Selig, die geistliche Lektüre besitzen

Der Weg zum Himmel ist mit guten Büchern gepflastert: Die Madrider Nationalbibliothek beleuchtet die Bedeutung der Literatur im Leben der heiligen Teresa von Ávila. Von Regina Einig

Im Inneren spielen sich die höchst geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele ab: In einem bergkristallenen Reliquiar bewahre die Karmelitinnen in Sevilla die Originalhandschrift der „Seelenburg“ auf. Foto: Fotos: Einig
Im Inneren spielen sich die höchst geheimnisvollen Dinge zwischen Gott und der Seele ab: In einem bergkristallenen Reliq... Foto: Fotos: Einig

Zwei sprechende Bilder hat Teresa von Ávila (1515–1582) der Nachwelt von sich hinterlassen: ihre geistlichen Töchter und ihre Bücher. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wollen Spaniens Schriftsteller dieser Einschätzung des Herausgebers ihrer Werke – des Augustiners Fray Luis de León (1527–91) – wieder Geltung verschaffen. „Weder Klinik noch Empyreum“, lautete die Devise der Generation der 98er, deren Vertreter die Literatur auf der iberischen Halbinsel bis zum Spanischen Bürgerkrieg maßgeblich prägten. Tatsächlich ist das Bild Teresas im zwanzigsten Jahrhundert in den Sog unterschiedlicher Interpretationsschulen geraten. Freudianer legten die stets kränkliche Heilige auf die Couch, die Frommen entrückten sie in himmlischen Sphären, Feministinnen diskreditierten sie als Opfer einer männerdominierte Kirche und Nationalisten erkoren sie zur Heiligen der kastilischen Rasse.

All das hat die Schriftstellerin Teresa von Ávila schadlos überstanden. Bis heute reicht das Interesse an ihrem Werk weit über die Kreise katholisch sozialisierter Leser hinaus. Selbst Punker und Agnostiker studieren und rezipieren ihre Texte. Im Jubiläumsjahr wird Julia Kristeva, die bulgarische Autorin des Buchs „Thérese mon amour“, in der Geburtsstadt der Heiligen pars pro toto für alle referieren, die nicht an Gott glauben, von Teresas Schriften aber nicht loskommen. Vier Hauptwerke, ungefähr 480 Briefe und mehrere kleinere Schriften aus der Feder der Reformerin des Karmel sind erhalten. Alle ihre geistlichen Klassiker schrieb sie im Auftrag ihrer Beichtväter und theologischen Berater: an erster Stelle ihre Autobiografie (1565), in der sie den Gedanken der Freundschaft mit Gott erläutert und die Jahre bis zur Gründung des ersten Reformklosters in Ávila im Sommer 1562 beschreibt. Aus den Akten des Seligsprechungsprozesses geht hervor, dass dieses Werk noch vor der ersten Drucklegung in Spanien (1588) in den Rhetorikvorlesungen der Universität Salamanca behandelt wurde. Ein Kompendium der praktischen Lebensweisheit verfasste sie mit dem Buch der Klostergründungen (1573–82), in dem sie im Plauderton ihre Reisen durch Kastilien und Andalusien schildert. Mit dem „Weg der Vollkommenheit“ (1566/67) legte sie den Schwestern des ersten Reformklosters in Ávila eine Art geistlichen Leitfaden vor. Darin betrachtet sie das Zusammenwirken von Gnade und menschlicher Anstrengung und das Vaterunser.

In ihrem mystischen Hauptwerk „Die Seelenburg“ (1577) nimmt sie den Leser mit auf eine Reise in die Innerlichkeit. Teresa beschreibt darin eine geistliche Entwicklung. Wie ein Taubstummer langsam lernt, sich mit Zeichensprache zu verständigen, so nähert sich der Mensch darin Gott: In den ersten drei Wohnungen löst er sich von Äußerlichkeiten, in der vierten beginnen mystische Erfahrungen, die sich über das Gebet der Gotteinung in der fünften und sechsten Wohnung bis zur mystischen Vermählung in der siebten Wohnung steigern.

Neben diesen Schriften hat Teresa von Ávila auch Konstitutionen für die Unbeschuhten Karmelitinnen verfasst sowie Texte nach Themen eigener Wahl. Dazu gehört ihre Betrachtung über das Hohelied, die Gedichte und knapp 480 erhaltene Briefe. Der Großteil ihrer Briefe – die Schätzungen variieren zwischen 12 000 bis 20 000 – ist allerdings verloren, teilweise wurden sie auch auf Teresas Wunsch von ihren Mitarbeitern vernichtet.

