fürchterlichen Leiden unsere Schuld getragen hat. Dass die Perspektive des Kniens uns wieder erinnert, worum es eigentlich letzten Endes geht. Dass wir erlöst werden müssen, dass wir ohne Gott verloren sind. Dass wir der Hilfe bedürfen. Lex orandi, lex credendi. Die Art, wie wir beten, prägt unser Glaubensleben.

Der Mensch ist jetzt mündig

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Das Tagesposting: Die Kolumne im Feuilleton der "Tagespost" Foto: Archiv

Aber der Mensch kniet heutzutage nicht mehr. Muss er auch nicht. Weil er jetzt nämlich mündig ist. Er tritt Gott partnerschaftlich entgegen, auf Augenhöhe. So in einer Messe in Österreich vor ein paar Jahren, wo der Priester nach dem Sanctus verkündete, „wir stehen jetzt gemeinschaftlich bis zum Lamm Gottes“, das heißt natürlich auch während der Wandlung. Gott will erwachsene Christen, keine kniende Servilität. Oder?

Also, ich habe mich von den zerklüfteten Marmorstufen der Scala Santa (und vom kleinen Christopher Robin) inspirieren lassen. Ich knie jetzt wieder nach Herzenslust. In der Messe während der Wandlung sowieso. Auch beim Abendgebet. Und sogar, wenn es irgendwie möglich ist, bei der Kommunion, auch wenn einen manche dann blöd anschauen.

Warum? Weil die allergrößten Heiligen der vergangenen Jahrhunderte kein Problem damit hatten, sich in diese Lage zu begeben. Weil nur diese Körperhaltung uns daran erinnert, was eigentlich die Realität unseres Lebens ist.

Wissen Sie was? Warum probieren Sie es nicht auch? Nicht nur in der Kirche. Neben dem Bett beim Abendgebet. Oder warum nicht ganz spontan um 12 Uhr, beim Engel des Herrn? Man kann ja vorher sicherheitshalber prüfen, ob man alleine ist.

Eduard von Habsburg ist Botschafter Ungarns beim Heiligen Stuhl