Skurriles und Tragisches hinter den Steinen

Der Dokumentarfilm „Im Himmel, unter der Erde erzählt die Geschichte von Europas größtem jüdischen Friedhof. Von Max-Peter Heyne

Ein Jude steht vor einem Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee und betet. Die Grabstellen Verstorbener sind für Juden unantastbar. Foto: Amélie Losier
Ein Jude steht vor einem Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Berlin Weißensee und betet. Die Grabstellen Verstorbene... Foto: Amélie Losier

„Ein lebensbejahender und heiterer Film“ sollte es werden, sagt die Regisseurin Britta Wauer, die das Wagnis eingegangen ist, über den Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) eine abendfüllende Dokumentation zu drehen: Ein Großstadtfriedhof, der beinahe 40 Hektar – das sind rund 86 Fußballfelder – umfasst, müsste eigentlich genug Stoff für eine neunzigminütige Dokumentation hergeben, dachte sich Britta Wauer. Doch die sich anschließende Frage war: Wie könnte man die junge, aber immerhin 130 Jahre umfassende Geschichte des Friedhofs möglichst lebendig und anschaulich erzählen, die durch Nazi-Terror, Krieg und SED-Diktatur zwar nicht gänzlich abgewürgt wurde, aber doch deutliche Brüche aufweist? Britta Wauer erhielt von Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicums Berlin den Tipp, einen Aufruf in der Zeitschrift „Aktuell“ zu veröffentlichen, den der Berliner Senat regelmäßig an ehemalige Berliner in aller Welt verschickt. Groß war die Überraschung, als die Regisseurin statt der erwarteten zwanzig bis dreißig Rückmeldungen die zehnfache Zahl an Reaktionen erhielt.

Aufgrund dieser Zuschriften sowie weiterer Recherchen gelang es Wauer, nicht nur tragische, sondern auch skurrile Aspekte aus der Geschichte des größten zusammenhängenden jüdischen Friedhofs Europas zu illustrieren und zu dem aufschlussreichen Dokumentarfilm „Im Himmel, unter der Erde“ zusammenzufügen, der jetzt in vielen Filmkunstkinos zu sehen ist. Dabei geht es weniger um die großen und berühmten Namen wie die des Kaufhausgründers Hermann Tietz (Hertie), des Hotelmagnaten Berthold Kempinski oder der Verleger Samuel Fischer und Rudolf Mosse, die allesamt in Weißensee beerdigt sind. Britta Wauer erzählt eher von den unbekannten Juden Berlins, die eines der rund 115 000 penibel durchnummerierten und bis heute gültigen Grabfelder in Weißensee belegen. Denn nach jüdischem Gesetz ist eine Grabstelle unantastbar. Sie wird nie neu belegt, Laufzeiten gibt es nicht. Deshalb hatte die jüdische Gemeinde in der seinerzeit enorm schnell wachsenden Hauptstadt Berlin in weiser Voraussicht 1875 ein sehr großes Gelände erworben – damals lebten 65 000 Juden in Berlin.

An ein Wunder grenzt es, dass der Jüdische Friedhof Weißensee auf wundersame Weise von der zumeist rücksichtslosen Zerstörungswut der Nazis ebenso verschont wurde wie von der drohenden baulichen Verschandelung durch die DDR-Behörden Anfang der achtziger Jahre. Während dokumentiert ist, dass der frühere DDR-Staatschef Erich Honecker unter anderem wegen der Intervention durch den früheren Vorsitzenden der Westberliner Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, die bevorstehenden Bauarbeiten für eine sechsspurige Ausfallstraße quer durch den jüdischen Friedhof stoppte, ist nicht gänzlich klar, warum die Nationalsozialisten Weißensee dreizehn Jahre lang in Ruhe ließen. „Eindeutige Dokumente, warum dies geschah, gibt es nicht“, sagt Regisseurin Wauer: „Die Nazis brauchten den Friedhof allerdings wegen der Bestattung von Ehepartnern aus sogenannten ,Mischehen‘ zwischen Christen und Juden.“

Interviews mit Menschen, für die der Friedhof in Vergangenheit oder Gegenwart eine besondere Rolle spielt, hat die Regisseurin Britta Wauer in die chronologische Zeitreise eingebaut. Stellvertretend für die schwere Zeit im Dritten Reich erzählt der inzwischen über 80-jährige Berliner Harry Kindermann seine Lebensgeschichte: Er war einer der zahlreichen Großstadtkinder, die nach Schließung der jüdischen Schulen 1942 praktisch ihre restliche Jugendzeit auf dem Friedhof verbrachten, teils als geduldete Gärtnersgehilfen, teils als illegal Versteckte. Mitten im Krieg und während der Verfolgung durch die Nazis wurde der Weißenseer Friedhof für viele Kinder ein Ort für manch unbeschwerte Stunden. Harry Kindermann hatte Glück, da er sich als Friedhofsmaurer bis Kriegsende durchschlagen konnte. Mehrere seiner Jugendfreundinnen und –freunde wurden deportiert und getötet. Heute lebt wieder eine junge Familie mit Kleinkind in einem Verwaltungsgebäude unmittelbar auf dem Friedhof, der wegen seiner Ausmaße ein Biotop geworden ist.

Die facettenreiche, insgesamt leider zu dominante Filmmusik hat Karim Sebastian Elias komponiert. Elias hat „den Reichtum der deutsch-jüdischen Kultur“ wiederspiegeln wollen, sich aber ganz bewusst „nicht an jüdischen Kompositionen wie der Klezmer-Musik orientiert“. Stattdessen setzte er seine Empfindungen ganz unmittelbar um und komponierte unterschiedliche Motive „möglichst elegant um die Sprache herum“. Die CD mit der Filmmusik ist beim Label „Alhambra“ erschienen.

Ein handlicher Bildband mit 141 Bildern der Fotografin Amélie Losier illustriert neben den Geschichten aus Britta Wauers Film viele weitere Aspekte aus der Historie des Friedhofs.

Amélie Losier, Britta Wauer, Der Jüdische Friedhof Weißensee – Momente der Geschichte, BeBra-Verlag Berlin, 176 Seiten, ISBN 978-3-8148-0172-8,

EUR 24,95

Eine Übersicht der Kinos, die den Film „Im Himmel, unter der Erde“ zeigen, steht im Internet unter www.salzgeber.de/delicatessen/termine_imhimmelunterdererde