Spirituelle Stimmen aus der Zwischenwelt

Einige Berlinalefilme aus den Nebensektionen zeigen individuelle Schicksale hinter den Schlagzeilen. Von Gabriele Leidloff und Max-Peter Heyne

In der scheinbar unendlichen Bibliothek des französischen Abenteurers Raymond Borremans in Abidjian, dem größten städtischen Ballungsraum an der Elfenbeinküste. Foto: Intifilms
In der scheinbar unendlichen Bibliothek des französischen Abenteurers Raymond Borremans in Abidjian, dem größten städtis... Foto: Intifilms

Mit über 260 000 verkauften Tickets nach der Hälfte des Festivals ist der Besucherandrang bei den 64. Internationalen Filmfestspielen Berlin erneut überwältigend. Bedauernswert wenige Beiträge sind in diesem Jahrgang zu finden, die mit den filmischen Stilmitteln auf überzeugende Weise umgehen und dem Zuschauer etwas Neues über jene Winkel der Welt lehren, die sie zeigen. Das betrifft auch die Spezialsektion „Forum“, in der traditionell unkonventionelle und innovative, teils auch sperrig gestaltete Filme abseits des Kino-Mainstreams präsentiert werden.

Ein besonders sehenswerter Beitrag des Belgiers Peter Krüger entriss das Schicksal des französischen Abenteurers Raymond Borremans (1906–1988) dem Vergessen: „N – The Madness of Reason“ (N – der Wahnsinn der Vernunft). Borremans war nach dem Ersten Weltkrieg aus einem brachliegenden Europa nach Afrika ausgewandert, wo er sich zwischen den 40er Jahren bis zu seinem Tod vorwiegend an der Elfenbeinküste als Forscher und Betreiber eines mobilen Kinos betätigte. Borremans war ein typischer Vertreter des westlichen Wissenschafts- und Fortschrittsglaubens, der den Afrikanern die erste umfassende Enzyklopädie ihres Kontinents inklusive Erfassung aller Gewächse und Insekten schenken wollte. Die Manuskriptberge wurden dank der Initiative einer afrikanischen Verlegerin erst kurz vor Borremans Tod herausgegeben, berichtet Regisseur Peter Krüger, die das A-Z erst im letzten Jahr vollendete.

Um das Leben „des afrikanischen Diderot“ nicht mit „den üblichen Reportagebildern“ veranschaulichen zu müssen, nutzte Peter Krüger einen gewagten, aber kongenialen Kniff: Als besuchte der Geist des Verstorbenen noch einmal die Orte seines Wirkens und seiner Reisen, gleitet die Kamera dank einer Spezialtechnik wie schwerelos durch Räume und Landschaften und reiht teils poetische, teils nüchterne Bilder aneinander, die von einem melancholischen Kommentar zusammengehalten werden. Ihn spricht der inzwischen 83-jährige katholische französische Schauspieler Michael Lonsdale („Von Menschen und Göttern“) mit sonorer Stimme wie aus dem Jenseits. Auch die literarischen Qualitäten des Textes kommen nicht von ungefähr, sondern vom renommierten nigerianischen Schriftsteller Ben Okri, der ihn eigens für Krügers Bildercollage geschrieben hat. Darin äußert sich der vorübergehend aus dem Jenseits zurückkehrende Franzose enttäuscht über den Zerfall der nationalen Identitäten im nachkolonialistischen Afrika – ein ökonomisch bedingter Zerfall, den der wahrhaftige Borremans nicht mehr erlebt hat. Das lyrische, suggestive Kaleidoskop wird in einem ruhigen Schnittrhythmus präsentiert, der Zeit für eigene Reflexionen lässt. Der eleganten Kameraarbeit ist zu verdanken, dass der Film eine starke spirituelle und allgemeingültige Kraft ausstrahlt. Dazu Peter Krüger: „Ich habe bewusst nur wenige Bilder vom zurückliegenden Bürgerkrieg und den aktuellen Problemen der Elfenbeinküste eingebaut, die dem Film sonst einen sehr lokalen und speziellen Bezug verliehen hätten.“

