Strauchelnde Weltverbesserer

Ökohaus und Reformpädagogik: Die neue Bürgerlichkeit zu Gast im Theater. Von Björn Hayer

Zerplatzte Seifenblasen und einstürzende Fassaden der Gesellschaft, gepaart mit bitterer Ironie: Phillipp Löhles „Trilogie der Träumer“ im Theater in Bern. Foto: Theater Bern
Zerplatzte Seifenblasen und einstürzende Fassaden der Gesellschaft, gepaart mit bitterer Ironie: Phillipp Löhles „Trilo... Foto: Theater Bern

Das neue Bürgertum ist hipp, trifft sich in Bio-Läden, feiert gediegene Abende mit Tofu-Würstchen und schickt seine Kinder nicht selten auf Walddorfschulen. Statt auf den Konservatismus der ausgedienten Bourgeoisie setzen sie auf progressive Öko-Ethik und Reformpädagogik. Zum erlesenen Kreis gehören indes keineswegs mehr nur Alt-68er und Dreadlocks tragende Aussteiger, sondern Ärzte, Lehrer und Journalisten. Profil der neuen „postmaterialistischen“ Gesinnungsbrüder: Obere Gehaltsklasse, Universitätsabschluss, wohnhaft in Berlin Kreuzberg. Was sie eint, sind gemeinsame Werte wie Umweltbewusstsein und soziale Verantwortung. Geld ist kein Selbstzweck, sondern Mittel, um durchaus auch anderen damit zu helfen.

Es mag wohl kaum überraschen, dass solcherlei edelmütiges Weltverbesserertum den besten Rohstoff für Karikaturen und Parodien des Theaters liefert. Dass das neue Bürgertum über eine gehörige Portion Selbstironie verfügen muss, lernt es spätestens in den amüsanten Inszenierungen auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum. Allen voran Yasmina Rezas scharfzüngige Komödie „Der Gott des Gemetzels“, prämiert mit dem Nestroy-Preis und uraufgeführt 2006 am Schauspielhaus Zürich, überschüttet die Post-Hippie-Generation mit Hohn und gleißendem Gelächter: Nach einer Prügelei ihrer Söhne finden sich zwei Paare in einer gut gelegenen Stadtwohnung zusammen, um Ursache und Folgen des Streits zu besprechen. Während der Karrierist und Unternehmensanwalt Alain Reille ständig per Handyanweisungen einen Medizin-Skandal zu verschleiern versucht, und seine Frau Annette mehr schlecht als recht die Wogen zu glätten sucht, verstecken sich Michel Houillé und Véronique hinter linksalternativem Weltethos. Letztere preist ihr Engagement für die Armutsbekämpfung in Afrika, zählt sich zum Volk der aufgeklärten „Weltbürger“ und stilisiert die Jungenkeilerei zur zivilisatorischen Grundsatzfrage. „Gewalt geht uns alle an“, weiß die Vorbildmutter zu mahnen. Auf die „Predigten über globalen Bürgersinn“ und elterliche Erziehungsverantwortung erhitzen sich die Gemüter deutlich, bis sich der eigentliche Fokus der Debatte verschiebt. Nicht die Kinder sind mehr der Gegenstand des Konflikts, stattdessen kollidieren die unterschiedlichen Weltanschauungen miteinander. Hier das pragmatische Business-Duo, dort die Moralapostel. Ein Wettbewerb um die bessere Moral artet in einem Alkoholrausch und schließlich animalischer Zerstörungsgewalt aus, an dessen Ende allesamt die Masken ihrer aufgesetzten Rollen fallen lassen. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen zweier Unglücksehen, die an den eigenen hehren Idealen scheitern.

Zerplatzte Seifenblasen, einstürzende Fassaden, gepaart mit Slapstick und bitterer Ironie kennzeichnen ebenso Phillipp Löhles 2012 in Bern uraufgeführte „Trilogie der Träumer“, die sich aus den drei zuvor an anderen Bühnenstätten gezeigten Einzeldramen „Lilly Link oder schwere Zeiten für die Rev…“, „Genannt Gospodin“ und „Die Kaperer“ zusammensetzt. Um vor einem bevorstehenden Hochwasser gewappnet zu sein, plant Mörchen im letztgenannten Stück für Frau und Kind das ultimative Ökohaus mit hydraulischer Absicherung gegen Überschwemmungen zu errichten. Er investiert alles, bis er vor einem Ruin steht und letztlich schicksalshaft mit seiner Utopie untergeht. Grotesk-verzerrt lässt Regisseur Jan-Christoph Gockel während der Aufführung eine riesige Miniaturlandschaft aus Playmobil untergehen. Der Traum von einer autarken, im Einklang mit Natur und Kultur befindlichen Existenz wird buchstäblich davongeschwemmt.

