Streit um Tempelhof

Den ehemaligen Flughafen soll nach dem Willen Klaus Wowereits die Mode-, aber nicht die Filmszene der Hauptstadt nutzen

Die beiden Chefs der Filmstudios in Potsdam-Babelsberg, Carl L. Woebken und Christoph Fisser, hatten in letzter Zeit eine Menge Grund zum Feiern: Zuerst die Zusage von Starregisseur Roman Polanski, dass er nach seinem Welterfolg „Der Pianist“ von 2001 auch sein neues Drama, „The Ghost“, in Babelsberg dreht. Danach die Europapremiere des von den Babelsberger mitproduzierten, im Vorfeld heftig angefeindeten Films über das Stauffenberg-Attentat, „Operation Walküre“, mit Hollywood-Star Tom Cruise in Berlin, die nicht nur glatt über die Bühne ging, sondern auch Startschuss für einen veritablen Kinoerfolg wurde. Und schließlich war die Berlinale im Februar eine Art Leistungsschau des Babelsberger Filmkönnens: Sowohl der unterhaltsame Actionthriller „The International“ als auch das Nachkriegsliebesdrama „Der Vorleser“, die beide im Hauptprogramm des Berliner Filmfestivals zu sehen waren, sind zum Teil in Babelsberg gedreht worden. Vor allem aber hatten Woebcken und Fisser wieder koproduziert und so Inhalt und Stil der Filme wesentlich mitbestimmt.

Dass die Britin Kate Winslet für ihre Darstellung einer ehemaligen KZ-Aufseherin dann noch einen britischen Filmpreis und den „Oscar“ gewann, komplettierte den Reigen freudiger Ereignisse für die Babelsberger. Da in den vergangenen Jahren bereits die ebenfalls in Potsdam koproduzierten Dramen „Das Leben der Anderen“ und „Die Fälscher“ „Oscars“ eingeheimst haben, ist der Begriff von der deutschen „Oscarschmiede“ nicht übertrieben.

Für 2008 bleiben der Studio-Babelsberg AG bei einem Umsatz von etwa 65 Millionen Euro 2,7 Millionen Euro nach Steuern – ein beachtliches Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Woebcken und Fisser die ehemals defizitären Studiobetriebe erst 2004 vom französischen Wasserkonzern Vivendi übernommen haben. Kaum jemand aus der Filmszene traute damals den eingefleischten Münchener Unternehmern – die ihren Familien zuliebe noch heute ihren ersten Wohnsitz in der bayerischen Hauptstadt haben – zu, das traditionsreichste Filmstudio Deutschlands wieder flott zu kriegen. Heute ist Babelsberg ein international konkurrenzfähiger Produktionsbetrieb, der große europäische und Hollywood-Filmprojekte anlockt. Bei rund sechzig Konkurrenzstandorten in aller Welt seien dafür neben guten Kontakten nach Hollywood vor allem beste Technik und gut ausgebildete Mitarbeiter notwendig, betonen die für ihre umsichtige, gelassene Art geschätzten Studiochefs immer wieder. Welch gute Arbeit die Bühnenarbeiter in Babelsberg leisten, zeige die Anfrage von Bundeswehrhistorikern, die das für den Film „Operation Walküre“ bis zum Radiergummi exakt nachgebildete Büro des Hitler-Attentäters Stauffenberg aus dem Berliner Bendlerblock komplett in das Militärhistorische Museum, das zurzeit in Dresden gebaut und nächstes Jahr eröffnet wird, überführen wollen, berichtet Christoph Fisser.

