„Sie mauerten ein ganzes Land vorsorglich ein“

Eine eindrucksvollen Ereignisse aus der Sicht der Menschen, die gegen das SED-Regime kämpften: Die Dauerausstellung „Revolution und Mauerfall“. Von José García

Am 4. November 1989 findet auf dem Berliner Alexanderplatz die größte nicht staatlich gelenkte Demonstration in der Geschichte der DDR statt. Foto: Archiv Bundesstiftung Aufarbeitung,
Am 4. November 1989 findet auf dem Berliner Alexanderplatz die größte nicht staatlich gelenkte Demonstration in der Gesc... Foto: Archiv Bundesstiftung Aufarbeitung,

Berlin-Lichtenberg. Wer den ehemaligen Sitz der Stasi-Zentrale von der Ruschestraße kommend betritt, kann sich noch heute einen ungefähren Eindruck verschaffen, wie einschüchternd diese riesigen Plattenbauten mit dem älteren, in eleganten, geraden Linien gehaltenen Hauptgebäude gewirkt haben müssen. In diesem Haupttrakt oder Haus 1 des zentralen Komplexes des „Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“, in dem auch Erich Mielke residierte und von wo aus tausende hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter das eigene Volk bespitzelten und drangsalierten, steht heute das „Stasi-Museum“. Die dort zu besichtigenden Ausstellungsteile zur Tätigkeit der Staatssicherheit, zu unterschiedlichen Aspekten des politischen Systems und zu Widerstand und Opposition in der DDR werden nun ergänzt durch die ständige „Open-Air“-Ausstellung „Revolution und Mauerfall“ im Innenhof der Stasi-Zentrale.

Auf 1 300 Quadratmetern zeigt die von der Robert-Havemann-Gesellschaft gestaltete Ausstellung die wichtigsten Stationen der friedlichen Revolution in der DDR – von den Anfängen des Protests über den Mauerfall bis zu den ersten gesamtdeutschen Wahlen. Auf 14 über den Innenhof verteilten Wänden, die einen chronologischen Rundgang bilden, stehen 136 Tafeln von je zwei Meter Höhe mit 472 Fotos, Plakaten und Karikaturen, 174 Dokumenten, zwölf Übersichtsgrafiken und 54 Videos in neun Medienstationen. Insgesamt stellen sie 292 laufende Meter Fläche dar. Ein 45 Minuten langer, zweisprachiger Audioguide (Deutsch/Englisch) mit zahlreichen Originaltönen von prominenten Zeitzeugen und Akteuren begleitet die Besucher durch die Ausstellung. Die Zeugnisse stammen im Wesentlichen aus dem Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft, die die größte Sammlungen von Zeugnissen des Protests gegen die SED-Diktatur besitzt. Das inzwischen international bekannte Archiv ging aus der DDR-Bürgerbewegung hervor. Die Robert-Havemann-Gesellschaft wurde am 19. November 1990 mit dem Ziel gegründet, die Geschichte von Opposition und Widerstand in der DDR zu dokumentieren.

Die beeindruckende Zusammenstellung birgt auch manche unbekannte Dokumente und Fotografien, beispielsweise ein Foto vom Alexanderplatz bei der Demonstration am 4. November 1989, der größten nicht staatlich gelenkten Demonstration in der DDR-Geschichte, auf dem außer der Weltenuhr lediglich Menschen zu sehen sind. Denn – so Projektleiter Tom Sello – „im Mittelpunkt stehen nicht die Politiker und auch nicht die Opfer des SED-Regimes wie in der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße, sondern die Menschen, „die ihre Angst überwanden, Veränderungen herbeiführten und demokratische Strukturen schufen gegen die, die ein ganzes Land vorsorglich einmauerten“. Darunter befinden sich viele bekannte und unbekannte Akteure der Friedlichen Revolution und Bürgerrechtler, etwa auch Vera Lengsfeld, seit 2012 Landesvorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, und Lutz Rathenow, Beauftragter für die Stasiunterlagen des Freistaats Sachsen seit 2011. „Tagespost“-Lesern sind die beiden ehemaligen Bürgerrechtler durch ihre hier veröffentlichten Beiträge bekannt.

Gegliedert ist die Ausstellung in drei Kapitel. Der erste Abschnitt „Aufbruch“ zeigt die Widerstände der DDR-Bevölkerung in den vierzig Jahren ihrer Geschichte, so etwa auch den Aufstand vom 17. Juni 1953. Er konzentriert sich aber auf die unmittelbare Vorgeschichte der revolutionären Ereignisse ab Mitte der 1980er Jahre bis zur Kommunalwahl im Sommer 1989 und den Protesten gegen die Wahlfälschung. Das zweite Kapitel „Revolution“ beginnt mit der Fluchtwelle im Sommer 1989 und geht über den Mauerfall bis zum Vorabend der DDR-Volkskammerwahlen am 18. März 1990. Schließlich beschäftigt sich der dritte Abschnitt „Einheit“ mit der Demokratisierung der ostdeutschen Gesellschaft auf dem Weg zur Deutschen Einheit. Hier steht im Mittelpunkt die Frage, welches gesellschaftliches Modell nun die DDR-Bürger wollten. Mit den gesamtdeutschen Wahlen am 2. Dezember 1990 sind die Debatten dazu wohl abgeschlossen.

Zum historischen Ort der Ausstellung führte Tom Sello beim Presse-Rundgang anlässlich der Ausstellungseröffnung aus: „Bis 1990 hatte hier die DDR-Geheimpolizei ihren Sitz. Nach dem Fall der Mauer wurde sie gleich zweimal gestürmt: Im Januar 1990 entrissen Demonstranten der SED ihre letzte Machtbastion. Wenige Monate später wurde das Gelände wieder besetzt, diesmal, um die Öffnung der Stasi-Akten zu erzwingen. Der Kontrast zwischen der Bildsprache der Ausstellung und den quadratischen Bauklötzen um sie herum ist außerdem reizvoll.“

Die Bedeutung des Ortes unterstrich ebenso der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller anlässlich der Ausstellungseröffnung: „Der Ort der Täter wird zum Ort der kritischen Auseinandersetzung, der Schulung und der Bildungsarbeit“. Kulturstaatsministerin Monika Grütters würdigte ihrerseits die Ausstellung mit den Worten: „Sie ist den mutigen Menschen gewidmet, die mit Zivilcourage und Entschlossenheit auf den Straßen und Plätzen in Ostdeutschland Freiheit und Demokratie einforderten. Sie waren es, die mit ihren friedlichen Protesten entscheidend dazu beitrugen, dass das SED-Regime schließlich in sich zusammenbrach.“

„Revolution und Mauerfall“. Innenhof der Stasi-Zentrale, Ruschestraße 103, 10365 Berlin-Lichtenberg. Die Dauer-Ausstellung ist frei zugänglich und rund um die Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Auf der Website www.revolution89.de finden Besucher vertiefende Angebote, Hintergründe und aktuelle Informationen.