Simon Strauss: Religion wird wieder eine stärkere Instanz werden

Simon Strauss möchte mit einem Netzwerk von Intellektuellen das Bewusstsein dafür schärfen, dass es einen "europäischen Geist" gibt, der auch sprachlich spürbar sein sollte. Von Stefan Meetschen

Simon Strauss
Einsatz für eine "europäischen Geist": der Schriststeller Simon Strauss. Foto: Martin Walz (Aufbau-Verlag)

Herr Strauss, Sie sind nicht nur Journalist und Schriftsteller, sondern seit 2017 auch Vorstandsvorsitzender des Vereins „Arbeit an Europa“. Wie geht das: Arbeit an Europa?

Wir sind eine Gruppe von acht Intellektuellen – eine Lyrikerin, zwei Verleger, eine Juristin, zwei Ökonomen, ein Journalist, ein Philosoph, die sich für das Einsehen der Zeit interessieren. Gemeinsam veranstalten wir alle drei Monate in europäischen Orten der Abgeschiedenheit, also Provinzorten, Wochenenden, wo wir uns mit Kernbegriffen der Europäischen Gedankenwelt beschäftigen, die wir aus einer kulturgeschichtlichen, ideengeschichtlichen, ästhetischen und historischen Perspektive beleuchten wollen. Dadurch möchten wir uns ein Vokabular aneignen, das ein anderes Sprechen über Europa ermöglicht, als das, das wir im Moment auf allen Kanälen hören.

Warum in der Provinz und nicht in den Metropolen?

Der Ausgangspunkt unserer Gründung war der jetzt viel diskutierte „Brexit“-Austritt. In der Nacht nach dem Beschluss sind wir zusammengekommen. Ein paar von uns fiel auf, dass das Reden von der EU sehr stark von den Hauptstädten ausgeht, und dass das vielleicht das Problem ist, dass wir immer nur zwischen Paris, Rom und Berlin leben als eine globalisierte Mittel- und Oberschicht. Das darf aber nicht der einzige Ausgangspunkt für das Sprechen über Europa sein. Deswegen ist es unser besonderes Interesse, in Orten, die abgeschieden sind, uns zu treffen, um auch etwas von dem Leben dort mitzubekommen. Das ist so eine kleine Versuchsanordnung: Wir versuchen, nicht nur das intellektuelle Gespräch unter uns zu pflegen, sondern auch eine Begegnung vor Ort mit jungen Bewohnern zu erleben, um Unterschiede und Fremdheit erfahren zu können.

Für ältere Europäer interessieren Sie sich nicht?

Im Gegenteil. Zu der „Arbeit an Europa“ zählt auch ein Zeitzeugenprojekt, ein „Europäisches Archiv der Stimmen“. Damit wollen wir die Erinnerungen von Menschen sammeln und bewahren, die in der Anfangsphase dessen, was wir heute als die Europäische Union bezeichnen, tätig waren und das miterlebt haben. Es geht dabei nicht um prominente Menschen – wir haben eine Gruppe von vierzig jungen Interviewern zusammengetrommelt, die in ihren Heimatländern auf die Suche nach interessanten Gesprächspartnern gehen. Es sollen nicht Leute sein, die schon hundertmal zu europäischen Themen befragt wurden.

Europäische Union klingt politisch ...

Weder unsere Treffen noch das Zeitzeugen-Projekt verfolgen ein politisches Ziel. Wir wollen die Leute nicht befragen, ob sie für die EU oder dagegen sind. Wir möchten herausbekommen, welche Bedeutung dieser Begriff in den einzelnen Lebensgeschichten hatte und welche Ableitungen sich daraus für die Zukunft ergeben.

Ist Ihnen das Politische zu eng? Fehlt Ihnen in Europa der Geist?

Ich glaube, dass hier wirklich ein Manko herrscht. Man hört soviel über Europa, aber was ist das eigentlich: die europäische Idee? Das muss man erforschen, sich neu zurück und nach vorne besinnen.

Was verstehen Sie persönlich unter dem europäischen Geist?

Die grundsätzlichen Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stammen aus der Französischen Revolution; das ist eine urtypisch europäische Idee. Genauso wie die Aufklärung.

Ich persönlich finde es aber mindestens genauso spannend, sich auf die vorherigen, voraufgeklärten Bezugsfelder, etwa die Antike oder die Romantik, zu beziehen. Es gibt doch keinen Grund, die Antike auszuschließen, wenn man sich überlegt, woher ganz bestimmte Traditionen kommen, sei es des Rechtswesens, des Bauens oder auch der zentralen Kategorie unseres Denkens, der Philosophie. Für mich spiegelt sich europäischer Geist in den drei großen Instanzen: die Philosophie, die Religion und die Kunst. Die Art und Weise, wie diese drei Instanzen miteinander ringen, und wie sie Funken schlagen aneinander, das ist das europäische Geistesleben. Das muss man wiedererobern. Nicht, um damit den europäischen Geist über etwas anderes zu stellen, sondern weil man das Andere nur schätzen und lieben lernen kann, wenn man einen Bezug zum Eigenen hat.