Stoff genug für die Madrider Nationalbibliothek, der Patronin der spanischen Schriftsteller zum 500. Geburtstag am 28. März eine Schau zu widmen. Sie zeigt Teresas Weg von der passionierten Leserin zur geistlichen Schriftstellerin. Ideologiefrei und sachlich wird der Besucher von Buch zu Buch durch die Lebensetappen Teresas geführt. Das Bildungsprofil einer höheren Tochter im Goldenen Zeitalter ist hier exemplarisch zu besichtigen: Die Erfindung des Buchdrucks verschaffte des Lesens kundigen Laien im 16. Jahrhundert erstmals die Möglichkeit, private Bibliotheken zu unterhalten und geistliche Lektüre systematisch kennenzulernen. Wie Teresa in ihrer Autobiografie schreibt, besaß ihr Vater gute Bücher in der Muttersprache und hielt seine zwölf Kinder zum Lesen an. Die Lektüre, zunächst Heiligengeschichten einer Übersetzung von Flos Sanctorum, bildete die Grundlage für die ersten geistlichen Gespräche zwischen Teresa und ihrem Bruder Rodrigo. Auf diese Weise, so Teresa, habe sich ihr schon in ihrer Kindheit „der Weg der Wahrheit“ tief eingeprägt. Dass sie als Teenager auch ein Faible für zeitgenössische Unterhaltungsliteratur entwickelte, blieb eine Episode. Literaturwissenschaftler bewerten den plastischen Stil Teresas mitunter als positive Spätfolge der Ritterromane, die sie in ihrer Jugend verschlungen hatte.

Eine 1558 in Alcalá de Henares erschienene Prachtausgabe von „Flos Sanctorum“ in der Übersetzung ins Kastilische sagt viel über das Armutsverständnis Teresas aus. An Büchern sparte sie nicht. Das Exemplar gehört heute dem Karmel in Valladolid und veranschaulicht mehr als die Liebe der Reformerin zur Lektüre: Teresa stufte Bücher für die Seele als ebenso wichtig ein wie die Nahrung für den Leib. In den Konstitutionen der unbeschuhten Karmelitinnen wies sie die Priorinnen an, geistliche Literatur für den Konvent bereitzuhalten – in einer Zeit mit hoher Analphabetenquote unter den Frauen keine Selbstverständlichkeit. Teresas Erfahrung, dass ein Buch das geistliche Leben des Christen einschneidend verändern kann, kam in einer Zeit, in der Laien die Heilige Schrift nicht vollständig zugänglich war, kaum zu überschätzende Bedeutung bei.

Eine Vitrine ist den Lieblingsbüchern der Karmelitin gewidmet. Dazu gehörte die 1554 in Salamanca herausgegebene erste Übersetzung der Bekenntnisse des heiligen Augustinus ins Kastilische. Die Lektüre verstärkte ein Bekehrungserlebnis Teresas: Im selben Jahr erlitt sie beim Anblick einer Statue des gegeißelten Heilandes eine tiefe seelische Erschütterung und beschloss einen radikalen inneren Neubeginn. Zu den Favoriten in ihrem Bücherregal zählten die Bestseller der Contemptus-Mundi-Literatur ihrer Zeit, darunter die von Fray Luis de Granada 1536 ins Kastilische übersetzte Nachfolge Christi des Thomas von Kempen, die Briefe des heiligen Hieronymus in einer Ausgabe von 1520 und die 1502/3 in Alcalá de Henares erschienene Vita Christi des Kartäusers Ludolf von Sachsen. Auf diesen Evangelienkommentar legte Teresa solchen Wert, dass sie ihn in ihren Konstitutionen auf Platz Eins der Liste guter Bücher setzte, die in den Klöstern der Unbeschuhten zur Verfügung stehen sollen.

