Sören Kierkegaard: Der Einzelne, die Angst und Gott

Das Denken von Sören Kierkegaard kreist um die Sünde – die Amtskirche hielt er für ein Komödienspiel. Von Alexander Riebel

Sören Kierkegaard
Kierkegaard-Denkmal vor der Dänischen Königlichen Bibliothek.wiki Foto: Foto:

Kann ein Schriftsteller, selbst wenn er ein religiöser Schriftsteller ist, eine religiöse Existenz führen? Sören Kierkegaard verneint das und behauptet sogar, jede Dichterexistenz sei Sünde. Denn der Dichter verhalte sich durch seine Phantasie zum Guten und Wahren, anstatt in seiner Existenz danach zu streben. Auch wenn er ein tiefes religiöses Verlangen hat, „erlaubt er sich eigentlich, aber vielleicht unbewusst, Gott ein klein bisschen anders zu dichten, als Gott ist, ein wenig mehr nach der Art eines liebenden Vaters, der sich allzusehr – dem einzigen Wunsche – des Kindes fügt“.

Es war das religiöse Leben, das der Däne Sören Kierkegaard (1813–1855) zum großen Thema seiner Philosophie machte und dabei in die großen und kleinen Selbsttäuschungen des Menschen eindrang. Selbsttäuschungen, um der Tiefe einer religiösen Existenz irgendwie zu entkommen und sich das Leben bequem und in der Geschäftigkeit des Alltags einzurichten. So heißt es in einem Tagebucheintrag Kierkegaards, „es gilt eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit für mich ist, die Idee zu finden, für die ich leben und sterben will“.

Diese Suche nach der Wahrheit für den Einzelnen hatte er auch schon in früher Jugend in einsamen Gesprächen mit seinem Vater kennengelernt. Sein Vater, schwermütig religiös, führte seinen Sohn in den Glauben und in das rechte Denken ein, so dass er schon früh in die Wendigkeit der Gedanken eingeübt war, mit ihren Gegensätzen und deren Auflösungen, kurz, er lernte das, was er später Dialektik nannte. In der Dialektik hatte er allerdings schon einen großen Antipoden, Hegel, der die Verschlungenheit des Seins in einem System von Begriffen dachte. Kierkegaard kämpfte sein Leben lang gegen Hegel an, denn nicht die Begriffe mit ihren Allgemeinheiten seien es, durch die wir zu Gott finden, sondern nur als Einzelne. Nur das, was den Menschen erbaut, nämlich seine Glaubenserfahrung, könne zur Wahrheit führen, nicht aber ein Ganzes von Begriffen. In seinen vielen Schriften nahm Kierkegaard immer wieder neue Anläufe, um zum Glauben und zu Gott hinzuführen. Weder im ästhetischen, noch im ethischen Verhalten steht der Einzelne vor Gott. Im ästhetischen Leben, etwa dem des Don Giovanni, zählt der Genuss, Glück oder Unglück unter Bedingungen äußerer Abhängigkeit, wodurch solch eine Existenz ständig bedroht ist. Und der ethisch Handelnde verhält sich zwar verantwortlich und übernimmt Schuld, doch die Reue weist über die Ethik hinaus auf das Religiöse. In seiner frühen Schrift „Entweder – Oder“ (1843) behandelt Kierkegaard ausführlich diese Fragen, die ihn zum letzten Kapitel „Das Ultimatum“ führen, in dem es um das Höchste geht, um den Glauben des Einzelnen; hier finden sich auch abschließend die Worte, „denn nur Wahrheit, die erbaut, ist Wahrheit für dich“. Wahrheit ist für Kierkegaard kein objektives Wissen, sondern man kann nur existenziell in der Wahrheit sein.

Ein zentraler Begriff, um den das Werk Kierkegaards bereits seit „Der Begriff Angst“ (1844) kreist, ist die Sünde. Wäre der Mensch ein Tier oder Engel, hätte er keine Angst, aber er ist eine Synthese aus Unendlichkeit und Endlichkeit, Zeitlichem und Ewigem, Leib und Seele sowie von Freiheit und Notwendigkeit. Verhält sich dieses Verhältnis zu sich selbst im Bewusstsein seiner selbst, dann ist der Menschen Geist, der sich letztlich als Geist in Gott weiß. Doch da kommt auch die Angst ins Spiel und Kierkegaard zitiert Christus, „dass ihm Angst ward bis in den Tod“ (Markus 15, 33). So ist die Angst eine Folge der Sünde; die Sünde wird nicht einfach begannen, sondern sie ist immer schon „in dem Einzelnen gesetzt“. Die Reue könne die Sünde nicht beheben, „die Reue folgt ihr Schritt für Schritt, jedoch allezeit einen Augenblick zu spät“. Hier kommt die Angst auf ihren Höhepunkt, die sich zur Reue potenziert. „Die Folge der Sünde schreitet voran, sie schleift das Individuum mit sich gleich einem Weibe, dass ein Büttel an den Haaren hinter sich herschleift, während sie in Verzweiflung schreit.“ Mit solchen theologisch-psychologischen Analysen hat Kierkegaard bis weit ins 20. Jahrhundert gewirkt, über Heidegger und Jaspers etwa, auch auf Rudolf Bultmann oder Karl Barth.

Die Sünde ist aber auch eines der Hauptthemen in „Die Krankheit zum Tode“ (1849). In der Sünde geht der Mensch in die Offensive zu Gott, sie erscheint als ein „Krieg zwischen Gott und Mensch“, in der Verzweiflung wird das Christentum zur „Lüge und Unwahrheit“ erklärt. Die Ausflucht zur Tugend ist nicht möglich, weil sie nach Kierkegaard nicht im Gegensatz zur Sünde steht. Der Gegensatz zur Sünde sei allein der Glaube. Nur im Glauben, wenn der Einzelne vor Gott als Geist bestimmt ist in der Synthese von Endlichem und Unendlichem, kann er die Krankheit zum Tode überwinden hin zum wahren Leben. Wie es in der Einführung zu „Einübung im Christentum“ (1850) heißt, war es Kierkegaards Absicht, mit einem letzten Versuch dem modernen Heidentum entgegenzuwirken. Diese existenzielle Einübung führte ihn auch zum Bruch mit der dänischen Amtskirche, die er für ein Komödienspiel mit einer Verfälschung der Riten hielt und die den Glauben verhindere. Sein strenger Glaube, seine eigene Sündhaftigkeit und Schwermut, machten es ihm auch unmöglich, seine Verlobte Regine Olsen zu heiraten. Am 2. Oktober 1855 erlitt Kierkegaard einen Schlaganfall, wenige Tage später starb er im Alter von 42 Jahren. Auf seinem Grabstein steht „Nur noch kurze Zeit“.