Bei einem Vortrag, den Sie kürzlich im polnischen Thorn hielten, haben Sie sich auch auf den Philosophen und Politologen Eric Voegelin gestützt, der von der Bedeutung der Transzendenz für das Funktionieren des Staates sprach. Wieso könnte ausgerechnet die Transzendenz für die Europäer im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen? Sind sie nicht mittlerweile religiös ungebildet?

Das kann sein, wird aber nicht so bleiben, da bin ich mir ganz sicher. Ich glaube fest daran, dass die Religion wieder eine stärkere Instanz werden wird – gerade aus dem angedeuteten Dreiklang; es kann eine geordnete und stabile Vorstellung von Gesellschaft oder Gemeinschaft nur geben in diesem Dreiklang der Instanzen zwischen Wissenschaft, also dem Rationalen, und auf der anderen Seite der Religion als tief irrationale Frage, die existenziell jeden berührt. Und in der Vermittlung dieser beiden Instanzen ist die Kunst anzusehen. Deswegen glaube ich, dass ein stabiles Gesellschaftssystem nur dann funktionieren kann, wenn es für alle drei Instanzen einen Platz hat.

Könnte die Migrationskrise als Europas religiöser Katalysator dienen?

Über diese provokative Vorstellung haben wir in Thorn auch gesprochen. Man sagt, durch die Migrationsverläufe, die wir haben und die auch nicht aufhören werden, könnten wir gezwungenermaßen wieder dazu kommen müssen, uns mehr mit der Religion zu beschäftigen. Für die Menschen, die aus den afrikanischen Nahost-Gebieten stammen, hat die Religion einen hohen Stellenwert im alltäglichen Leben.

Sie haben auf der Website „Arbeit an Europa“ auch die „Pariser Erklärung“ von 2017 verlinkt. Sie haben diese Erklärung in einem Artikel kritisiert. Warum eigentlich? Wollen Brague, Scruton & Co. nicht auch den europäischen Geist schützen?

Ich habe meine durchaus kritische Haltung zur Pariser Erklärung deutlich gemacht, weil diese nur in eine Richtung geht und nicht die Großherzigkeit des Geistigen betont, aber ich finde, jede Initiative, die Europa in irgendeiner Form wegdenkt von aktuellen Fragen wie Mauern oder keine Mauern, Grenzen oder keine Grenzen ist schon bedenkenswert. Die Unterzeichner stellen die Idee über das Meinungsurteil, und genau danach suchen wir auch. Man sollte den Blick weiter machen. Dann kann Europa schöner aufscheinen, als wenn der Blick allein vom trüben Jetzt gezeichnet ist.

Ende Mai wird in Europa gewählt. Erwarten Sie etwas Schönes im Wahlkampf?

Ich glaube, dass Europa wieder von den unterschiedlichen Seiten als Vehikel für ganz andere Dinge benutzt werden wird: für Wirtschaftsinteressen, für pro et contra-Fragen rund um die Migration, für die grundsätzlichen sozialen Fragen und auch der Politik im weitesten Sinne der Abkommen, der bürokratischen Vorstellungen oder der antibürokratischen Vorstellungen, Nationalismus versus Globalisierung. Alles dies ist eine große Beschwerung. Es ist wie ein Segelboot, das beladen wird mit allem möglichen Ballast. Es gibt aber eigentlich keinen, der einfach die Segel hissen will, um zu fahren. Es gibt schließlich auch eine Vielfältigkeit der Stimmen, der Schönheit der unterschiedlichen Sprachen und der Literatur, der Kunst und der Philosophie in den unterschiedlichen europäischen Ländern, die alle sehr verschieden ausgeprägt sind.

Was könnten die Europa-Politiker besser machen?

Ein politisches Problem anders besprechen. Ich habe mir immer vorgestellt, was passieren würde, wenn jemand wie Frau Merkel oder wer auch immer in eines der Südländer geht, wo sie so verhasst war, nehmen wir Griechenland oder Italien, und dort zuerst ein Gedicht aus dem Land vorträgt und sagt, wie wahnsinnig bedeutsam sie dieses Gedicht findet. Ich glaube eben nicht, dass das alles nur Zuckerguss ist und dass alles auch ohne geht, sondern es ist ein fundamentales Pfund, mit dem man im Gespräch untereinander viel mehr wuchern könnte. Deswegen bin ich gespannt, ob es ein Gedicht geben wird bei der Europa-Wahl. Das würde ich jedenfalls sehr begrüßen, wenn jemand mit einem europäischen Gedicht Wahlkampf machen würde.