Sind wir Habsburger am Ersten Weltkrieg schuld?

Manche Fragen klingen einfach, sind aber nur schwer zu beantworten – wenn überhaupt. Hat der österreichische Kaiser Franz Joseph mit seinem Befehl, Serbien anzugreifen, den Ersten Weltkrieg ausgelöst? Sein Urururenkel findet im 2. Teil der „Tagespost“-Serie zum Ersten Weltkrieg gute Gründe, dies zu verneinen. Zu viele Politiker und Funktionsträger waren involviert. Von Eduard von Habsburg

Familie mit politischer Strahlkraft: Otto von Habsburg (1912–2011) in der Kapuzinergruft vor dem Sarkophag Kaiser Franz Josephs. Foto: dpa
Familie mit politischer Strahlkraft: Otto von Habsburg (1912–2011) in der Kapuzinergruft vor dem Sarkophag Kaiser Franz ... Foto: dpa

Die meisten Mitglieder des Hauses Habsburg leben normale Leben und befassen sich, so schwer das zu glauben ist, nicht andauernd mit ihrer Familien- und der europäischen Geschichte im Allgemeinen, sondern kämpfen mit den Tücken des Alltags. So kam es wie ein Weckruf, als vor etwa einem Jahr meine 16-jährige Tochter aus der Schule kam und mich ziemlich fassungslos fragte: „Papi, sind die Habsburger schuld am Ersten Weltkrieg?“ Der erste Impuls ist immer, zu sagen: „Natürlich nicht, mein armer Schatz!“ Warum soll ein Kind sich mit so einer furchtbaren Schuld belasten müssen? Dann stellte ich fest, dass ich es eigentlich nicht wusste. Also antwortete ich mit dem Diktum des früheren österreichischen Bundeskanzlers Fred Sinowatz: „Es ist sehr kompliziert.“

Wie recht ich damit hatte, wusste ich erst ein halbes Jahr später, nach der Lektüre von Christopher Clarks faszinierendem Buch „Die Schlafwandler“, der wohl besten Studie über die Komplexität des Weltkriegsbeginns. Das Thema des Beginns der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ und der Schuld und Verantwortung für dieses „komplizierteste Ereignis der Weltgeschichte“ (Clark) mit seinen Hunderten von Protagonisten in mindestens fünf großen Nationen ist wirklich so kompliziert, dass man sich vor einfachen Antworten hüten muss. Nicht umsonst sind praktisch alle Quellen ideologisch gefärbt, umfasste der Literaturstand alleine zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 20 Jahren 25 000 Bücher, eine Menge, die, wie Clark amüsiert notiert, nicht einmal ein fiktiver Historiker lesen könnte.

Nachdem unserem Familienchef Karl von Habsburg klar war, dass viele Habsburger aller Altersstufen in Österreich und der restlichen Welt (wir haben etwa 500 Familienmitglieder) im Jahr 2014 mit dieser Frage konfrontiert werden würden, haben wir uns in einer kleinen Gruppe gefragt, was wohl die angemessene Antwort auf die Frage nach der Schuld ist und was auch der neueste Stand der Wissenschaft ist, um auch auf polemische Zeitschriftentitel wie den des „profil“-Themenheftes („1914: Wie die Habsburger Österreich in den Untergang führten“) reagieren zu können.

Clark seziert nicht die Schuldfrage, sondern untersucht, wie die Dinge der Reihe nach passiert sind, warum die stellenweise sehr eigenständig agierenden Protagonisten in Serbien, Österreich, Deutschland, Frankreich, Russland und England in jenen vier Wochen zwischen Ende Juni und Ende Juli 1914 aus einem Attentat und einer Serbienkrise schließlich einen Weltkrieg lostraten, der vier Jahre und viele Millionen Tote später endete und die europäische Landkarte für immer veränderte. Eine seiner großen Taten ist die feine Sezierung der Situation in Serbien auf den ersten 100 Seiten. Zum ersten Mal, so scheint es, bekommt man eine Ahnung von dem komplexen Geflecht von Beziehungen zwischen serbischer Regierung, Militär und verschiedenen Terror-Zellen, die damals tätig waren. Aber auch Manfried Rauchen- steiners monumentales „Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie“ hilft bei der Rekonstruktion der entscheidenden Wochen, vor allem in Österreich. Nebenbei bemerkt – während Clark „nur“ 800 Seiten lang ist –, wiegt Rauchen- steiner 2,5 kg und streckt sich über 1 200 Seiten.

Rekapitulieren wir kurz. Am 28. Juni 1914 ermordete der serbische Nationalist Gavrilo Princip in Sarajevo in Bosnien-Herzegowina, also auf österreichisch-ungarischem Territorium, den Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie. Princip wollte sicher keinen Weltkrieg auslösen. Ihm ging es wie vielen anderen Serben um die Idee eines großen Reiches. Viele Kräfte in Serbien hatten nicht verwunden, dass Bosnien mit einem serbischen Bevölkerungsanteil von 40 Prozent zu Österreich-Ungarn gekommen war. So sorgte man dafür, dass dort keine Ruhe einkehrte – das geschah durch geplante und durchgeführte Attentate durch Terrorzellen wie die „Schwarze Hand“. Dieses eine Attentat gelang, und auch wirklich nur durch eine Verkettung von Zufällen. Der Krieg, und zwar der große, alles verschlingende Krieg, hätte so oft verhindert werden können, dass es beinahe erstaunlich ist, dass er stattfand. So viele kleine Schritte wurden gesetzt, die schließlich in die Katastrophe führten. Und die meisten Beteiligten sagten immer wieder, dass sie „keine Wahl hätten“.

