Sokrates hätte seine Schwierigkeiten …

Der neue Bildungsplan für die Schulen in Baden-Württemberg, den die „Demo für alle“ und eine Petition mit über 190 000 Unterstützern heftig kritisiert haben, ist nun in Kraft getreten. Von Sebastian Krockenberger

Der Kanon abendländischer Bildung ist an Schulen die beste Förderung. Foto: dpa
Der Kanon abendländischer Bildung ist an Schulen die beste Förderung. Foto: dpa

Kurz nach einer desaströsen Wahlniederlage für seine Partei setzte Kultusminister Andreas Stoch (SPD) per Ministerverfügung den Bildungsplan an den allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg am 23. März 2016 in Kraft. Zum neuen Schuljahr wird er in den Klassen 1 und 2 der Grundschule und den Klassen 5 und 6 der weiterführenden Schulen eingeführt. Schuljahr für Schuljahr wird der Bildungsplan bis 2023 Gültigkeit für die jeweils folgenden Klassen erlangen.

Heftig umstritten ist der Vorgang, denn der Bildungsplan ist seit über zwei Jahren Gegenstand schwerer politischer und fachlicher Auseinandersetzungen. Die „Demo für alle“ und eine Petition mit über 190 000 Unterstützern protestierten gegen die Überbetonung der Sexualität an den Schulen im Land. Die SPD von Kultusminister Stoch erlitt schließlich bei der Landtagswahl am 13. März 2016 eine katastrophale Niederlage, und bislang ist noch nicht klar, wer für die Schulpolitik in Baden-Württemberg als Minister künftig die Verantwortung tragen wird. „Der Kultusminister hätte gut daran getan, den Plan erst nach Abschluss von Koalitionsverhandlungen in Kraft zu setzen“, erklärte Georg Wacker (CDU), Bildungsexperte der CDU-Landtagsfraktion und CDU-Verhandlungsführer für das Thema Bildung bei den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen.

Forderung nach Akzeptanz von sexueller Vielfalt

Grundlagen des neuen Bildungsplans sind die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz. 2003, 2004 und 2012 haben die Kultusminister der Länder diese Bildungsstandards verabschiedet. Sie schreiben vor, was die Schüler wissen und können sollen. Diese Bildungsstandards geben die Anforderungen wieder, die von empirischen Bildungstests wie dem PISA-Test der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestimmt werden. Mit einer ganzen Reihe von Schultests will die OECD seit 2000 einen Reformdruck in den Mitgliedsländern erzeugen. Die Schulen sollen die Kinder zu zuverlässigen Arbeitnehmern erziehen und weniger zu kritischen Denkern. Die empirische Bildungsforschung ist dabei das Mittel ihrer Wahl.

Das eigens gegründete Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin erhielt die Aufgabe, „die von der Kultusministerkonferenz in den Jahren 2003 und 2004 verabschiedeten länderübergreifenden Bildungsstandards zu präzisieren, weiterzuentwickeln und auf ihrer Basis Aufgaben zu entwickeln, mit denen die Erreichung der in den Bildungsstandards formulierten Kompetenzerwartungen festgestellt werden kann.“

Diesen Bildungsstandards liegen kybernetische Vorstellungen zu Grunde. Kybernetik ist die Wissenschaft von der Steuerung aller möglichen Systeme. Die Kybernetik greift dabei auf Erfahrungen aus der Steuerung von Maschinen und der Kriegswirtschaft und Logistik der Alliierten im Zweiten Weltkrieg zurück. Soziale Systeme sollten nun auch in Friedenszeiten wie eine Maschine gesteuert werden.

Die Bildungskybernetiker aus dem Umfeld der Kultusministerkonferenz versuchen mit den Bildungsstandards, wie in einem industriellen Produktionsprozess Qualitätssicherung zu verwirklichen und den Bildungserfolg zu steuern. Diese sozialwissenschaftliche Grundausrichtung des Bildungsplanes in Baden-Württemberg wird am Einführungstext von Hans Anand Pant deutlich. Pant war lange Jahre Chef des „Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“, seit Juni 2015 ist er Geschäftsführer der Deutschen Schulakademie, einer Gründung der Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung. In seiner Einführung zum Bildungsplan geht er ausführlich auf das Thema Kompetenzorientierung und Bildungsstandards ein.

Eine hauptsächliche Kompetenz soll die „Selbstregulation“ sein. Sie „umschreibt die Fähigkeit, die eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungen kontrollieren und steuern zu können“. Welche verheerenden Folgen die Umsetzung der „Selbstregulation“ der Schüler hat, zeigen die Erfahrungen an den neu eingerichteten Gemeinschaftsschulen. Da der Bildungs- und Wissenserwerb dort vor allem den Schülern selbst überlassen ist, sind die Lernerfolge laut verschiedener Berichte bescheiden.

