Sicherheit im Netz entlastet Kinder

Die Europäische Union will den Jugendschutz im Internet und bei Computerspielen forcieren

Das World Wide Web ist gerade fünfzehn Jahre alt geworden. Seit es am 30. April 1993 zur öffentlichen Nutzung freigegeben wurde, hat das neue Medium einen beispiellosen Siegeszug hinter sich. In Deutschland sind 52 Millionen Deutsche online, bis 2010 werden es zwei von drei Deutschen sein. „Das Web hat als Fenster zum Internet unsere Lebensgewohnheiten revolutioniert“, freut sich August-Wilhelm Scheer, Präsident des Branchenverbandes Bitkom. Manchmal steht dieses Fenster aber auch zu weit offen. Zum Beispiel für Kinder, denn vom pädagogischen Lernquiz bis zur pornografischen Bildergalerie sind es oft nur ein paar Mausklicks.

Das sieht die Europäische Union genauso. 1999 wurden deshalb die ersten Initiativen zum Schutz von Kindern im Internet angeregt. Herausgekommen ist etwa ein Netzwerk nationaler Internet-Hotlines, wo Eltern fragwürdige Inhalte, Mails und Annäherungsversuche melden können. In Deutschland ist dieser nationale Knotenpunkt unter „klicksafe.de“ zu erreichen. Dort gibt es nicht nur Informationen rund ums Thema, sondern auch die Adressen der beiden deutschen Beschwerdestellen. Eltern und Jugendliche können unter internet-beschwerdestelle.de oder jugendschutz.net melden, falls ihnen etwas auffällt.

Seit 2005 wurden die einzelnen Aktionen im Programm „Mehr Sicherheit im Internet“ gebündelt. Neben der Einrichtung von Beschwerdestellen setzt man auf die Entwicklung technischer Filterprogramme, die PCs von Kindern vor gefährlichen Inhalten schützen. Und schließlich sollen die Bürger für das Gefahrenpotenzial im Internet sensibilisiert werden. Hier sehen die Verantwortlichen ihre entscheidende Aufgabe: nämlich Kinder, Jugendliche, Eltern und Pädagogen aufzuklären und Kompetenzen zu vermitteln. Den Anbietern von Internetseiten werden Möglichkeiten aufgezeigt, zu höherer Sicherheit im Internet beizutragen.

Das Programm „Mehr Sicherheit im Internet“ wird nun verlängert und aufgestockt. Von 2009 bis 2013 will die Europäische Kommission 55 Millionen Euro investieren. Der bisherige Kurs soll dabei im Großen und Ganzen beibehalten werden. „Die EU hat in den letzten Jahren wesentlich dazu beigetragen, das Internet für Kinder sicherer zu machen, aber es gibt noch viel zu tun“, sagte Viviane Reding, die EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien bei der Vorstellung des neuen Programms.

Ein guter erster Schritt

Das Eigenlob ist nicht völlig unbegründet. Tatsächlich ist die EU weltweit Vorreiter, wenn es um den Schutz von Minderjährigen im Internet geht. Form und Konzept des EU-Aktionsplans sind nicht nur in fast allen EU-Ländern umgesetzt, sondern dienen als Modell in einigen anderen Ländern wie Australien, Kanada, Korea, Taiwan oder den USA. Beim neuen Programm, das Anfang 2009 starten soll, liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der Kontaktanbahnung mit Minderjährigen zwecks sexuellen Missbrauchs, dem sogenannten „Grooming“. Auch Schikanierungen und Drohungen durch Gleichaltrige sollen noch größere Beachtung finden. Einbezogen wurden auch Empfehlungen, die Kinder selbst beim Europäischen Jugendforum abgaben, das während des „Tags des sicheren“ Internets im Februar 2008 stattfand.

Auch bei Computer- und Videospielen ist die EU tätig, wenn auch bisher nicht ganz so erfolgreich. Seit 2003 gibt es PEGI (Pan European Games Information), ein EU-weites Kennzeichnungssystem. Auf der Vorder- und Rückseite der Spielepackungen findet sich seitdem ein schwarz-weißes Emblem, auf dem das geeignete Mindestalter vermerkt ist. Es gibt fünf Altersklassen: 3+, 7+, 12+, 16+ sowie 18+. Diese Angaben werden gegebenenfalls durch Symbole ergänzt, die auf problematische Inhalte wie nicht kindgerechte Sprache, Diskriminierung oder übermäßige Gewalt hinweisen. Der Hersteller bewertet das Spiel in Eigenregie, mit Hilfe eines Fragebogens. Anhand der Antworten wird dem Spiel automatisch eine Bewertung zugeteilt. Für jede Themenkategorie wird ein Alter festgelegt, welches auf den Antworten des Selbstbewertungsbogens basiert. Unter pegi.info kann man sich die Empfehlungen für jedes bewertete Spiel ansehen.

PEGI sei zwar „ein sehr guter erster Schritt“, sagt EU-Kommissarin Reding. Sie und ihre Kollegen sind aber noch unzufrieden. Denn zu wenige Eltern kennen die Embleme, wie die Europäische Kommission jetzt moniert hat. Außerdem wird PEGI erst in zwanzig Mitgliedsstaaten angewandt. Ferner sollten Behörden und Branche enger zusammenarbeiten, um das System besser bekannt zu machen und die Verbraucher nicht durch parallele Systeme zu verwirren. Innerhalb von zwei Jahren soll es außerdem einen Verhaltenskodex für Einzelhändler geben, um den Verkauf von Videospielen an Minderjährige zu regeln. Und die Kommission hat die Hersteller aufgefordert, das PEGI-System regelmäßig zu aktualisieren. Das ist besonders wichtig, weil jeden Tag neue Spiele herauskommen.

Deutschland hat innerhalb der EU mit die strengsten Vorschriften zum Schutz von Jugendlichen in Sachen Computerspiele. Der europäische Videospiel-Sektor wird Ende 2008 voraussichtlich ein Umsatzvolumen von 7,3 Milliarden Euro erreichen. „Videospiele sind zu einem Hauptpfeiler der europäischen Inhalte-Industrie geworden“, sagte Reding. Schon heute ist die Branche nach Umsatz halb so groß wie die gesamte europäische Musikindustrie, für Computerspiele wird mittlerweile mehr ausgegeben als für den Kinobesuch.