Sichtbar gemachte Heiligkeit

Eine Ausstellung in Mailand zeigt 14 Meisterwerke Giottos, eines davon aus dem Vatikan wird erstmals seit 700 Jahren gezeigt. Von Marie-Thérese Knöbl

Den Stefaneschi-Altar von Giotto, auf dem Kardinal Stefaneschi (1295–1341) zu Füßen Petri im Kreis der Heiligen dargestellt ist, hat der Vatikan für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Foto: IN
Den Stefaneschi-Altar von Giotto, auf dem Kardinal Stefaneschi (1295–1341) zu Füßen Petri im Kreis der Heiligen dargest... Foto: IN

Im kalten Februar 1787 war Goethe noch an Assisi vorbeigeeilt, ohne von den Freskenzyklen Giottos und seiner Nachfolger Notiz zu nehmen. Spätestens seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch ist die kulturelle und kunsthistorische Bedeutung Giottos unumstritten, und selbst Goethe wurde dank der französischen Brüder Boisserée für die feinsinnige Kunst des Mittelalters empfänglicher. So verwundert es auch in unserer Zeit nicht mehr, wenn angesichts des enormen volkswirtschaftlichen und finanziellen Drucks der geschwächte italienische Staat der Weltöffentlichkeit nun am Rande der Mailänder Weltausstellung auch das Genie eines seiner berühmten Landeskinder in Erinnerung ruft und dies ganz anachronistisch-patriotisch unter dem Schlagwort „Giotto. L'Italia“ („Giotto. Italien“) tut.

„L'Italia“, also das heutige Staatsgebilde der Republik mit den meisten Regierungspräsidenten Europas seit 1945, gab es zwar zu Giottos Zeiten der geruhsamen Selbstverwaltung der italienischen Provinzen und Fürstentümer noch lange nicht, aber diese historisch schiefe Hängung der Schau haben die Ausstellungsmacher durch eine passende Mottofindung geschickt kompensiert: Giotto soll dem Besucher in seinem „viaggio in Italia“ in den Jahren 1267 bis 1337 als ein Reisender vorgestellt werden, auf dass der moderne Besucher sich das Reisen auf den Spuren Giottos ersparen möge. Das kommt sowohl dem zeitgenössischen Italienreisenden mit funktionierender Kreditkarte, aber vollem Terminkalender entgegen als auch dem stark lädierten Bild Italiens innerhalb der Staatengemeinschaft mit seinen europäischen Nachbarländern. Der futuristisch wirkende Schriftzug auf dem Plakat verbindet deshalb auch sogleich das Binnen-I in Giottos Namen mit der Initiale der stolzen Republik, wobei das gemeinsame große „I“ vor dem Hintergrund zeitloser Heiliger dann tatsächlich wie eine Transit-Strecke, ja schnurgerade wie die Brennerautobahn daherkommt. Nicht so gerade waren Lebensweg und Reisewege Giottos. Davon künden die Exponate der Ausstellung, die zu Recht in der internationalen Presse als „großartig“ gefeiert wird.