Nun war dieses Attentat in den Augen Österreichs der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Serbien hatte in den beiden Balkankriegen 1912 und 1913 bereits viel Unruhe und Aggression in die Region gebracht. Österreich beschloss, dass es diesmal nur mit einem Krieg gegen Serbien gehen würde. Diese Entscheidung wurde bereits kurz nach dem Attentat getroffen. Rauchensteiner betont, dass diese Entscheidung direkt vom Kaiser getroffen wurde und er sie seiner Regierung vorgab, als er aus Ischl kam. Doch dafür bietet er keine stichhaltigen Beweise. Franz Joseph war vielmehr als ein Herrscher bekannt, der sich fast immer an den Entscheidungen jener Leute ausrichtete, die er selber in Funktionen eingesetzt hatte. Während die Kaiser von Österreich und Deutschland ihren Entscheidungsprozess in ein kompliziertes Geflecht aus Beratern und Gremien einbanden (und damit „erdeten“), agierten die Außenminister von Frankreich, Russland und England im Juli 2014 im freien Raum und trafen ihre Entscheidungen ziemlich nach Belieben. Der russische Zar spielte eine untergeordnete, der englische König gar keine Rolle in den Abläufen.

Jedenfalls hat Kaiser Franz Joseph die Entscheidung seiner Regierung schon sehr früh mitgetragen. Jahrelang hatte er sich wirklich für Frieden in der Region eingesetzt, hatte versucht, in seinem Reich die Nationalitäten fair und friedlich zusammenleben zu lassen. Diesmal war es auch für ihn sofort klar: Nur ein schneller Krieg, und zwar gegen Serbien, konnte diesen Unruheherd ruhigstellen. Man war aber für keinen Krieg bereit, auch weil ein großer Teil der Soldaten im Ernteurlaub war. Außerdem wollte Wien zumindest vordergründig sicher sein, dass die Spur des Attentats nach Belgrad wies. Am 25. Juli stellte Österreich ein Ultimatum an Serbien, das nach heutigen Standards eigentlich sehr vernünftig erscheint, das aber stets nur den Zweck hatte, dass Serbien es ablehnen sollte, um einen Krieg zu ermöglichen. Das steht sogar im Regierungsbeschluss. Es war harsch formuliert, ließ den Serben nur 48 Stunden zur Beantwortung und forderte in Punkt 6 die Mitarbeit österreichischer Beamter bei der Untersuchung des Mordkomplotts. Heute weiß man, dass der serbische Ministerpräsident Pašiæ dieses Ultimatum unmöglich annehmen hätte können, weil sonst die Verflechtung der Attentäter bis in höchste Regierungskreise und bis ins Königshaus offenbar geworden wäre.

Die „offizielle“ Untersuchung des Mords und seiner Hintermänner war eine Woche nach dem Attentat bereits abgeschlossen und sollte nicht wieder aufgegriffen werden. Aber auch sonst war die Sache schwer zu akzeptieren. Dennoch sah es kurz so aus, als ob die serbische Regierung das Ultimatum in allen Punkten annehmen würde – bis ein Telegramm aus Russland der serbischen Regierung signalisierte, dass der mächtige Verbündete Serbien beistehen würde.

Russland, das war Außenminister Sasonow, der bis kurz vor dem Ultimatum mit Poincaré, dem Außenminister des verbündeten Frankreich, in Petersburg konferiert hatte. Gerüchte vom kommenden Ultimatum – durch Spione und durch Schlamperei der deutschen Regierung – hatten den beiden Politikern jede Menge Zeit gelassen, ihre Strategien aufeinander abzustimmen. Daraufhin antwortete Serbien am 27. Juli auf das Ultimatum mit einem balkanisch-diplomatischen Meisterstück, das jedoch einer Ablehnung gleichkam. Am 28. Juli erklärte Österreich Serbien den Krieg, woraufhin Russland gewaltige Truppen mobilisierte und in Bewegung Richtung Westen versetzte, sowohl gegen Österreich-Ungarn als auch gegen Deutschland, wie man heute weiß. Das wiederum versetzte das zu diesem Zeitpunkt noch völlig unvorbereitete Deutschland in Panik, und beschleunigte alles. Die Dominosteine begannen zu fallen. Wenige Tage später war der Große Krieg da.

