Würzburg

Sind denn jetzt alle *?

Ein Begriff in aller Munde: Warum Identitätspolitik einer skeptischen Betrachtung bedarf.

Die Linken, wer auch immer genau mit ihnen gemeint sein soll, sind schuld. Darin sind sich viele Intellektuelle einig. Vorgebrescht ist mit dieser Zuweisung allen voran der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der den meisten noch durch seine (letztlich widerlegte) These vom Ende der Geschichte bekannt sein dürfte. Seine aktuelle Argumentation: Weil sich die Progressiven über ein Jahrzehnt mit aller Inbrunst für Minderheitenrechte und Nischengruppen eingesetzt hätten, sei die Mehrheit aus dem Fokus geraten, die nun zumindest in Teilen ihren Protest mit der Wahl rechtspopulistischer Kräfte kundtun würden. Siehe Trump, siehe AfD und so weiter. Statt über die Nöte der Angestellten, Arbeiter, ja, der schwindenden Mittelschicht zu reden, habe man sich – zugespitzt – mit Toiletten für das dritte Geschlecht beschäftigt.

Um diese Lenkung zu beschreiben, hat sich der nun in aller Munde befindliche Begriff der Identitätspolitik etabliert. Doch was erklärt diese Vokabel und ist sie überhaupt sinnvoll? Wenn ja, dann müssten ja die Voraussetzungen klar sein.

Doch schon, was Identität überhaupt bezeichnen soll, erweist sich angesichts unzähliger Theorien von Rousseau bis Goffmann als schwierig. Denn entgegen des Eindrucks, sie sei einfach politisch zu steuern, zeichnet sie nichts Statisches oder Fixes aus. Identität besteht nicht, sondern ist permanent im Werden. Warum? Weil sie nicht isoliert betrachtet werden kann. Im Grunde fußt sie auf einer einfachen Grundannahme. Abgeleitet vom lateinischen idem (,derselbe‘), geht es, sehr vereinfacht, um die erstrebte Deckungsgleichheit zwischen innen und außen. Dass Um- und Innenwelt niemals ganz konform sein werden, ist wohl der Grund, warum die Intellektuellen Ernst Bloch und Karl Mannheim Identität letztlich als eine utopische Konstruktion ansehen. Man arbeitet ein Leben lang auf sie hin. Identität ist Hoffnung, Ziel, Heimat und Genese gleichermaßen.

Insofern haben wir es mit einem höchst individuellen Prozess zu tun, der – abseits von Erziehung und Sozialisation – eigentlich nicht richtig von außen, schon gar nicht durch Parteien oder den Staat zu beeinflussen sein sollte. Also steckt hinter der ominösen Identitätspolitik in Wirklichkeit eine andere Debatte. Nicht so sehr, wer wir sind oder sein sollten, vermag sie zu bestimmen. Vielmehr trifft sie Aussagen über Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit. Wer gehört zu unserer Gesellschaft? Und welche verdeckten oder offenen Hierarchien gibt es? Besonders auffällig zeigt sich, dass sich Politikmache mit Identität insbesondere auf binäre Verhältnisse erstreckt: Mann versus Frau, Eigenes versus Fremdes. Was Judith Butler, die sicherlich wichtigste Vordenkerin der spätmodernen Gender Studies, aber auch Foucault und andere zu Recht bemerkten, ist die Macht, die sich stets in der Sprache manifestiert. Sprache ist Denken. Und wer im Besitz einer Sprach- oder Deutungshoheit ist, dem gehört auch die Macht. Die Menschen daher für die Tragweite der Kommunikation für unser Zusammenleben zu sensibilisieren und kommunikative Verkrustungen aufzubrechen, zählt ohne Zweifel zu den Lehren aus Butlers Klassiker „Das Unbehagen der Geschlechter“.

Man beharrt vehement auf bestimmte Formulierungen

In Teilen wird die symbolische Ebene, also die der Sprache, derart mit Bedeutung aufgeladen, dass geradezu mit absurder Vehemenz auf bestimmten Formulierungen beharrt wird. Die political correctness, die im Grunde ein richtiges Anliegen verfolgt, weil sie Diskriminierungen entgegenzuwirken versucht, hat eine regelrechte Sprachpolizei ins Leben gerufen. Nach guten Lösungen wie dem „Binnen-I“ oder der doppelten Nennung von weiblichen und männlichen Angesprochenen wird nun verstärkt auf dem * beharrt. Die Folge: Die vielleicht anfangs einmal passable Zustimmung für eine gendergerechte Sprache in der Gesellschaft schwindet immer mehr. Verkrampfte Wendungen wie „Bürger*innenmeister*innen“ findet man inzwischen verstärkt. Statt die Menschen gegen die eigentliche Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zum Beispiel in Fragen der Bezahlung oder des beruflichen Aufstiegs zu mobilisieren, verlieren einige Vertreterinnen und Vertreter des Hyper-Genderns den Bezug zur Realität. Die Diskussion, wer wie angesprochen oder eingemeindet werden soll, ist zu einem teils absurden Scheindiskurs geworden, der von den wahren Problemen wegführt.

Überdies erweist sich das * nicht als mehrheitsfähig, solange es mehr verlachen als anwenden. Anzustreben wären daher Kommunikationsgepflogenheiten, die nicht zum Wiederaufflammen alter Konfliktzonen führen. Mann, Frau und Personen des dritten Geschlechts sollten einen gemeinsamen Raum des Austausches finden, jenseits anklagender und oberlehrerhafter Zurechtweisung. Gerade das nervige Insistieren auf die möglichst immer perfekte Differenzierung in allen Lebensbereichen – vom Wissenschaftsgesetz bis zum Kinderbuch – trägt hingegen zur Spaltung bei.

Insbesondere dem Gedanken der performativen Identitätsgestaltung, wie sie beispielsweise von einigen Postfeministinnen gefordert wird, nämlich im Sinne einer emanzipierten Selbstbeschreibung, trüge es Rechnung, keine neuen statischen Zeichen wie das * einzuführen. Es wäre ratsam, auf allen Seiten mehr Gelassenheit, weniger Vehemenz an den Tag zu legen. statt Sprachregulierung sollte man Sprachevolution den Vorrang lassen. Die Energien, die derzeit für gendergerechte Sprache aufgewandt werden, dürften in den Einsatz für die Bekämpfung von echter Ungleichheit besser investiert sein. Kurzum: Aus Sprachpolitik sollte Realpolitik werden.