Großartig und wahrlich spektakulär ist die Ausstellung allein schon deshalb, weil hier erstmals 14 sogenannte capolavori, also Meisterwerke, aus der gesamten Schaffensphase des großen Meisters an einem Ort versammelt sind, die sich ansonsten in weit voneinander verstreuten Museen befinden, in Florenz, Assisi, Padua, im Vatikan und in Kalifornien. Da heutzutage leider nur noch sehr wenige Auserwählte überhaupt die Muse hätten, eine solche Grand Tour zu den Werken Giottos auf sich zu nehmen (dies dann aber meist aus anderen Gründen nicht tun), kommt die Mailänder Ausstellung den Bedürfnissen unserer Zeit durchaus sehr entgegen und ist allein dafür schon zu loben. Großes möglichst vielen zugänglich zu machen – das hat eine missionarische Note. Und die hat es im Fall der in Mailand gezeigten Werke in besonderer Weise. Denn im Palazzo Reale, dem ehemaligen Palast von Azzone Visconti, der in den 1330er Jahren gemeinsam mit seiner Frau Katharina von Savoyen die Lombardei regierte, wird noch bis 10. Januar 2016 jedem Besucher die Möglichkeit geboten, Heiligkeit mit den eigenen Augen zu greifen. Dabei ist das ganze kostbare Spektrum des großartigen italienischen Malers zu bewundern. Von den wichtigsten Jugendwerken Giottos wie der byzantinisch in sich ruhenden „Madonna mit Jesuskind und zwei Engeln“ aus dem Florentiner Diözesanmuseum aus der Mitte der 1290er Jahre über das Herzstück der Ausstellung, dem berühmten und sensationellen „Polyptychon Stefaneschi“ aus dem Vatikan, eines doppelseitig bemalten Altaraufsatzes, benannt nach seinem Auftraggeber Kardinal Jakob Gaetani Stefaneschi (Giacomo Gaetani Stefaneschi) und entstanden um 1310–1320 für die Hauptbasilika von Alt-St. Peter in Rom bis hin zum berühmte „Polyptychon Baroncelli“ aus der Kirche Santa Croce in Florenz (um 1330). Das Polyptychon Stefaneschi – das 1931 in die Pinakothek geschafft und geschützt werden konnte und den meisten nur aus Kunstgeschichtsbüchern bekannt sein dürfte – ist hier erstmals überhaupt außerhalb des Vatikans zu sehen. Und dort hatte es ganz sicherlich die Aufgabe, an diesem zentralen Ort des katholischen Glaubens unmittelbar für den Zelebranten, mittelbar auch für andere, Heiligkeit sichtbar zu machen.

Heiligkeit sichtbar zu machen, das gehört – in den unterschiedlichen Schaffensphasen des Künstlers je unterschiedlich formal umgesetzt – sicherlich mit zu den Hauptverdiensten des großen Malers. Da macht es keinen Unterschied, ob sie von Menschen des 14., des 15., des 18. oder des 21. Jahrhunderts betrachtet werden. Zur unerhörten Tatsache, dass diese Werke durch ihren inhaltlichen Bezug zur Ewigkeit auch echte Zeitlosigkeit ausstrahlen, kommt der räumliche Aspekt. Hatte Vasari noch die These vertreten, dass das Werk Giottos ganz Italien florentinischer gemacht hat, so ist die These, die der Mailänder Ausstellung zugrunde liegt, gerade umgekehrt diejenige, dass Leben und Werk Giottos Spuren aus ganz Italien tragen. Man möchte also, auch darin ist die Ausstellung ein typisches Zeugnis ihrer Zeit, nicht nur einen Publikumsmagnet für kunstliebende Touristen schaffen, sondern zugleich die postmodernen Theorielasten von Beeinflussung, Appropriation und Transformation im Verständnis kanonisierter Kunst an den Mann und die Frau bringen. Schön ist und bleibt jedoch das zu Sehende. Und die Tafelbilder wurden bislang nur äußerst selten verliehen, da sie sehr fragil sind; die Leihgabe aus dem Vatikan ist überhaupt erstmals seit dem 14. Jahrhundert zu sehen. Die Wirklichkeit des Heiligen, die dabei aus den Gesichtern der Engel oder der Muttergottes auf den Betrachter strahlt, beispielsweise im Tafelbild Baroncelli aus der Florentiner Basilika di Santa Croce, ist jedoch heute genauso revolutionär wie zu Giottos Zeiten. Wer die Gelegenheit hat, sie zu sehen, eile nach Mailand.

Giotto. L'Italia, geöffnet bis 10.1.2016

Palazzo Reale Mailand, Mo., 14.30 bis 19.30 Uhr, Di., Mi., Fr., So 9.30 bis 19.30, Do und Sa 9.30 bis 22.30 Uhr, Eintritt 12,– Euro, ermäßigt 10,– Euro.