Soziale Fragen

Die öffentliche Debatte zwischen Chesterton und Shaw

Im Jahr 1928 gab es noch eine gepflegte Debattenkultur. Davon kann sich der Leser überzeugen anhand dieses kleinen Bändchens aus dem Elsinor Verlag, das ein Streitgespräch zwischen Gilbert Keith Chesterton und George Bernard Shaw unter der Leitung von Hilaire Belloc wiedergibt. Es geht um die soziale Frage, die gerade durch die wirtschaftliche Krise und das Erscheinen der päpstlichen Enzyklika Caritas in veritate wieder neue Aktualität erlangt hat.

Chesterton und Shaw haben sich damals mehrere Rededuelle geliefert, die dank der Eloquenz und der Originalität der beiden Kontrahenten beim Publikum großen Anklang fanden. Als Vertreter eines sozialistischen Standpunkts wurde Shaw eingeladen, seine Argumente mit denen von Chesterton, dem Begründer des Distributismus, auszutauschen. Unter Distributismus versteht Chesterton einen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, der sich an der katholischen Soziallehre seit der Enzyklika Rerum novarum (1891) orientiert. Danach soll jeder in begrenztem Umfang über Privateigentum („ein Eigenheim, eine Kuh und drei Morgen Land“) verfügen, sodass ein gewisser Wohlstand garantiert sei, ohne dabei jener Gleichmacherei und Verstaatlichung zu verfallen, wie sie das sozialistische System anstrebt. Shaw fordert eine Verstaatlichung der Produktionsmittel und führt hierzu als Beispiel die Kohlebergwerke an. Chesterton stimmt in diesem Fall mit Shaw überein, betont aber, dass er hierin eine Ausnahme sehe, die der gesunde Menschenverstand fordere.

Hilaire Belloc ist ebenfalls Distributist, enthält sich jedoch als Diskussionsleiter jeglicher Meinungsäußerung. Chesterton und Shaw können somit eine faire Diskussion austragen, bei der jeder die Argumente des anderen anhört und darauf eingeht. Dabei wird auch deutlich, wie die unterschiedliche Position in der sozialen Frage mit unterschiedlichen religiösen Standpunkten einhergeht.

Gewürzt wird diese Diskussion durch Spontaneität und originelle Vergleiche. Die Frage, ob Privateigentum auch freies Verfügungsrecht einschließt, erörtern beide am Beispiel von Shaws Regenschirm. Darf Shaw damit auch seinem Kontrahenten Chesterton auf den Kopf schlagen? Gelegentlich greifen die beiden verbalen Streiter auch zum Stilmittel der Ironie, werden dabei jedoch nie verletzend, sondern lassen einander die gegenseitige Achtung spüren. Dagegen wirkt jede heutige Fernseh-Talkshow unglaublich fade.

Das Streitgespräch zwischen Chesterton und Shaw füllt jedoch nur die Hälfte des vorliegenden Buches. Dann folgen acht Essays aus der Feder Chestertons, in denen er erneut seine originelle und dennoch logische Argumentationsweise unter Beweis stellt. Der umfangreichste dieser Essays behandelt eine Thematik, die sich wie ein roter Faden durch dessen gesamtes Werk zieht: das Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft.

Chesterton grenzt den Bereich der Naturwissenschaft klar ein auf die Darlegung des Faktischen und kritisiert eine Vermischung von Naturwissenschaft und Philosophie. Wissenschaftler überschreiten überall dort ihre Kompetenz, wo sie sich in religiöse Fragen wie beispielsweise jene nach der Erbsünde einmischen. Wer nur das Materielle als Gegenstand seiner Forschung kennt, kann daraus nicht folgern, dass damit bewiesen sei, es gäbe nur Materielles. Diese „halbwissenschaftlichen Revolutionäre“ stellen jedoch seines Erachtens keine Gefahr für den Glauben dar. „Diese Leute werden die Religion nicht ins Wanken bringen; eher dürfte die Religion sie erschüttern. Den großen Paradoxien haben sie nur Gemeinplätze entgegenzusetzen.“

Sehr lesenswert ist auch Chestertons Abhandlung zum Thema Unparteilichkeit. Von Geschworenen im Gericht wird solche Unparteilichkeit erwartet. Damit aber ist gemeint, dass diese Menschen sich vor der Sichtung der Beweise und Indizien noch keine Meinung bilden dürfen. Nach Sichtung aller Fakten und Bedenken aller Argumente sollen sie sich aber gerade eine Meinung bilden. Im religiösen Bereich wird der Begriff der Unparteilichkeit oder Neutralität oftmals überstrapaziert, indem man jeden disqualifiziert, der zu einer religiösen Überzeugung gelangt ist. Chesterton bringt das nach wie vor herrschende gesellschaftliche Vorurteil auf den Punkt: „Wir wollen dem aufrichtigen Christen verwehren, seine Stimme zu erheben, bloß weil er sich schon erklärt hat.“