Streifzug durch christliche Hospitäler

„Das Hospital“: Der Tiroler Arzt Hans-Peter Rhomberg hat ein auch für Laien verständliches Buch zur Medizingeschichte geschrieben. Von Ulrich Nersinger

Das Kloster „Real Monasterio de Nuestra Senora de Guadalupe“ war nicht nur als Wallfahrtsort Spaniens berühmt, sondern es genoss einen außergewöhnlichen Ruf als Medizin- und Pharmazieschule. Hier wurden auch die ersten Autopsien in Spanien mit päpstlicher Bewilligung durchgeführt... Foto: IN
Das Kloster „Real Monasterio de Nuestra Senora de Guadalupe“ war nicht nur als Wallfahrtsort Spaniens berühmt, sondern e... Foto: IN

Themen aus der Medizingeschichte zu behandeln und kompetent darzustellen, traut man einem Mediziner, den Stipendien nach London und Chicago führten, der mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammenarbeitete und so nahezu alle renommierten Kliniken in Ost und West kennenlernte, sich in Innsbruck habilitierte und über 20 Jahre als ärztlicher Direktor und Primarius an einem Krankenhaus wirkte, durchaus zu. Doch Hans-Peter Rhomberg versteht es, solche Themen auch dem Laien verständlich nahezubringen.

Nach seinem vor sieben Jahren erschienenen Werk „Heilige und die Kunst des Heilens“ (Lindenberg 2008) legt der Tiroler Arzt nun eine neue Publikation mit dem Titel „Das Hospital. Heil- und Pflegestätten im Wandel der Zeit“ vor. Das Buch lädt den Leser auf einen Streifzug durch rund 2 500 Jahre Hospitalgeschichte ein. Beginnend in vorchristlicher Zeit mit den Asklepios-Kultstätten Griechenlands führt der Autor durch die frühmittelalterlichen Xenodochien (Fremdenherbergen) zu den Hospitälern der Klöster und Ritterorden. Seinen Gang durch die Krankenanstalten setzt Rhomberg mit den im Spätmittelalter gegründeten städtischen Spitälern fort. Er wirft einen Blick auf die Hospitäler für Soldaten und Seeleute in Frankreich und England und zeigt den Weg zu dem sich im 18. Jahrhundert entwickelnden Typus des modernen Krankenhauses auf.

Der Autor selber will sein Werk nicht als Lehrbuch oder Lexikon verstanden wissen, sondern als einen „kleinen Band“, in dem Heil- und Pflegeeinrichtungen „bildlich mit einem kurzen Begleittext dargestellt werden“. Und das ist Hans-Peter Rhomberg mit Bravour gelungen. Der Leser erhält einen verständlich geschriebenen und mit zahlreichen, überwiegend farbigen Abbildungen illustrierten Überblick, der den Bogen von den Asklepieien, den Heilstätten der Antike bis hin zu den Spitälern unserer Tage spannt. Er erfährt von der Methode des Heilschlafs in den heidnischen Tempeln und frühen Therapien, die man in Hellas und Rom durch Bäder und Schlackenkuren zur Anwendung brachte. Interessiert liest man, dass auf Rhodos und Malta allen Patienten in den Ordensspitälern zu den Mahlzeiten Teller und Trinkbecher aus Silber zur Verfügung standen, da man durch sie Keime und Bakterien zu verhindern suchte, und dass der Großmeister der adeligen Ordensgemeinschaft in höchsteigener Person zum Dienst an den Kranken eingeteilt war.

Im Beitrag über die Krankenhäuser des spätmittelalterlichen Florenz findet sich eine interessante Einschätzung von Martin Luther (1483–1546), an der sich noch heute Hospitäler orientieren sollten: „Es sind prächtige Bauwerke, optimales Essen und Getränke sind für alle erhältlich, die Wärter sind äußerst aufmerksam und die Ärzte sehr gelehrt. Die Betten und die Wäsche sind sehr sauber und die Betten sind bemalt. Sobald ein Kranker gebracht wird, wird er gänzlich entkleidet und in Gegenwart eines Notars kommen seine Kleidungsstücke mit großer Gewissenhaftigkeit in ein Depot.“ Zur Hygiene merkt Luther an: „Es kommen Wärter, die Essen und Trinken reichen, in sehr sauberen Glasgefäßen, welche sie nicht einmal mit den Fingern berühren.“

Das Buch räumt auch mit vielen Vorurteilen und vermeintlich kirchlicher Rückständigkeit auf. Das „Real Monasterio de Nuestra Senora de Guadalupe“ war nicht nur als Wallfahrtsort Spaniens hochberühmt, sondern es genoss auch einen außergewöhnlichen Ruf als Medizin- und Pharmazieschule. Hier wurden die ersten Autopsien in Spanien mit päpstlicher Bewilligung durchgeführt, an denen nicht nur Ärzte, sondern auch interessierte Laien teilnehmen konnten. In Guadalupe beobachtete man, dass mit Hilfe eines Schimmelkäses gewisse entzündliche Erkrankungen geheilt oder verbessert werden konnten. Diese Beobachtungen veranlassten den Entdecker des Penicillins, Sir Alexander Fleming (1881–1955), einen Winter in Guadalupe zu verbringen, um Literatur und Phänomen zu studieren. In Rom, im Hospitalkomplex von Santo Spirito in Sassia, war zu Beginn des 18. Jahrhunderts Giovanni Maria Lancisi (1654–1720), der „archiatra pontifcio“ (Leibarzt des Papstes), tätig. Hier entdeckte er die Anophelesmücke, die Überträgerin der Malaria.

Wenig bekannt sind die vielen sozialen Gründe, die zur Errichtung von Krankenhäusern führten, und das religiöse Verständnis ihrer Existenz. 1287 entstand in Ravensburg das Heilig-Geist-Spital, das der Aufnahme von Findelkindern, der Beherbergung von Armen und der Pflege von Kranken diente. Nur wenige Jahre später wurde das Gebäude um eine Kapelle erweitert, denn das Gebet der Hilfsbedürftigen war gleichsam die „Miete“, die an die Stifter und Spender zurückgegeben wurde. Um das Jahr 1200 erließ Papst Innozenz III. (1198–1216) die Verfügung, beim römischen Hospital Santo Spirito in Sassia eine „ruota degli innocenti“ anzubringen, eine Drehtrommel, in die Mütter ungewollte Neugeborene hineinlegen konnten – eine Art früher „Babyklappe“. Das „Royal Hospital Chelsea“ in London wurde 1682 von König Charles II. (1630–1685) als noch heute bestehendes Heim für Armeeveteranen begründet; es trat anstelle eines Rentensystems; sein Gegenstück für Angehörige der Kriegsmarine, das „Royal Hospital for Seamen“ in Greenwich, entstand nach Entwürfen von Sir Christopher Wren (1632–1723), der für die Fertigung der Baupläne keinerlei Honorarforderungen stellte.

Diese und noch viele weitere informative Details, eine verständliche Sprache und eine ansprechende Illustrierung machen das Buch zu einem wahren Lesevergnügen. Es regt an, sich näher mit der Thematik zu befassen und so manchem in der Publikation gegebenen Quellen- und Literaturhinweis nachzugehen.

Hans-Peter Rhomberg: Das Hospital. Heil- und Pflegestätten im Wandel der Zeit. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg 2014, 96 Seiten, 100 Abbildungen, ISBN 978-3-89870-898-2, EUR 16,80