Wenn die Bildungskybernetiker ihre Konzepte durchsetzen, wird, was ein Schüler lernen soll, sich mehr und mehr daran orientieren, ob es auch mit den Methoden der empirischen Bildungsforschung gemessen werden kann. Um die Kompetenz der Selbstregulation zu verwirklichen, werden die Schüler mehr und mehr sich selbst überlassen, lediglich ihre Leistungsergebnisse werden auf irgendeine Art gemessen. Die Mäeutik, wie Platon sie in seinen Dialogen beschreibt, fällt bei diesen Bestrebungen unter den Tisch. Der Sokrates aus den Dialogen hätte es dann sicher schwer an den deutschen Schulen. Denn er wirkte als philosophischer Lehrer, indem er Fragen stellte und so nach und nach mit seinem Gesprächspartner zum Kern einer Sache vorstieß. Der Lehrer soll also am Erkenntnisprozess der Schüler mitwirken. Deshalb sind die Schüler ja auch in der Schule, weil sie viele Sachverhalte aus eigener Kraft nicht erkennen können und der Anleitung bedürfen. Ein gutes Klassengespräch, auch Frontalunterricht genannt, verwirklicht diese platonische Mäeutik.

Eine Besonderheit des baden-württembergischen Bildungsplans sind die Leitperspektiven. Sie bestimmen die weltanschauliche Ausrichtung. Ein Bereich, der im Grunde bereits durch die Landesverfassung und das Schulgesetz hinreichend geregelt ist.

Seit Ende 2013 ein Arbeitspapier mit „Leitprinzipien“ zur weltanschaulichen Ausrichtung des Bildungsplans öffentlich bekannt wurde, tobt im deutschen Südwesten ein Kulturkampf. Quer durch alle Leitprinzipien sollten die Anliegen der Homosexuellen-Lobby und der mit ihr verbundenen sexuell orientierten Gruppen Berücksichtigung finden. Gabriel Stängle, Realschullehrer aus dem Schwarzwald, startete daraufhin eine Petition, um die herum eine schlagkräftige christlich-bürgerliche Protestbewegung entstand. 190 000 Menschen unterstützten die Petition, die „Demo für alle“ ging mehrmals in Stuttgart auf die Straße.

Unter dem öffentlichen Druck nahm Kultusminister Stoch im April 2014 die Leitprinzipien zurück und präsentierte Leitperspektiven. Sexuelle Orientierung ist darin ein Thema neben anderen. Problematisch ist nach wie vor die Forderung nach Akzeptanz von Vielfalt. Unter der deutschen Übersetzung von „Diversity“ als Schlagwort wird versucht, in allen Lebensbereichen die alte Forderung nach einer multikulturellen Gesellschaft zu verwirklichen. Hier besteht ein Einfallstor, durch das die verschiedenen sexuellen Orientierungen breiten Raum an der Schule bekommen könnten. Gleichzeitig kommen Ehe und Familie in den Niveaukonkretisierungen für die Fächer Gemeinschaftskunde und Biologie zu kurz.

Der „Bildungsplan 2015 für das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung“ ist noch in besonderer Weise problembehaftet. Er trat bereits im August 2015 in Kraft. Sexualität erscheint in diesem geradezu als wesentliches Element von persönlicher Identität. An dieser Stelle muss gesagt werden: Nach christlicher Tradition findet der Mensch seine Identität nicht über seine sexuellen Empfindungen oder über eine geschlechtliche Orientierung, sondern durch sein Verhältnis zu Gott.

Auch ein Aktionsplan der Landesregierung, der die Interessen der Homosexuellen-Lobby und ähnlicher Gruppen befördern will, ist nach wie vor in Kraft. Dieser „Aktionsplan für Akzeptanz & gleiche Rechte“ fordert die „Verankerung der geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung (LSBTTIQ) in den Bildungsplänen der allgemein bildenden Schulen als Teilaspekt der Leitperspektive ,Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt‘ einschließlich der Weiterbildung der Lehrkräfte zu den neuen Bildungsplänen.“ Bei den Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen und CDU ist die Bedeutung der „sexuellen Vielfalt“ an den Schulen in Baden-Württemberg ein schwer umstrittenes Thema.

