Siebzehn Silben des Augenblicks

Im Inneren des poetischen Menschen – Deutsche Haikus von Durs Grünbein

Wie auf weißen Wölkchen wachsen auf dem graublauen Einwickelpapier eines Tokioter Sojahändlers fächerförmig braungoldene Büschel von Tang oder Farnen. So gemustert ist der Einband der Nummer 1 308 der Insel-Bücherei, in deren bunte Reihe das Bändchen sich schmuck einfügt. Schlägt man es auf, dann trifft man zwischen den für den Mitteleuropäer lesbaren Texten in einer üblichen Adobe Garamond Pro auf Reihen von japanischen Schriftzeichen, die hübsch wie Hängepflanzen senkrecht nach unten rieseln. Was da japanisch verpackt in deutscher Sprache erscheint, sind nun nicht etwa japanische Haiku-Gedichte in deutscher Übersetzung, sondern deutsche, um nicht zu sagen deutschstämmige Haikus. Und was da rieselt, so wird erklärt, ist umgekehrt deren Übersetzung ins Japanische.

Durs Grünbein hat auf vier Japanreisen Tagebücher geschrieben. Ihm, der nie photographierte, schien dazu die Form jener japanischen Kurzgedichte, der Haikus, „die gängigste Alternative zum Polaroid“ – einer ihrerseits schon wieder obsoleten Technik. Ihm ging es darum, „die einzelnen inneren Aufnahmen sofort begutachten zu können – auf einer weißen Notizbuchseite“. Siebzehn Silben, in drei Zeilen zu fünft, zu siebt und wieder zu fünft angeordnet, genügen, um den „Schnappschuss“ verbal festzuhalten. Grünbein folgt den Haiku-Regeln nicht sklavisch, auch nicht der, dass in einem Haiku immer eine Jahreszeit vorkommen muss. So fragt er im Tokioter Elektronik-Wunderland Akihabara: „Welche Jahreszeit?/ Was weiß ich, wo es ringsum/ Auf Bildschirmen schneit.“ Oder (mit 5 – 7 – 6 Silben): „Nur bei Stromausfall/ Sieht man den Sternenhimmel/ Über Tokyo nachts.“

Gedichte in der eigenen Sprache wecken besonders dann Resonanz in den Menschen, wenn sie sich streng an bestimmte Formvorgaben halten, die für die jeweilige Sprache spezifisch sind. Doch können solche Formvorgaben durchaus von anderen Sprachen importiert werden. Grünbein führt das auf die „Tatsache unbewusster Verbundenheit im geräumigen Inneren des poetischen Menschen“ zurück. Als das Sonett aus dem romanischen Sprachraum in den germanischen gelangte, wurden den Dichtern damit neue Ausdrucksmöglichkeiten eröffnet. In ähnlicher Weise entstanden zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich, vereinzelt auch in Deutschland Dichterkreise, die sowohl japanische Haikus in ihre eigenen Sprachen übersetzten als auch ihre Gedanken in Haikus verdichteten – wobei bereits dieser Ausdruck zeigt, dass mit der Formvorgabe keineswegs auch schon das Wesen des Haikus importiert worden war. Das besteht nämlich weniger darin, Gedanken zu verdichten als Eindrücke schwebend einzufangen, die dann in einer Art schwereloser Betrachtung ihrerseits Gedanken hervorrufen mögen. So zieht auch durch Grünbeins deutsche Haikus mehr Gedankenschwere (und Information) als durch japanische, die sich auf das Andeuten beschränken, so wie japanische Bilder viel unbemaltes Papier frei und somit der Phantasie Raum lassen. Wohl deswegen beklagt Yuji Nawata, der Grünbeins Gedichte ins Japanische übertrug und in dem Bändchen klug und kenntnisreich kommentiert, dass er zum Übersetzen jeweils mehr Silben als der deutsche Dichter gebraucht habe, und dass er deswegen auf die strenge Einhaltung der 5 – 7 – 5 Regel verzichten musste.

In Japan werden Haikus optisch, nämlich kalligraphisch schön geschrieben, verbreitet und erscheinen so eben auch in Gemälden. Offenbar verwundert, so vermerkt Grünbein in seinem eigenen Kommentar, hat man dort nun die Vorlesung durch den Dichter, also die akustische Vermittlung, wahrgenommen. Ein Haiku wie „Siebzehn Kehlkopfklicks – / Ein Gedicht auf Japanisch. Vorbei, / Kaum gehört“, ist für Japaner befremdend, weil auf das Hören bezogen.

Grünbein schreibt zwar, er sei „der japanischen Gedichtsensation auf den Leim“ gegangen, „wie man in unseren Breiten den Offenbarungen aller spirituell Hochdisziplinierten folgen konnte, denen der Vorsokratiker und des Meister Eckhard ebenso wie denen Goethes ...“ Doch fühlt er sich angesichts der Ausdrucksmöglichkeiten, die ihm der Haiku bietet – und mit denen der Haiku ihn fordert – offenbar keinesfalls als geleimt. Vielmehr besticht es ihn, seine Eindrücke in knappster Form festzuhalten. Der Leser sei aber gewarnt, Haikus zu dichten anzufangen. 5 – 7 – 5 – scheint ganz leicht zu sein. Aber gute Haikus zu dichten verlangt eine an ostasiatischem Beispiel erlernte Empfindsamkeit und eine dieser angemessenen Wortkunst. Grünbein verfügt über beides und vermag eine solche Empfindsamkeit den Lesern (oder den Hörern) seiner kleinen Gedichte zu vermitteln. Übrigens: Haikus, weder die deutschen von Grünbein noch die japanischen, sind ausdrücklich religiöse Gedichte. Aber sie bringen eine Art von „Frömmigkeit des Denkens“ (Heidegger) zum Ausdruck, die mancher religiösen Dichtung gut anstehen würde.

In einem Tempel, wo man Holztäfelchen an den Schreinen der Dichter anzubringen pflegt, auf denen für das Gelingen eigener Vorhaben gebetet wird, beklagt Grünbein: „Im Schrein der Dichter/ Keines der Täfelchen bettelt/ Um gute Kritik.“ Doch um gute Kritik braucht unser Dichter nicht zu betteln: hier ist sie.