Sogenannter Journalismus

Wenn in den Medien über das Thema Lebensrecht berichtet wird, geht es oft unsauber zu. Von Josef Bordat

Lebensrecht: Demonstrationen für und gegen das Recht auf Abtreibung
Lebensschützer werden in den Medien nicht immer fair behandelt. So werden etwa die Teilnehmerzahlen am „Marsch für das Leben“ oft heruntergespielt. Foto: dpa
Lebensrecht: Demonstrationen für und gegen das Recht auf Abtreibung
Lebensschützer werden in den Medien nicht immer fair behandelt. So werden etwa die Teilnehmerzahlen am „Marsch für das L... Foto: dpa

Es fällt auf, dass der Einsatz für das Lebensrecht des Menschen in den Medien nicht immer ganz fair behandelt wird. Aktivisten der Lebensrechtsbewegung kommen medial fast nur als „sogenannte Lebensschützer" vor, ein Sprachspiel, das ihr eigentliches Anliegen zu diskreditieren versucht. Vermittelt wird: Sie, die „Lebensschützer“, sagen zwar „Lebensschutz“, meinen aber etwas ganz anderes – sie sind daher keine „echten“, sondern nur „sogenannte“ Lebensschützer. Teilnehmerzahlen an Lebensrechtsveranstaltungen wie dem „Marsch für das Leben“ werden heruntergespielt, die der Gegenveranstaltung großzügig aufgerundet. Dass sich die Rundfunkanstalten in Deutschland damit längst von ihrem Auftrag verabschiedet haben, ihr Programm so zu gestalten, dass es „teil an der Schutzaufgabe gegenüber dem ungeborenen Leben“ hat (so verlangt es ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts), zeigt sich immer mehr und immer stärker, etwa dann, wenn in Beiträgen über Abtreibung Beratungsmöglichkeiten verschwiegen werden, die dem Lebensschutz dienen. Wie zum Beispiel die Beratungszentren von „1000plus“, einem Projekt der Vereine „Pro Femina“, „Die BIRKE“ und der Stiftung „Ja zum Leben“. Ziel der Kooperation ist es, eine Beratungsstruktur für Frauen im Schwangerschaftskonflikt aufzubauen. Seit Jahren gelingt dies immer flächendeckender und wirksamer.

„1000plus“ steht im Zentrum einer Reportage, die zeigt, dass es bereits bei der Recherche zum Thema Lebensschutz methodische Fragwürdigkeiten gibt. Um für einen Film über „Abtreibungsgegner“ Fakten zu sammeln, hat sich die NDR-Journalistin Kristina Weitkamp gegenüber der Beratungseinrichtung „1000plus“ als Schwangere in Not ausgegeben, um das „umstrittene“ System zu „testen“. Als „verzweifelte“ junge Frau namens „Christina“ hatte die Journalistin im November zunächst per Online-Formular die Beratung kontaktiert. Im Laufe des Dezember wird dieser in einem längeren E-Mail-Wechsel vertieft. Der Austausch zeigt eine sensible und seitens „1000plus“ eng an den Wünschen und Vorstellungen „Christinas“ orientierte Annäherung, die in einer veröffentlichten ausführlichen Dokumentation („Der NDR-Beratungsfall“) nachvollzogen werden kann.

Am 8. Januar 2019 erscheint „Christina“ zusammen mit ihrem „Freund“ im „1000plus“-Beratungszentrum Heidelberg. Das Gespräch war allerdings recht kurz, wie Projektleiter Kristijan Aufiero, berichtet: „Es ist vierzehn Uhr, als die beiden eintreffen. Es ist bei Pro Femina in den Direktgesprächen üblich, der Schwangeren die Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen, ohne dass ihr Partner anwesend ist. Der vermeintliche Freund wird also kurz hinausgebeten und ,Christina‘ wiederholt nun ihre erfundene Geschichte. Doch Cornelia L., die zusammen mit ihrer Kollegin Martina K. das Gespräch führt, sieht sich in ihrem Verdacht immer mehr bestätigt. Sie fragt ,Christina‘ auf den Kopf zu, ob sie als Journalistin oder als Schwangere in Not hier sei. Kristina Weitkamp bestätigt ohne zu zögern, dass sie für einen Film recherchiert. Nun wird auch der Kollege, der Frau Weitkamp begleitet, wieder hinzugebeten. Als er das Zimmer betritt, eröffnet sie ihm sogleich: ,Wir sind enttarnt worden. Sie haben mich gegoogelt‘. Nachdem der junge Mann zunächst die Augen verdreht und seiner Enttäuschung Ausdruck verleiht, fragt er, ob sie nicht doch einfach weitermachen und so tun könnten, als ob es doch ein echtes Beratungsgespräch wäre? Die Beraterin erklärt den beiden Gästen, dass Vertrauen die entscheidende Basis für ein echtes Beratungsgespräch sei. Dies sei nun allerdings nicht gegeben. Cornelia L. bittet die beiden Journalisten, sich doch an die Pressesprecherin von 1000plus zu wenden, verabschiedet die beiden und wünscht ihnen eine gute Heimfahrt.“

Der NDR teilte der „Tagespost“ mit, man habe mit diesem Vorgehen versucht, „unterschiedliche Vorwürfe gegen die Einrichtung zu verifizieren“, und zwar „ungefiltert“. Sich auf diesem Wege „authentische“ Eindrücke zu verschaffen, das mag noch als eine Strategie des investigativen Journalismus' durchgehen. Der Vorwurf seitens der „umstrittenen Einrichtung“ geht aber weiter und beinhaltet, dass weder die (nach gescheitertem under cover-Einsatz auf ganz „normalem“ Wege über eine Presseanfrage eingeholten) Recherche-Ergebnisse, noch die angebotenen und leicht zugänglichen Informationen auf der Website von „1000plus“ in der Reportage letztlich eine Rolle spielten. Das wäre in der Tat das eigentlich Verstörende an der Geschichte von „Christina“ und Kristina.

Kristina Weitkamp behauptete nach der Veröffentlichung des Films, die Antworten nicht rechtzeitig bekommen zu haben. „1000plus“ hält diese Erklärung für nicht plausibel und bietet dafür einen Faktencheck an, der den E-Mail-Wechsel dokumentiert. Der NDR wiederum verweist gegenüber der „Tagespost“ auf einen Kommentar unterhalb des Videos, in dem die Stellungnahme von „1000plus“ nachträglich, jedoch sobald sie verfügbar war, aufgegriffen und verlinkt wurde. „1000plus“ verweist darauf, dass der Eingang der Stellungnahme beim NDR vor der Veröffentlichung des Videos erfolgt sei. Für eine Aufnahme in den Film selbst habe dennoch die Zeit gefehlt, so der NDR: „Gerne hätten wir das auch im Film eingebaut, dafür aber bedarf es eben mehr Vorlauf.“ Insgesamt habe man sich, so der NDR, „in hohem Maße darum bemüht, die Positionen der sogenannten ,Lebensschützer‘ abzubilden“.

Wie auch immer: Es ist wichtig, ein Thema wie Abtreibung mit Respekt vor der Wahrheit zu behandeln, der jeder Medienschaffende verpflichtet ist. Alles andere ist „sogenannter Journalismus“.