Stalin und das Dämonische

Ein Versuch über das Phänomen des Diktators. Von Ingo Langner

Auch Zweifelnde sollen überzeugt werden: Propagandaplakat der DDR zu Stalin. Foto: DHM
Auch Zweifelnde sollen überzeugt werden: Propagandaplakat der DDR zu Stalin. Foto: DHM

„Männer machen die Geschichte“ – dieser Heinrich von Treitschke, dem offiziellen Hofhistoriographen Preußens zugeschriebene Satz, gilt unter den Anhängern des sogenannten Historischen Materialismus als der „idealistische Irrtum“ schlechthin. Karl Marx setzte dagegen: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“

Nun ist es zwar eine Binsenweisheit, dass Menschen nicht im Nirgendwo-Irgendwo handeln, sondern stets im Hier und Jetzt. Aber ihr Handeln für einen automatischen Reflex auf die vorgegebene Realität zu halten, ist ein von der Wirklichkeit täglich widerlegter Gedanke. Dass er ausgerechnet unter Marxisten grassiert(e), könnte einen, die leider Geschichte machenden Herren Marx, Engels, Lenin und Stalin vor Augen, zum Lachen reizen. Ohne den marxschen Wahn, der wahre Mose nicht nur des jüdischen Volkes, sondern aller Völker zu sein, der diese mit der Kraft seines Gedankengebäudes nicht bloß wie jener aus dem ägyptischen Sklavenhaus ins Gelobte Land führt, sondern die Verdammten dieser Erde in das Paradies Kommunismus geleitet, wo sie auf immer von all ihren Ketten befreit sein werden, hätte es keine bolschewistische Revolution gegeben.

Die kommunistische Verheißung, an deren Realisierbarkeit ein Lenin möglicherweise noch wirklich geglaubt haben mag, ist für seinen Nachfolger Stalin aber bloß noch die Tarnkappe gewesen, mit der er seine unersättliche Mordlust kaschiert hat. Diesen Gedanken formuliert Jörg Baberowski so: „Nichts aber deutet darauf hin, dass Stalin ein Täter war, der ideologischen Zwängen gehorchte, als er befahl, Menschen zu foltern und zu töten. Stalin war vielmehr ein Mörder, dem es Freude bereitete, zu zerstören und zu verletzen und der das ideologische Argumentationsgerüst, das ihm die kanonischen Texte zur Verfügung stellten, dafür verwendete, seine Untaten öffentlich zu rechtfertigen“ – und wem es gelingt, das Meer an Blut zu ertragen, das der Berliner Historiker auf fünfhundert engbedruckten Seiten ausbreitet, der kann zu einem anderen Schluss als diesem nur schwerlich kommen.

Wer Stalin war, was den Sowjetdiktator antrieb, wie er nach Lenins Tod 1924 zu seiner Alleinherrschaft aufsteigen konnte, warum er nicht gestürzt worden ist und 1956 schließlich sogar im eigenen Bett eines natürlichen Todes sterben konnte, darüber hat sich mehr als ein Geschichtsforscher in den vergangenen fünfzig Jahren den Kopf zerbrochen. Auch für Baberowski ist das Thema nicht neu. Doch jetzt nimmt er an, den entscheidenden Schlüssel gefunden zu haben. Seine Grundthese besagt, Stalin sei der alles und alles allein entscheidende Mann im großen Sowjetterror mit seinen abermillionen Opfern gewesen. Er war das Alpha und Omega der Sowjetdiktatur. Allein sein Wort war Gesetz. Dass es an dieser Annahme überhaupt irgendeinen Zweifel geben kann, ist für den, der mit der Geschichte des Bolschewismus auch nur einigermaßen vertraut ist, mehr als erstaunlich.

Dass es offenbar Historiker gibt, die Stalin als Instrument anderer Mitstreiter sehen oder womöglich auch als Getriebenen der von diesem wohl erfolgreichsten Massenmörder der Weltgeschichte „nicht aus freien Stücken, nicht selbst gewählten, sondern unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umstände“, ist in unseren Augen nicht mehr als ein schlechter Witz – der aber leider doch seine sich seriös gebenden Anhänger gefunden hat.

Jörg Baberowski ist, soviel dürfte hier klar geworden sein, keiner von ihnen. Er hat genau hingeschaut und seine Beschreibungen der anschwellenden Gewalt erst innerhalb der zaristischen Gesellschaft, dann die des Ersten Weltkriegs und des daraus hervorgehenden Bürgerkriegs und schließlich die Ausmordungskampagnen, lässt nichts zu wünschen übrig.

Das Rätsel Stalin nicht in den Griff bekommen

Dennoch gelingt es Baberowski nicht, das Rätsel Stalin zu lösen: „Hätte Stalin Memoiren geschrieben, dann wäre dabei wahrscheinlich eine Lügengeschichte über Verschwörungen und Verräter herausgekommen. Sie hätte nichts über das Innerste des Diktators, nichts über seine Absichten und Überzeugungen verraten. Denn Stalin verriet in der Öffentlichkeit niemals, was er tatsächlich dachte.“ Man könne seine Handlungen auf verschiedene Weise interpretieren, aber nie identifizieren. Allein darauf komme es an. Ob es wirklich „allein darauf“ ankommt, ist zweifelhaft. Unabhängig davon, dass das Wörtchen „wahrscheinlich“ für einen Historiker ein Tabu sein müsste: Wer so argumentiert, hat aus seiner Erklärungsnot eine Tugend gemacht. Die Ursache für Baberowskis Not ist, dass er über zuviel Realitäts- und zuwenig Wirklichkeitssinn verfügt. Anders gesagt: Sein Problem ist sein Mangel an Transzendenz. Das lässt sich mit einem Goethe-Zitat erhellen: „Das Dämonische ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen ist. Es manifestiert sich in Menschen und Begebenheiten sowie in der ganzen Natur. Am Furchtbarsten erscheint dieses Dämonische, wenn es in irgendeinem Menschen überwiegend hervortritt.“

Von dieser Seite sein Buch über Stalin und seine Herrschaft der Gewalt anzugehen, ist Jörg Baberowskis Sache nicht. Doch wo ist der zeitgenössische Historiker, der es wieder wagen würde, die Kategorie des Dämonischen in sein Denken mit einzubeziehen? Im Zeitalter des Positivismus sind solche Denker nicht wohlgelitten, besser gesagt verpönt. Ein Egon Friedell, allerdings auch ein Außenseiter der Historikerzunft, dachte den Mythos, dachte das Transzendente noch mit – die Mächte der Finsternis eingeschlossen. Und wie heißt es bei Elias Canetti so richtig: „Ein ,moderner‘ Mensch hat der Moderne schon darum nichts hinzuzufügen, weil er ihr nichts entgegenzusetzen hat.“ So verdienstvoll Jörg Baberowskis in Bezug auf die Aufklärung über die Verbrechen des Bolschewismus-Kommunismus zweifellos ist, vor dem „Phänomen Stalin“ ist auch er schließlich gescheitert.

Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt. Beck Verlag, München 2012, 606 Seiten, EUR 29,95