Mehrere Werke der Franziskaner im Goldenen Zeitalter inspirierten die Heilige in der Schule des inneren Gebets: an erster Stelle das „Dritte geistliche ABC“ des Franziskaners Francisco de Osuna (1492–1530), einem bis heute immer wieder aufgelegten geistlichen Klassiker von 1527. Diesen Band erhielt Teresa als junge Nonne von ihrem Onkel Pedro Sánchez und las ihn während der Rekonvaleszenz von einer schweren Erkrankung. Hier entdeckte sie das Buch „als Begleiter und Schild“, wie sie in ihrer Autobiografie festhält und fand zugleich das Leitmotiv ihres geistlichen Wegs: Christus als Freund zu betrachten und in ihrem Inneren zu suchen. In Madrid ist die Ausgabe von 1537 zu sehen neben der zweiten franziskanischen Schlüssellektüre der Heiligen: „Der Aufstieg zum Berg Zion“ des Franziskaner-Laienbruders Bernardino de Laredo (1482–1540) von 1535.

Sorgfältig dokumentiert ist die auf Anordnung des Königlichen Rats von Fray Luis de León nach Teresas Tod zügig besorgte Herausgabe ihrer Werke. Schon 1588 lagen die ersten Bände in Salamanca vor. Höchst effizient hatten männliche Netzwerke der Verehrung einer Ordensfrau zugearbeitet, die bis heute als Folie feministischer Kirchenkritik missbraucht wird. Der gelehrte Herausgeber ging so weit, im Deckblatt dem Urteil der Kirche vorzugreifen: Aus der Formulierung „Über das Leben, den Tod und die Tugenden der heiligen Mutter Teresa de Jesús“ sprach zweifellos die vox populi Kastiliens und der Professoren in Salamanca, doch zur Ehre der Altäre erhoben wurde Teresa erst 1614.

Aus der Feder der Kirchenlehrerin sind zu sehen: die Originalhandschrift ihrer Autobiografie, die erste Fassung des „Wegs der Vollkommenheit“ von 1566 (beide gehören zur Handschriftensammlung des Escorial), ein Brief an ihren königlichen Förderer Philipp II. vom 11. Juni 1573, ein Brief an ihre Freundin und Sponsorin Dona Luisa de la Cerda in Toledo vom 13. Dezember 1568 sowie ein Brief an ihrer Schwester Juana de Ahumada vom 19. Oktober 1569. Nichts deutet an den in ornamentähnlicher, unverwechselbarer Handschrift verfassten Briefen darauf hin, dass die Heilige oft unter großem Zeitdruck bis tief in die Nacht schrieb, um die organisatorischen Herausforderungen ihrer siebzehn Klostergründungen zu bewältigen. Den höchsten ideellen Wert unter den Exponaten besitzt ihr kleines, in rotem Samt gefasstes Brevier von 1568. Teresa betete das Stundengebet zeitlebens nach dem Ritus vom Heiligen Grab von Jerusalem und behielt das in Venedig für die Karmeliten herausgegebene Offizium bis zu ihrem Tod bei. Erst nach ihrem Tod übernahmen die Unbeschuhten Karmeliten die erneuerte lateinische Liturgie.

Zu den Pluspunkten der Madrider Ausstellung zählt, dass sie auf holzschnittartige Einlassungen zum Bücherverbot der Inquisition von 1559 verzichtet, dafür aber der Bildersprache Teresas in Diapanoramen breiten Raum lässt. Mit einer einprägsamen Symbol- und Bildersprache gab Teresa eine intelligente Antwort auf das Bücherverbot. Für die langfristige Verbreitung ihrer Schriften erwiesen sich die Zeitumstände als providentiell. Teresas Sprache wird bis heute in allen Bildungsschichten verstanden, weil sie mit einem Minimum an theologischen Fachbegriffen auskommt. Das macht ihre Texte für die Neuevangelisierung umso wertvoller.

Als erste Frau wurde Teresa von Ávila mit Katharina von Siena 1970 zur Kirchenlehrerin erhoben. Eine Hommage an die Rolle der Frau in der katholischen Kirche, als Lehrerin verehrt und dargestellt wurde Teresa allerdings schon in der Barockzeit. José Risuenos Skulptur der Schriftstellerin (1700) erinnert etwas an die Bronzestatue des heiligen Petrus im Petersdom. Aus dem Faltenwurf ihres Habits lugt der rechte Fuß hervor, die Feder in der rechten Hand Teresas erscheint als der eigentliche Schwerpunkt der Figur. Majestätisch und hochkonzentriert arbeitet die Reformerin des Karmel am Schreibpult, zur Rechten eine goldene Taube. Das Wirken des Geistes durch Teresas Feder ist ein immer wiederkehrendes Motiv in der Ikonografie der Heiligen.