Ähnlich wird der titelgebende Protagonist in „Genannt Gospodin“ durch die Wirklichkeit eingeholt. Seine Wünsche von einer anderen Lebensordnung jenseits von Leistungsdruck und Konsumverführung entlarvt Löhle als realitätsuntaugliche Obsessionen. Nachdem sein Held sukzessive versucht, als antikapitalistischer Eremit ohne Geld in der Gesellschaft zu leben, endet die Chose im Gefängnis. Nur dort kann er seinen Verzicht erproben. Die Zwänge der Außenwelt sind allgegenwärtig und können nicht überwunden werden.

Das Lachen über all diese Untergänge und Misslichkeiten der Figuren kommt dabei nie einem Auslachen gleich. Es ist eine Komik, die neben Unterhaltung allen voran eine Distanzhaltung beim Zuschauer erzeugt. Weil die Helden dieser Gesellschaftssatiren – allesamt von trauriger Gestalt – in ihrem ideologischen Prinzpieneifer überspitzt dargestellt werden, vermögen der Theaterbesucher den Menschen von seinen Rigorismen zu trennen. Die Sklaven ihrer Moral durchlaufen ein schicksalshaftes Tal der Verirrungen, um schließlich zu begreifen, dass keinerlei Ethik absolut und schon gar nicht abgekoppelt von den tatsächlichen Verhältnissen der Welt erfolgreich sein kann. Statt stabile Wertegrundlagen zu verwerfen, hinterfragen die Autoren eher deren Praktikabilität. Und immer lautet die Botschaft: Ein Aussteigertum, eine Flucht in einen selbst geschaffenen Hortus conclusus des Heils und der Harmonie kann nicht funktionieren. Wer sich abkoppelt, muss umso härter erfahren, wie das künstliche Paradies an seinen Rändern zu zerfasern droht.

Schlimmer als jeder Trugschluss wiegt nur noch die vorsätzliche Heuchelei des Gutmenschen. Sich allem Fremden und Unwägbaren des Daseins zu verschließen, ist insbesondere das Bestreben der großbürgerlichen Familie Klemmer. In der Uraufführung von Rebekka Kircheldorfs „Testosteron“ versucht der Wohlstandsclan, stets im Dunstkreis des „guten Viertels“ zu verbleiben, erlabt sich am beschaulichen Glück der Abschottung, währenddessen die Außenwelt nur über Kameras in das zuckersüße Familienparadies eindringt – bis schließlich Solveig, die Frau des „guten Sohnes“, von einem Zuhälter entführt wird. Von Angst gelähmt bittet deren Angetrauter und Weichei seinen Bruder, das Stiefkind der Familie und Gangsterbaron im „schlechten Viertel“, die Gattin zu befreien. Im Laufe der Ereignisse erleben sie alle einen tiefgreifenden Wandlungsprozess. Das in feinem, den Bühnenraum umspannenden Goldrahmen gehaltene Idealbild bürgerlicher Vollkommenheit bleibt schlussendlich als ein Schlachtfeld mit den Leichenteilen erschossener Ganoven zurück.

Wozu aber das Ganze? Soll der Zuschauer den Untergang des Bürgertums als Bekenntnis zum Nihilismus auffassen? Man darf die Aussagen der Dramen nicht missverstehen: Sie frönen keinem postmodernen Relativismus. Vielmehr laden sie den Zuschauer zur Reflexion über eigene Normen und Ideale ein. Sie motivieren zur Selbstbespiegelung, halten uns dazu an, die eigene Maxime mit Achtsamkeit und Gespür in unseren Lebensraum zu integrieren. Bezeichnend mag sein, dass Löhles, Kricheldorfs und Rezas Überzeugungstäter im Grunde genommen immer gegen die Gesellschaft arbeiten. Indem sie buchstäblich Bastionen – ob als Ökohaus oder abgeriegeltes Domizil im „guten Viertel“ – gegen die Widrigkeiten der Umwelt errichten, geben Sie die Lösungssuche auf. Sie entziehen sich des Dialogs, werden im wahrsten Sinne des Wortes asozial, skurril und mitunter eigenbrötlerisch. Ein Theater, das derart entschlossen die Gegenwart einzufangen sucht, weicht nicht in Resignation und Schwarzmalerei aus. Es fordert den Zuschauer sogar ganz im Sinne von Bertolt Brechts politischem Theater zum Aktivismus für eine bessere Welt auf.

Doch schon die schlichte Analyseleistung dieser Werke ist beachtlich: Selbst wenn die Protagonisten auf den ersten Blick übertrieben und reißbrettartig erscheinen, sagen sie vieles über das Menschsein an sich aus. Da sie im Laufe der Handlung alle durch übersteigerten Hochmut, Borniertheiten, Irrtum und Heucheleien ins Straucheln geraten und nach dem Sturz erneut auf den Boden der Tatsachen gelangen müssen, zeugen sie von einem Menschenbild, das Fehler einschließt. Und liegen darin nicht auch urbürgerliche Tugenden? Das Potenzial zur Veränderung, Vergebung und überhaupt zur Freiheit? Das antibürgerliche Theater wird somit wieder sehr bürgerlich und zeigt: Weltverbesserung ist ein nie endendes Projekt. Es beginnt mit der Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und der Realität.