Tagesposting: Christen: Vertrieben aus dem Wortschatz

Tagesposting: Trägheit und Spektakel
Der Autor ist Leiter des Ressorts Salon beim Magazin Cicero und Autor zahlreicher Sachbücher. Foto: Antje Berghäuser

Held dieser Tage ist ein Physiklehrer mit Namen Bömmel. Sein Name ist uns noch geläufig, weil Bömmels Versuche, das Wesen der Dampfmaschine zu ergründen, generationenübergreifend für Heiterkeit sorgt. Auf Schwarz und Weiß gebannt, verewigt im zitternden Schattenspiel, hat der fiktive Lehrer seinen großen Auftritt in der „Feuerzangenbowle“. Er will die Schüler, wie man heute wohl floskelte, da abholen, wo sie stehen, und verfällt in ein unterkomplexes, kindisches Reden, das weder der Dampfmaschine noch seinem Auditorium gerecht wird, und schnappt nach einem pädagogischen Refrain wie der Mops nach der Wurst: „Da stelle me uns mal janz dumm!“ Ganz und gar nicht zum Lachen sind die verbrecherischen Ereignisse von Ostern 2019, und doch ist die hohe Zeit des öffentlichen So-tun-als-ob angebrochen, der vorgetäuschten Naivität, der gespielten Arglosigkeit, des inszenierten Nichtwissens, um das Publikum nicht aus der Ruhe zu bringen. Wenn anlässlich der Anschläge von Sri Lanka, die mehr als 300 Menschen das Leben kosteten und über 500 Menschen verletzten, ein Vorstandsmitglied der SPD erklärt, „in weiten Teilen der Welt leiden Menschen unter Krieg, Terror, Verfolgung, Hunger oder Umweltzerstörung; wir müssen gemeinsam mit anderen bei globalen Gerechtigkeitsfragen mit gutem Beispiel vorangehen!“ – bewirbt sich dann Ralf Stegner für den goldenen Bömmel am Bande? Dass die meisten Toten katholische Christen waren, die während der Osterliturgie ermordet wurden, und keineswegs Opfer von Umweltzerstörung oder Ungerechtigkeit: dieses Faktum mag Stegner uns nicht zumuten.

Bundesaußenminister Heiko Maas von der SPD, katholisch obendrein, wählte ebenfalls die Bömmel-Maske und ließ sich mit den Worten zitieren: „Wir sind bestürzt über die entsetzlichen Anschläge auf Sri Lanka und verurteilen sie aufs Schärfste. Richtete sich offenbar gezielt gegen Betende und Reisende. Nichts kann diese niederträchtige Tat rechtfertigen.“ Als hätte je jemand, der bei Verstand ist, einen solchen Massenmord gerechtfertigt. Als wären Christen, die gezielt attackiert wurden, objektlos Betende. Als hätten Menschen, die Zoroaster verehren oder Kagutsuchi, eine ebensolche Vernichtungsenergie entbunden. Womöglich hat Heiko Maas sich in seiner unernsten Wortwahl von Barack Obama, Hillary Clinton oder zahlreichen anderen linken amerikanischen Demokraten inspirieren lassen, die unisono von „Eastern worshippers“ sprachen, „Oster-Feiernden“, um das Wort „Christen“ nicht in den Mund nehmen zu müssen. Die Fledermaus soll weiter schlafen. „Im Laufe des 20. Jahrhunderts und bis ins 21. Jahrhundert wurden die Christen mit Bomben und Kugeln aus dem Nahen Osten vertrieben, und zwar mit kaum einem Fledermausquietschen des Protests aus dem weltlichen Westen.“ Schrieb soeben der anglikanische Priester Giles Fraser im Guardian. Der Vertreibung der Christen aus immer mehr Territorien geht ihre Vertreibung aus dem aktiven Wortschatz voraus. Auch Getaufte verweigern das Zeugnis der Wahrheit. Ist das rhetorische Feigheit, echte Dummheit oder ein ewiger Karsamstag?