Barockmaler zeigen Teresa gelegentlich mit zum Gebet geöffneten Händen auf Knien vor einem Kreuz, Totenschädel und aufgeschlagenem Buch, häufiger jedoch in der himmlischen Glorie. Die Ähnlichkeit mit der Aufnahme Mariens in den Himmel ist bei Pietro Novellis Darstellung (Museum der Real Academia de Bellas Artes de San Fernando) unverkennbar. Auf Francisco Bayeus Gemälde von 1770 (Prado) legt Maria in mütterlicher Zärtlichkeit ihren Arm um die sichtlich erschöpfte Teresa. Die Muttergottes und Teresa erweisen sich in der Ausstellung als schier unerschöpfliche Quelle künstlerischer Inspiration. Ebenfalls aus dem Prado stammt Juan García de Mirandas „Erziehung der heiligen Teresa“ (1735). Als blondgelockte junge Schönheit liest die Heilige, während sich ihre Altersgenossinnen mit Handarbeiten beschäftigen.

Unter den Plastiken besticht die Figur des Augustinus mit der Allegorie der Dreifaltigkeit des Bildhauers Gregorio Fernández (1629). Das Kind zu Füßen des Heiligen hält eine Muschel in der Hand – der Gedanke, damit das Meer in eine Mulde am Strand zu schöpfen, erschien dem Heiligen als ebenso aussichtsloses Unterfangen wie die Vorstellung, das Mysterium der Dreifaltigkeit mit menschlichen Geistesgaben zu erfassen. In diesem Sinne unterweist Christus auch Teresa: Sie solle sich nicht damit abmühen, ihn in ihrer Seele einzuschließen, sondern sich in ihm einschließen, rät er ihr in einer Eingebung. In ihren Geistlichen Erfahrungsberichten schildert Teresa mehrere intellektuelle Visionen der Dreifaltigkeit. Eine erlebt sie am Fest des heiligen Augustinus: Wie eingemeißelt in ihrer Seele erscheint ihr danach das Bild der drei göttlichen Personen.

Ebenso aussagekräftig über die Frömmigkeit der Heiligen aus Ávila sind das Bild des Ecce homo von 1510, ein Geschenk Teresas an die Karmelitinnen in Toledo sowie das Relief aus dem Museum Frederic Mares in Barcelona, das Teresa während der Beichte zeigt. Eine Lieblingsheilige Teresas, die heilige Maria Magdalena, ist in einer Darstellung El Grecos von 1606 zu sehen.

Am Ende der Ausstellung bleibt ein Wermutstropfen: Das Original der „Seelenburg“ ist im Karmel von Sevilla geblieben, nur eine Faksimileausgabe ist zu sehen. Als Trostpflaster hat der Konvent das 1962 angefertigte Reliquiar für die Handschrift an die Nationalbibliothek verliehen. Das literarische Bild des Buchtitels stand Pate für das Modell. Teresa beschreibt die Seele „als eine aus einem einzigen Diamanten oder sehr klaren Kristall bestehende Burg“. Sanft wölbt sich in der Mitte des Reliquiars eine bergkristallene Kuppel und deutet das Zentrum an, in dem sich die Wohnung des himmlischen Bräutigams befindet. Getreu der These Miguel de Unamunos, Teresa sei beim Verfassen der Seelenburg in Toledo von der Erinnerung an die mittelalterlichen Mauern ihrer Heimatstadt beeinflusst worden, ist die Metallfassung letzteren nachempfunden. Statt diverser Tore wie in Ávila führt jedoch nur ein Eingang ins Innere der Burg: ein Symbol für das Gebet, in dem Teresa den Zugangsweg zur Seele erkannte. Das schmale Kästchen lässt jedenfalls noch Raum für Interpretationen, denn der Karmelitin Edith Stein (1891–1942) zufolge führt noch ein zweites Tor in die Seelenburg: die Suche nach der Wahrheit. Die Philosophin fand nach Jahren inneren Ringens um den Glauben durch die Lektüre Teresas zur katholischen Kirche und begründete damit die Autorität der spanischen Reformerin als Leuchtturm für postsäkulare Sinnsucher. Auch wenn sich Teresa mit der modernen Glaubensferne und der Ablehnung des Gottesgedankens nie bewusst auseinandersetzte, öffnet sie mit ihrer Feder bis heute Tore zur Transzendenz und zum christlichen Glauben.

Bis 31. Mai, Eintritt gratis,

Katalog EUR 29,–