Hier stehen wir vor der zentralen Frage. Musste die österreichische Regierung wissen, dass ihre Kriegserklärung an Serbien auch Russland und Frankreich auf den Plan rufen und somit einen großen Krieg der Verbündeten auslösen würde? Dann würde in der Tat die Schuld schwer auf Österreich und seinem Kaiser lasten. Diese Frage ist ebenso einfach, wie sie komplex zu beantworten ist. Am ehesten trifft „Nein und Ja“ zu. Das Ultimatum und die Kriegsplanung wurden von Franz Joseph immer als Aktion gegen Serbien und nur gegen Serbien gesehen. Österreich hatte nach zwei Mobilmachungen weder das Geld noch irgendwelche Ziele in einem ausgedehnten Krieg. Doch gab es zu jedem Zeitpunkt der Krise Stimmen, auch in leitenden Funktionen in Österreich, die darüber räsonierten, dass das zum „großen Krieg“ führen könne, und die bereit waren, das in Kauf zu nehmen. Generalstabschef Conrad von Hötzendorf hatte mit seinen deutschen Partnern mehrmals die Strategie besprochen, wie man bei einem russischen Eingreifen reagieren würde. Clark vermittelt den Eindruck, dass man im Endeffekt darauf vertraute, dass Russland – schon aus Angst vor einem Eingreifen von Österreichs Verbündeten Deutschland – nicht einen Krieg wegen Serbien anfangen würde. Auch in einer früheren Krise hatte Russland eingelenkt und Serbien beruhigt. Das könnte ja wieder geschehen. Tatsächlich griff man auch erst Serbien an und musste dann, beim Eingreifen Russlands, holprig umstellen.

Es ist immer wieder über die Möglichkeit einer Friedensvermittlung in letzter Sekunde nachgedacht worden. Wer Clark liest, sieht sofort, warum Österreich sich auf so etwas nicht ernsthaft eingelassen hätte. Frankreich und Russland ließen von Anfang an durchscheinen, dass sie für die Forderungen Österreich-Ungarns an Serbien nichts übrig hatten. Überhaupt hat man den Eindruck, dass die Ermordung des Thronfolgers und der österreichische Zorn darüber international auf wenig Interesse oder Verständnis traf. Eine internationale Konferenz, das hatte Österreich-Ungarn bereits während der zwei Balkankriege bemerkt, hätte nichts gebracht. Was hätte der Kaiser also mit dem Wissen und Denken des Jahres 1914 in dieser Situation anderes tun können, als einen kurzen, begrenzten „dritten Balkankrieg“ zu beginnen? Es gab keine internationalen Institutionen, die Österreich zu Genugtuung verholfen hätten. Immerhin war der Thronfolger seines Reiches auf dem eigenen Territorium ermordet worden.

Der „Stein, der alles ins Rollen brachte“, der „Auslöser des Ersten Weltkriegs“, war zunächst einmal das Attentat durch Gavrilo Princip. Der von Kaiser Franz Joseph befohlene und zu verantwortende Angriff auf Serbien hat den Stein nur zurückgerollt. Dort hätte er liegen bleiben können, alles hätte ein lokaler Konflikt bleiben können. Nun wurde der Stein aber energisch weitergerollt, und zwar nicht vom Kaiser, sondern von einer ganzen Reihe sehr selbstständig agierender Hände in anderen Ländern. Hätte Russland – in Absprache mit Frankreich – nicht im alles entscheidenden Moment Serbien seine Unterstützung zugesagt und zugleich eine Mobilisierung ausgelöst, der Weltkrieg hätte nicht stattgefunden. Das gilt aber noch für viele andere Schritte in jenen frenetischen Tagen, kurz vor dem Augustbeginn. Viele hätten bis zum Schluss die Hände vom Abzug nehmen können. Nachher ist man immer klüger. Was würde ich meiner Tochter heute sagen? Ich würde von einer Mitverantwortung aller Staatsoberhäupter und auch des Kaisers am Kriegsausbruch sprechen, in seinem Fall durch den Angriffsbefehl auf Serbien. Doch eine Schuld des österreichischen Kaisers oder auch der Habsburger als Familie für den Ersten Weltkrieg muss sie, glaube ich, nicht auf ihre jungen Schultern nehmen.

Was lernen wir aus dem Ganzen? Das Feuer, auf dem die Suppe zum Kochen kam, war der Nationalismus. Der renommierte US-Historiker Timothy Snyder hat in den zurückliegenden Wochen in Interviews und Aufsätzen den Blick mehrmals darauf gerichtet, wie sehr die Donaumonarchie mit ihrem Zusammenleben von Volksgruppen, mit ihrer Hymne in 20 Sprachen, ein Vorbild für das heutige Europa gewesen ist, viel weniger dem Untergang geweiht, als wir uns das heutzutage gerne vorstellen. Es war ein einzigartiges Experiment in einem sich immer mehr nationalistisch aufladenden Europa, das schließlich für diese nationalistischen Ideale zu den Waffen griff. Am Ende gab es Österreich-Ungarn nicht mehr. Ein weiterer großer Krieg war die Folge. Dem Projekt Europa scheint es besser zu gehen, so viel besser, dass alle möglichen Länder dazu kommen wollen. Vielleicht ist das auch die Folge der schlimmen Lehren, die wir aus den Ereignissen der Jahre 1914 bis 1918 ziehen können.