Stammzellenforschung: Kein einheitliches Votum der Religionsvertreter

Bei einer Tagung in Wien haben katholische, evangelische und islamische Theologie unterschiedliche Positionen vertreten

In der Beurteilung der Stammzellenforschung sind die ethischen Positionen der Religionsgemeinschaften unterschiedlich: Dies wurde bei einer Tagung über Stammzellenforschung in Wien deutlich, die gemeinsam vom „Institut für Ethik und Recht in der Medizin“ (IERM) und der Bioethik-Komission im Bundeskanzleramt ausgerichtet wurde. Die Position der katholischen Ethik referierte die Wiener Moraltheologin Professor Sigrid Müller.

Sie verteidigte die prinzipiell ablehnende Haltung der katholischen Kirche zur Forschung an embryonalen Stammzellen mit dem Hinweis auf die dem Embryo vom Moment der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an zukommende Menschenwürde. Aus dieser Würde folge zugleich der moralische Imperativ des Lebensschutzes, so Müller: „Embryonen zählen aus katholischer Sicht bereits zur Gattung Mensch und daher kommt ihnen ein umfassender Lebensschutz zu.“

Außerdem folge aus der Menschenwürde zugleich die Pflicht, „den Embryo nicht zu Forschungszwecken zu instrumentalisieren“. Der Bonner Theologe Hartmut Kreß referierte den aktuellen ethischen Diskurs zur Stammzellenforschung in der evangelischen Theologie. Eine eindeutige Position lasse sich laut Kreß aufgrund des „Pluralismus in der Ethik des Protestantismus“ nicht ausmachen. Insgesamt habe jedoch in den vergangenen Jahren ein „Lernprozess“ in der evangelischen Theologie stattgefunden, der zu einer Stärkung des Lagers der Befürworter embryonaler Stammzellenforschung geführt habe. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) habe einen „überraschenden Kurswechsel“ vorgenommen.

Ursprünglich hatte die EKD das in Deutschland seit 2002 geltende entsprechende Gesetz abgelehnt, jetzt trete sie aber für Erleichterungen beim Import humaner embryonaler Stammzell-Linien ein, um „die Bedingungen für die Forschung in Deutschland zu verbessern“. Kreß sprach sich im Rahmen seines Vortrags für eine gestufte Schutzwürdigkeit des Embryos und damit für eine Förderung embryonaler Stammzellenforschung aus. Bisherige Begründungen für eine absolute Unantastbarkeit des Embryos hätten sich „inzwischen als brüchig erwiesen“, so Kreß.

Dass auch der Islam keine einheitliche Lehrmeinung zur Frage der embryonalen Stammzellenforschung hat, legte Ilhan Ilkilic vom „Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin“ an der Universität Mainz dar. Der Koran trage bei dieser Fragestellung nur so weit, als er den Zeitpunkt der „Beseelung“ des ungeborenen Kindes als Beginn der absoluten Schutzwürdigkeit definiere. Eine genaue Zeitangabe fehle jedoch, so dass es unter den islamischen Rechtsschulen einen Streit über den Zeitpunkt der „Beseelung“ gebe. Ein prinzipielles Nein zur embryonalen Stammzellenforschung gebe es im Islam jedoch nicht. DT/KAP