Stets auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Sein Thema waren immer die Dinge, die zu Herzen gehen: Peter Härtling zum 80. Geburtstag. Von Ilka Scheidgen

Man möchte es kaum glauben, dass der noch immer irgendwie jugendlich wirkende Schriftsteller Peter Härtling schon achtzig Jahre alt wird. Mit seinem immensen Schaffen – ungefähr siebzig Bücher sind von ihm veröffentlicht worden – hat er sich im Schreiben einen Jungbrunnen geschaffen. Denn „das Schreiben ist für mich wie eine aus dem Innern kommende Lebensbewegung“, wie er jüngst in einem Interview bekannte, und das zur notwendigen Gewohnheit gewordene Schreiben gehöre für ihn zum Leben wie das Atmen.

Peter Härtling wurde am 13. November 1933 in Chemnitz als Sohn eines Rechtsanwaltes geboren und lebte ab 1941 im tschechischen Olmütz. Frühe Verluste prägen seine Biografie. Sein Vater starb in russischer Kriegsgefangenschaft. 1945 verlor er seine Heimat, als seine Mutter mit ihm und seiner Schwester nach Zwettl in Niederösterreich flüchtete. Schon ein Jahr später verlor er seine Mutter, als diese Selbstmord beging. Die Literatur war für ihn ganz sicher eine Möglichkeit, über diese Verluste hinwegzukommen, sich in den Figuren seiner Romane ein Gegenüber zu schaffen, mit dem er seiner Einsamkeit entfliehen konnte. So verwundert es nicht, wenn in seinem mit vielen angesehenen Preisen ausgezeichneten Werk wiederkehrende Themen – Weg, Fahrt, Ferne, Verwandlung, Vergänglichkeit, Verbannung, Verlorenheit – sowohl seine Gedichte als auch seine Romane bestimmen. So ist für Peter Härtling die Familie von überaus großer Wichtigkeit, was er vor allem in seinen wunderbaren, realitätsgesättigten Kinder- und Jugendbüchern vermittelt.

Jetzt erscheint nicht nur ein neuer Erzählband „Tage mit Echo“, sondern auch ein Kinderbuch „Hallo Opa – Liebe Mirjam“, das, dem Leben abgelauscht, von dem bewegenden Gespräch in Mails zwischen Großvater und Enkelin erzählt. Hier ist Peter Härtling, der gerne etwas altmodisch daherkommt, voll auf der Höhe der Zeit. Die Vorlieben heutiger Jugendlicher (Facebook und Co.), ihr Eigensinn, ihre Renitenz – das wird liebenswert und komisch in wechselseitigen Mails besprochen.

Erinnern bedeutet für ihn, der Zeit zu entfliehen, aber auch ihr vorauszueilen in Träumen und Utopien von einer friedlicheren, gerechteren Welt. „Ich kann keine Paradiese schildern“, sagt er. „Die haben wir alle im Laufe von wenigen Weltsekunden verraten, vergessen.“ Mit dieser Erinnerungsarbeit ist Peter Härtling gleichsam stets auf der Suche nach der verlorenen Zeit. In seinen Romanen „Zwettl – Nachprüfung einer Erinnerung“ (1973), „Nachgetragene Liebe“ (1980), „Der Wanderer“ (1988), „Herzwand“ (1990) beschwört er rückblickend eine von ihm als bedrückend und unmenschlich erfahrene Wirklichkeit, um sich selbst davon zu befreien, aber auch, um Geschichten gegen die Geschichte zu erzählen. Wie Liebesgedichte könnte man auch seine Biografien über Künstler (Hölderlin, Lenau, Schubert, Schumann, Fanny Mendelssohn) lesen. So auch in seinem jüngsten Band mit zwei Erzählungen „Tage mit Echo“, die beide – wie ganz oft bei Peter Härtling – autobiografisch fundiert sind. In der ersten erschafft er sich in dem Schauspieler und Rezitator Brodbeck ein alter Ego, das auf seinen ausgedehnten und strapaziösen Lesereisen aus lauter „letzten“ Werken von Autoren vorliest, „weil es wunderbare Abschiede sind“. Wer hörte da nicht die für Härtling so kennzeichnende melancholische Note heraus, aber auch seinen feinen Humor. In der zweiten Erzählung wandert er quasi als „Kopfwanderer“ mit dem unglaublich früh und reich begabten Künstler der Romantik Carl Philipp Fohr zuerst durch die Heimat um Heidelberg und den Odenwald, und dann bis nach Rom, wo dieser schon mit 22 Jahren ein alles in sich vereinendes Bild mit Porträts seiner Künstlerkollegen als Riesengemälde schaffen möchte. Es bleibt unvoll-endet. Fohr ertrinkt beim Baden im Tiber. Das sind genau die Art Schicksale oder Biografien, die Härtling zeitlebens im Schreiben selbst nacherlebt und den Leser hautnah nacherleben lässt. Dabei ist es immer dieser unvergleichliche innige, zu Herzen gehende Härtling-Sound, der seine Leser, ob jung oder alt, gefangen nimmt.

Der jüngst verstorbene Kritiker Marcel Reich-Ranicki lobte Peter Härtling bei der Vergabe des Hölderlin-Preises (1987): „Härtling hat sich die Sache der Literatur wie kaum ein anderer Zeitgenosse zu eigen gemacht.“ Ein viertel Jahrhundert später kann man dieses Urteil ganz entschieden bestätigen.

– Tage mit Echo. Zwei Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2013, 256 Seiten, EUR 18,99

– Hallo Opa – Liebe Mirjam. Eine Geschichte in E-Mails. Beltz & Gelberg, 2013, 68 Seiten, EUR 12,95