Spielend die Welt retten

„Forests of Eden“ zeigt, das Computerspiele nicht nur lehrreich, sondern sogar hilfreich sein können Von Max-Peter Heyne

Ein Computerspiel, das für gesunde Umwelt wirbt: „Borobudur ist erleuchtet durch saubere Sonnenenergie – werde Teil dieses Ereignisses!“, heißt es beim Hochladen. Foto: Spiel
Ein Computerspiel, das für gesunde Umwelt wirbt: „Borobudur ist erleuchtet durch saubere Sonnenenergie – werde Teil dies... Foto: Spiel

Kaum eine andere Gruppe von Mediennutzern vermag es, sich so in ihren Konsum und ihre Ablenkung zu versenken wie die Nutzer von action-betonten Computerspielen. Meist tauchen sie in die Fantasy-, Kriegs- oder Krimiwelten der Games ab und konzentrieren sich auf die manuellen Aktionen, als gäbe es kein Drumherum mehr. Entsprechend selten gelingt es Spielen, das Drumherum, also die reale, nicht-virtuelle Welt als eine Bezugsgröße zu etablieren, die nach dem

Spielprozess noch irgendeine Rolle spielt. Die reinen Ego-Shooter-Spiele, bei denen aus der Ich-Perspektive massenweise Kampfgegner oder Monster eliminiert werden müssen, bilden zwar längst nicht mehr den kommerziell erfolgreichsten Anteil bei den Computerspielen. Aber bei der Verleihung des Deutschen Entwicklerpreises 2012, den die Spielebranche vor wenigen Tagen in Düsseldorf zelebrierte, dominierten diese Shooterspiele wiederum mit Abstand. Anspruchsvollere Spiele mit Informations- oder Lerneffekten haben es hingegen noch immer schwerer, ein großes Publikum zu finden und sind in der Entwicklungsphase oft auf die Subvention durch die öffentliche Hand angewiesen.

Beim für die Standortförderung zuständigen Medienboard Berlin-Brandenburg hat man zuletzt die Entwicklung eines Browsergames kofinanziert (also eines Spieles, das ohne Erwerb einer Software nach einer Anmeldung direkt online gespielt werden kann), das nicht nur lehrreich sein, sondern sogar einem guten Zweck dienen soll. Die Erfinder des Spiels „Forests of Eden“, die Berliner Firma Playotope, die in einer Fabriketage in einem Kreuzberger Hinterhof logiert, will beweisen, dass Eigen- und Gemeinnutz in der Gameswelt zusammengehen können. „Forests of Eden“ ist das erste Browsergame, das von einer deutschen Firma in Zusammenarbeit mit einem Greenpeace-Büro entwickelt wurde und sich nicht nur inhaltlich um die Bereiche Ökologie und Nachhaltigkeit dreht, sondern den Nutzern auch Anreize bieten will, während des Spiels Geld für konkrete Umweltschutzprojekte zu spenden. Zum Zeitvertreib und Amüsement kommt das Gefühl, Gutes zu tun, quasi als moralischer Mehrwert hinzu.

Mit Greenpeace und den Gamesentwicklern, die das nötige Know-How mitbrachten, „trafen zwei ganz unterschiedliche Kulturen aufeinander“, erinnert sich Sebastian Bacher: „Wir als junges Unternehmen, das bei aller Begeisterung für ökologische Ideale profitabel arbeiten muss – dort die hochprofessionelle Umweltschutzorganisation, die auf Spenden angewiesen ist, sie aber qua Statuten nicht von kommerziellen Unternehmen annehmen darf.“ Aus dem gemeinsamen Wunsch, ein möglichst unterhaltsames Spiel zu entwerfen, das beim Prozess des Spielens positiv auf die Realität einwirkt, entstand „Forests of Eden“, das nach Monaten intensiver Design- und Programmierarbeit Anfang November mit einer Veranstaltung bei Greenpeace in Buenos Aires vorgestellt und online geschaltet wurde. Nach der sogenannten closed-beta-Phase (die Online-Schaltung) soll „Forests of Eden“, das spielerisch ökologische Zusammenhänge vermittelt, aufgrund des Feedbacks aus der Spieler-Community schrittweise ausgebaut und weiterentwickelt werden.

„Die Herausforderung bestand darin, ein Spiel mit Zerstreuungscharakter zu entwerfen, das konkreten ökologischen Zielen dient, ohne dass die User das Gefühl haben, sie seien gezwungen, bestimmte Angebote mitzumachen“, erläutert Playotope-Chef Sebastian Bacher. Die Entwickler wollten die Nutzer nicht durch ein Zuviel an Lerninhalten und grimmigen Fakten über Umweltzerstörung abschrecken, sagt Bacher. Das wahre Ausmaß von Regenwaldrodungen in Südamerika oder Südostasien ist daher in „Forests of Eden“ nicht zu sehen. Stattdessen wurde die spielerische Aneignung von Umweltschutzwissen betont, die weniger manipulativ wirkt. „Forests of Eden“ soll in erster Linie Spieler „in der Mitte der Gesellschaft“ ansprechen, die „nach sanftem Genuss streben“, ohne dass dafür die Umwelt in Mitleidenschaft gezogen wird, die „eher gelegentlich Online-Games ausprobieren, in der Tendenz eher weiblich und zwischen 30 und 60 Jahre alt sind“, erläutert Sebastian Bacher.

Mit dem Kauf grüner oder roter Kristalle während des Spiels, also dem realen Geldwert dieser Aktion, deckt Playotope einen Teil seiner Betriebskosten (rot), der Rest geht direkt als Spende an Greenpeace (grün) für die Realisierung eines konkreten Umweltschutzprojektes, nämlich die Errichtung und Inbetriebnahme einer großen Solaranlage zur Stromerzeugung im indonesischen Borobudur. Über den Stand des Projektes werden die User visuell auf dem Laufenden gehalten: Je mehr Spenden eingehen, umso heller leuchtet die Tempelanlage auf. Ansonsten grünt es auf den Bildschirmen: Der Spieler kann zwischen verschiedenen Regenwäldern wählen, in die er oder sie sich begeben will, um dort unter Anleitung von Leitfiguren – Umweltaktivisten, aber auch Ureinwohnern – Aktivitäten auszuführen, die im Einklang mit ökologischen Prinzipien stehen. Für die Kooperationspartner Playotope und Greenpeace ist von entscheidender Bedeutung, dass sämtliche Aspekte authentisch wirken.

Es widerspräche der intendierten Glaubwürdigkeit des Spiels, „würden wir Stereotypen oder Comic-Indios präsentieren“, so Anhut. Der User kann die „leicht romantisierte Wildnis“ also durchwandern und „einen spürbaren Eindruck von dessen ökologischer Komplexität gewinnen“, sagt Sebastian Bacher. Wer sich als User weit in den Dschungel hineinbegibt, ist denn auch bald dem Tiger oder anderen bedrohten Arten auf der Spur. Man darf gespannt sein, ob „Forests of Eden“ als lehrreiche Unterhaltung das erfüllt, was in der sozial- und umweltbewussten Geschäftswelt als „triple-bottom-line“ genannt wird: Einerseits ökonomische Gewinne zu erzielen, andererseits aber auch in besonderer Weise die beteiligten Mitarbeiter zu motivieren und letztlich bei der Realisierung sozialer oder ökologischer Projekte helfen zu können.

Das Spiel (mit Anmeldung): forests-of-eden.net