Würzburg

Sinnsuche in den Zeiten von Corona

Seuchen wie beispielsweise die Pest, die mit Krankheit, Siechtum und Tod Länder und Völker überzogen, gehören seit jeher zu den „Zeichen“ für göttliche Intervention aufgrund menschlicher Regelverletzung.

Coronavirus in Südkorea
Südkorea, Seoul: Arbeiter in Schutzanzügen sprühen Sprühdesinfektionsmittel als Vorsichtsmaßnahme gegen das neue Coronavirus. Foto: Lee Jin-Man (AP)

Dass Natur sich in „Katastrophen“ ausdrückt, ist eine erst seit dem 19. Jahrhundert etablierte anthropozentrische Sicht, die im Gefolge der aktuellen Klimadebatte dem Endzeit-Thema – einst Domäne millenarischer Gruppen – in säkularen Bewegungen wie „Fridays for Future“ Eingang und Einfluss verschaffte. Verheerendes Naturgeschehen ist seit jeher das Grundreservoir, aus dem apokalyptische Volksfrömmigkeit die entsprechenden „Zeichen“ zieht: Überschwemmungen, Feuersbrünste, Vulkanausbrüche, Erdbeben ... Deren Einpassung in eine numinose Interpretationsmatrix sorgte für Ursachenerklärung und, noch wichtiger, Sinngebung: Wenn göttliche Intervention aufgrund menschlicher Regelverletzung erfolgte, erfuhr man Sanktion und Strafe zu Recht – mit der Option, vom sündigen Treiben hinfort mehr oder weniger (denn das Fleisch ist bekanntlich schwach) abzulassen.

Die Pest tötete 25 Millionen Menschen

Zu diesen „Zeichen“ zählten über Jahrhunderte die Seuchen, die mit Krankheit, Siechtum und Tod Länder und Völker überzogen – allen voran die Pest, die allein im 14. Jahrhundert ein Drittel der Bevölkerung Europas tötete: 25 Millionen Menschen. (Eine Schreckenszahl, die erst wieder – diesmal weltweit – mit der Spanischen Grippe 1918/20 erreicht wurde.)

Doch während in den Endzeit-Projektionen der Klimabewegung die im kollektiven Gedächtnis tradierten und durch aktuelle Ereignisse immer wieder erneuerten Katastrophenbilder belebt und beschworen werden, bleibt eine apokalyptische Deutung der aktuellen, den Erdball umrasenden Viruspandemie aus. Werden bei der Bewertung der Klimakrise durchaus moralische Faktoren wie Habgier, Maßlosigkeit und Ignoranz (drei klassische Todsünden) thematisiert, wäre dies bei der Corona-Krise nur per Rückgriff auf nicht mehr vermittelbare religiöse Muster möglich.

DT/mee

Über Jahrhunderte waren Seuchen, die mit Krankheit, Siechtum und Tod Länder und Völker überzogen, „Zeichen“ der Endzeit. Wie das Coronavirus hier ins Bild passt, erfahren Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe kostenlos hier .