Die Geister der Verstorbenen, die uns umgeben, sind auch Thema des australischen Forumbeitrags „The Darkside“ (Die Schattenseite), der wie auch „N“ eher ein essayistischer denn ein klassischer Dokumentarfilm ist. Regisseur Warwick Thornton hat zwanzig persönliche Erzählungen über die Begegnung von Menschen mit geisterhaften Erscheinungen im Diesseits ausgewählt, die ihm nach einem Medienaufruf von Aborigines als auch von weißen Australiern zugetragen wurden. Skurrile und bedrückende Geschichten wechseln sich ab. Zu Letzteren zählt die Geschichte einer Forscherin, die im australischen Filmarchiv nachts die Stimmen der dort einstmals zu wissenschaftlichen Zwecken vermessenen und sezierten Aborigines hört, deren sterbliche Überreste bis heute nicht bestattet sind. Dass Thornton die Interviews an sorgfältig ausgewählten Orten mit professionellen Schauspielern nachinszeniert hat, nimmt ihnen nichts von ihrer Glaubwürdigkeit.

Dank der Protagonisten ergibt sich ein interessantes Spiegelbild der spirituellen Kraft der indigenen Kultur Australiens, die auch seine weißen Bewohner zu inspirieren oder heimzusuchen scheint. Mit aktuellem Bezug und deutlich aufwühlenden Bildern arbeitet der indisch-amerikanische Regisseur Jayan Cherian in seinem Spielfilm „Papilio Buddha“ (Panorama-Sektion). Der Papilio Buddha ist ein seltener Schmetterling, der nur in den indischen Western Ghats beheimatet ist und den der Held der Geschichte, Shankaran, entdeckt. Sein Vater ist Anführer einer Gruppe von Dalits – Kastenlosen oder Unberührbaren –, die vielerorts in Indien verfemt werden. Aus Sicht der Polizei sind sie Terroristen, obwohl ihre Rechte seit der Unabhängigkeit des Landes in der Verfassung geregelt sind. Auch Shankaran kommt ins Gefängnis, das vermeintliche Paradies wird zur Kampfzone. Der Film zeigt bildmächtig und ohne politische Tabus die Komplexität der tief verwurzelten Traditionen, des Kastensystems, der sozialen und religiösen Konflikte zwischen Buddhisten und Hindus in Indien. Auch die ungeheure Brutalität der korrupten Polizei und das aktuelle Phänomen von Massenvergewaltigung werden im Laufe der Handlung ungeschminkt dargestellt, gegen die der Film angstfrei und eindrucksvoll Stellung bezieht.

Wie lebensgefährlich der Kampf gegen das Mubarak-Regime auf dem Kairoer Tahir-Platz für die Demonstranten tatsächlich gewesen war, zeigt Regisseurin Jehane Noujaim in ihrer Dokumentation „Al midan“ (The Square, im Forum), für den die Filmemacherin selbst keine Gefahr scheute, um ihre Bilder zu bekommen: Zwei Jahre lang begleitete Noujaim verschiedene Akteure der Proteste mit der Kamera, während die Revolution zu einem Bürgerkrieg eskalierte: Ahmed Hassan, ein junger Mann aus dem Arbeiterbezirk Shobra, der schon als Achtjähriger Geld verdienen musste, den ägyptisch-britischen Schauspieler Khalid Abdalla, dessen Familie seit Generationen für mehr Demokratie im Land kämpft und Magdy Ashour, die tragischste Figur: Der als Muslimbruder unter Mubarak Verhaftete und Gefolterte fand auf dem Tahrirplatz im Januar 2011 in Khalid und Ahmed kurzzeitig Freunde und Verbündete. Die Materialfülle, die Grenzgänger-Perspektive und die unterschiedlichen, charismatischen Protagonisten lassen diesen Dokumentarfilm in Erinnerung.

Alle genannten Filme sollen im Laufe des Jahres regulär in die deutschen Kinos kommen. (www.berlinale.de)