Mit der auf zehn Jahre angelegten Zwischennutzung der Hangars des im Oktober 2008 stillgelegten Flughafens Tempelhofs durch die „Filmbetriebe Berlin – Brandenburg“ (FBB), die Mehrheitsgesellschafterin der Studio Babelsberg AG, würden rund 15 000 Quadratmeter Studiofläche gewonnen und Kapazitätsengpässe vermieden, wenn mehrere Filme gleichzeitig realisiert werden müssten, hieß es aus Babelsberg zu den seit 2006 öffentlich geäußerten Expansionsplänen Richtung Berlin: „Teile des Fundus, der Requisite und der Außenkulissen sind auf angemieteten Geländeteilen, die wir in den nächsten Jahren abgeben müssen“, so Christoph Fisser. Die zum Großteil unter Denkmalschutz stehende Tempelhofer Immobilie – eine der größten der Welt – sei „nur bedingt“ als normale Bürofläche, aber „optimal“ für die Ansiedelung von Medienfirmen und der Babelsberger Requisiten- und Kostümbestände geeignet, stand im Konzept zum „Filmhafen Tempelhof“, der nicht gegen den Potsdamer Standort gerichtet und mit den zuständigen Brandenburger Ministerien abgesprochen sei, so versicherten die Babelsberger Studiochefs in der Vergangenheit immer wieder, die nicht zuletzt wegen ihrer wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung für die Region auf Unterstützung durch die Politik der beiden Länder Brandenburg und Berlin setzten.

Doch nicht etwa die Brandenburger Politik machte der FBB schließlich einen Strich durch die Rechnung, sondern ausgerechnet der in der Medienszene bisher so beliebte Regierende Bürgermeister Berlins, Klaus Wowereit (SPD): Seine im Roten Rathaus offenbar ohne besondere Rücksichtnahme auf die eigene Senatsstelle für Stadtentwicklung getroffene Entscheidung, die internationale Modemesse „Bread & Butter“ wieder nach Berlin zurückzulocken und dafür andere Interessenten auszubooten, sorgte für gehörige Verstimmung selbst bei den sonst so diplomatisch agierenden Studiobetreibern Carl Woebcken und Christoph Fisser. Die beiden Studiochefs vertrauten auf ein bei solchen Projekten übliches, amtliches Ausschreibungsverfahren, was jedoch unterblieb.

Klaus Wowereit war hinter den Kulissen offenbar schon seit Herbst letzten Jahres dabei, mit dem Management der Modemesse eine Regelung für die Tempelhof-Nutzung zu schmieden. Die damals noch laufende Ideensammlung für eine Nachnutzung von Tempelhof wäre demnach eine Farce gewesen.

Dabei schien der Filmhafen-Plan für die Koalition aus SPD und Linken wie gerufen zu kommen, denn die jahrelang offen gebliebene Nachnutzung des Flughafengeländes hatte eine Achillesverse des rot-roten Senats offengelegt. Dass sich eine Metropole wie Berlin eine mehrere zehntausend Qua-dratmeter umfassende und mehrere Millionen an Instandhaltungsgeldern verschlingende Liegenschaft im Herzen der Stadt leistet, ohne dass dafür eine langfristige Lösung gefunden wurde, galt nicht nur bei der glücklosen CDU-Opposition als Skandal. Aber dass der Regierende Bürgermeister diese so weitreichende Frage wie seine Privatsache behandelt und die gesamte weitere Vermaklung der Flughafengebäude zugunsten einiger weniger Wochen im Jahr lahm legt, gilt nun als erste, politisch gravierende Belastung Wowereits.

Woebcken und Fisser drohten gar mit einer Unterlassungsklage gegen den Regierenden, von dessen öffentlichen Äußerungen, das Babelsberger Angebot für die Tempelhof-Immobilie sei nicht so lukrativ gewesen wie das der Modemesse, sich die Studioleiter diffamiert fühlten. Statt einer regelrechten Rücknahme ließ Wowereits Anwalt mitteilen, weder sein Mandant noch andere Vertreter des Landes Berlin hätten jemals behauptet, „dass die Firma FBB – Filmbetriebe Berlin – Brandenburg oder die Studio Babelsberg AG für die Nutzung des ehemaligen Fughafens Tempelhof bereits ein rechtsverbindliches Angebot abgegeben haben.“

Die Geschäftsführer der FBB sehen sich in ihrem Anliegen bestätigt, verlautet dar-aufhin aus Babelsberg: Durch den Hinweis, dass es nie „ein offizielles Angebot der FBB für die Nachnutzung des Flughafens Tempelhof gegeben“ hat, „ist die Notwendigkeit einer einstweiligen Verfügung hinfällig geworden“, so Christoph Fisser.