Des Weiteren zeichnet das Menschenbild der Leitperspektiven den Menschen vor allem als bewussten Verbraucher und Arbeitnehmer, weniger als mündigen Bürger und schon gar nicht als Geschöpf Gottes. Professor Heinz Schumann, der über Jahre junge Lehrer an der Pädagogischen Hochschule Weingarten ausgebildet hat, bezeichnet die Leitperspektiven als „pragmatische Sicht des Menschen aus den aktuellen Verhältnissen der Gesellschaft“.

Es besteht die Frage, warum mit den Leitperspektiven überhaupt per Ministerverfügung weltanschauliche Vorgaben für die Schule gemacht werden mussten, wo doch Landesverfassung und Schulgesetz bereits einen moralischen und kulturellen Rahmen setzen. Erfreulich ist, dass wenigstens der Einführungstext zum Bildungsplan einen Bezug zur Landesverfassung enthält und sich zum „Beutelsbacher Konsens“ bekennt. Dieser Konsens besteht darin, dass in der Schule als umstritten dargestellt werden soll, was auch außerhalb der Schule umstritten ist.

„Man kann mit dem Bildungsplan leben“, zieht Gabriel Stängle Bilanz. „Selbstverständlich soll Homosexualität im Unterricht vorkommen, das gehört doch zur gesellschaftlichen Realität“, ergänzt er mit dem Hinweis, dass dies auch bereits unter dem alten Bildungsplan geschehe. Wie konkret diese Themen im Unterricht umgesetzt werden, wird sehr stark vom einzelnen Lehrer abhängen. Bedenklich ist, dass um die Schule herum zahlreiche Angebote zur „sexuellen Vielfalt“ entstehen, die auch an die Schulen drängen.

Ein Bildungsplan für die Gemeinschaftsschule

Eine weitere Besonderheit ist, dass Hauptschule, Werkrealschule, Realschule und Gemeinschaftsschule einen gemeinsamen Bildungsplan haben, der „Bildungsplan für die Sekundarstufe I“. Er hat drei Niveaustufen: „Ein grundlegendes Niveau (G), das zum Hauptschul- und mit einer Phase der Vertiefung zum Werkrealschulabschluss führt, ein mittleres Niveau (M), das zum Realschulabschluss führt, und ein erweitertes, gymnasiales Niveau (E), das Schülerinnen und Schülern einen neunjährigen Bildungsweg zum Abitur eröffnet.“ Oberstufe und Abitur an der Gemeinschaftsschule, beides schwer umstritten, sind im Bildungsplan angelegt.

Aus all diesen politischen Vorgaben mussten nun Lehrer aus Baden-Württemberg das Beste machen und einen Bildungsplan erarbeiten, der für die tägliche Arbeit an den Schulen brauchbar ist. Dabei hat sich gezeigt, dass genug gesunder Hausverstand im Land vorhanden war, um diese Aufgabe zu bewältigen. Kompetenzen und Lernziele wurden so konkret ausformuliert, dass sie beschreiben, was zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Schule unterrichtet werden soll. Die verschiedenen Niveaustufen wurden so ausgestaltet, dass sie den Lehrern eine Orientierung für das Niveau der eigenen Unterrichtsgestaltung geben. Im alltäglichen Gebrauch wird der Bildungsplan dann eben doch wieder zu einem Lehrplan. Der 2004 eingeführte Bildungsplan wurde verfeinert.

Eine böse Ironie liegt in der Tatsache, dass in Deutschland die Versuche progressiver Bildungspolitiker, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln, meist das Gegenteil bewirken. Denn diese Versuche mit dem Ziel, mehr Kindern den Zugang zu Bildung zu ermöglichen, führen meist zu Niveauabsenkungen. Das Ergebnis ist, dass formal mehr Kinder höhere Bildungsabschlüsse machen, doch tendenziell weniger gebildet sind. Da das Niveau an den Schulen absinkt, springen in den gebildeten Familien die Eltern ein und versuchen, den Niveauabfall auszugleichen, indem sie mit ihren Kindern zusammen lernen, Hausaufgaben machen, die Kinder in Förderstunden oder gleich an eine Privatschule schicken.

Wer Kindern aus weniger gebildeten Elternhäusern helfen will, muss deshalb mit Empathie pädagogische Methoden anwenden, die Präzision, Disziplin, Selbstüberwindung, Wissenserwerb und Schulung der Urteilskraft zum Ziel haben. Für diese Kinder ist eine starke Lehrerpersönlichkeit, die im Klassengespräch die Bildungsinhalte vermittelt, besonders notwendig. Der klassische Kanon abendländischer Bildung von den alten Griechen bis zu Goethe und Schiller muss berücksichtigt werden. Denn wer Kindern diesen Kanon nicht vermittelt, benachteiligt sie gegenüber denen, die ihn von zu Hause kennen. So kann die Schule Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen fördern.