Sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten

Der Sammelband „Sterben – an der Hand oder durch die Hand des Menschen“ fragt nach der Menschenwürde unter Bedingungen einer Hochleistungsmedizin

Nichts ist so sicher wie der Tod. Gleichwohl sind Sterben und Tod so etwas wie die letzten verbliebenen Tabus unserer Gesellschaft. In letzter Zeit werden sie freilich immer häufiger gebrochen. Oftmals handfest und noch häufiger: wortreich. Durch Appelle, die das Ziel verfolgen, den begleiteten Suizid salonfähig zu machen; aber auch auf menschenwürdige Weise, bei der dann die liebevolle Begleitung sterbender Menschen im Mittelpunkt steht.

Wie das eine vermieden und das andere verbessert werden kann, war im vergangenen Jahr Thema der von der „Arnold Janssen Solidaritätsstiftung“ veranstalteten „III. Internationalen Gocher Gespräche“, in deren Verlauf der mit 15 000 Euro dotierte „Arnold Janssen Preis“ an die Deutsche Hospiz Stiftung verliehen wurde. Nun ist das „Buch zur Tagung“ erschienen. Und wie es scheint, hätte es kaum einen günstigeren Zeitpunkt dafür geben können.

Bereits das Inhaltsverzeichnis des Bandes, der den Titel „Sterben – an der Hand oder durch die Hand des Menschen?“ trägt, macht Lust aufs Lesen. Nicht nur, weil man dort auf eine ganze Reihe prominenter Namen stößt, so etwa auf die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU), die Schauspielerin und Schirmherrin der Deutschen Hospiz Stiftung Uschi Glas, den früheren Staatssekretär im Forschungsministerium und SPD-Bundestagsabgeordneten Wolf-Michael Catenhusen oder auch den Vorsitzenden des Marburger Bundes Rudolf Henke.

Beeindruckender noch als die versammelte Prominenz ist der thematische Bogen, den der Sammelband spannt und der zahlreiche wichtige Facetten des Themas beleuchtet.

Da referiert etwa der renommierte Jurist und Direktor des Instituts für Staatsrecht der Universität zu Köln, Professor Wolfram Höfling, über den Wert von Patientenverfügungen. Da berichtet der Inhaber des Lehrstuhls für Medizinethik an der Freien Universität Amsterdam, Professor Henk Jochemsen, über die „Tötung auf Verlangen“ in den Niederlanden, die inzwischen in allen Benelux-Ländern zur bedauerlichen Praxis geworden ist. Da fragt der protestantische Philosoph Professor Thomas Sören Hoffmann in seinem fulminanten Beitrag, ob „Töten auf Verlangen“ eine Wohltat sein könne und entblößt – Nietzsche zitierend – die ganze Inhumanität einer gottlos gewordenen Gesellschaft: „Der Kranke“, so Nietzsche, „ist ein Parasit der Gesellschaft. In einem gewissen Zustande ist es unanständig, noch länger zu leben. Das Fortvegetieren in feiger Abhängigkeit von Ärzten und Praktiken, nachdem der Sinn vom Leben, das Recht zum Leben verlorengegangen ist, sollte bei einer Gesellschaft eine tiefe Verachtung nach sich ziehen. Die Ärzte wieder-um hätten die Vermittler dieser Verachtung zu sein, – nicht Rezepte, sondern jeden Tag eine neue Dosis Ekel vor ihren Patienten (...). Eine neue Verantwortlichkeit schaffen, die des Arztes, für alle Fälle, wo das höchste Interesse des Lebens, des aufsteigenden Lebens, das rücksichtsloseste Nieder- und Beiseite-Drängen des entartenden Lebens verlangt (...).“ Obgleich inzwischen schon 120 Jahre alt, seien diese Sätze, zu finden in Nietzsches „Götzendämmerung“, laut Hoffmann heute „in mancher Hinsicht aktueller denn je“.

Wie Hoffmann zeigt, sucht Nietzsche mit dem „zum Metaphysicum aufgerückte Leben“ die durch seinen Nihilismus entstandene Leerstelle zu füllen, wobei den Philosophen der Verdacht beschleicht, dass das „metaphysische Leben, das Nietzsche beschwört“, am Ende bloß eine „Mystifikation“, eine „emphatische Ausrufung eines abstrakten Allgemeinen“ sei. Eine ähnlich schlechte Metaphysik betreibe – so darf man Hoffmann wohl verstehen – auch unsere heutige Gesellschaft, wenn sie danach frage, ob „,dem Leben‘, ,der Welt‘ oder ,der Gesellschaft‘ etwas Gutes“ erwiesen werde, wenn den von verzweifelten Menschen geäußerten Tötungswünschen entsprochen werde.

Auch die überwiegend praktisch orientierten Beiträge des Bandes haben es in sich. Da fragt etwa die diplomierte katholische Theologin Ida Lamp, die ehrenamtliche Sterbebegleiter für ihren ebenso wichtigen wie schwierigen Dienst qualifiziert, und die sich dafür einsetzt, dass in allen Einrichtungen, in denen Menschen sterben, „Palliative Care“ angeboten werden kann, was der Einzelne leisten kann, um sterbende Menschen auf ihrem letzten Stück Weg zu begleiten. Da beleuchtet der promovierte Theologe Peter C. Düren, der selbst in einem Hospiz gearbeitet hat, das Phänomen des Sterbens aus theologischer Sicht und zeigt, dass es neben dem „schnellen“ und dem „sanften Sterben“ auch ein „seliges Sterben“ gibt, das allen anderen überlegen ist. Da fragt der Würzburger Medizinrechtsexperte Rainer Beckmann, der über zwei Legislaturperioden hinweg der Enquete-Kommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ des Deutschen Bundestages angehörte, wie ein menschenwürdiges Sterben unter den Bedingungen einer Hochleistungsmedizin möglich bleibt und was dafür von Nöten sei. Die Antworten, die die Autoren in dem vom Juristen Georg Kaster herausgegebenen Band, der selbst ein bemerkenswertes Schlusswort beigesteuert hat, aufzeigen, sind ganz überwiegend geeignet, den Aufbau einer „Kultur des Lebens“, wie er von Johannes Paul II. gefordert wurde, voranzutreiben und verdienen daher gerade von Katholiken größtmögliche Beachtung.