Seine letzte Lektüre war Augustinus

Frühe Briefe von Hermann Hesse zu seinem 50. Todestag. Von Ilka Scheidgen

Hermann Hesse in seinem Arbeitszimmer in Montagnola in der Schweiz. Foto: IN
Hermann Hesse in seinem Arbeitszimmer in Montagnola in der Schweiz. Foto: IN

Am 9. August 1962 ist der Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Hermann Hesse im Alter von 85 Jahren in seinem Haus im schweizerischen Montagnola gestorben. Hermann Hesse war schon zu Lebzeiten ein viel gelesener Autor und ist heute mit weltweit 150 Millionen in aller Welt verkauften Büchern der meistgelesene deutschsprachige Autor überhaupt. Aufgewachsen in einem streng pietistischen Elternhaus – sein Vater und Großvater waren als Missionare in Indien tätig, seine Mutter entstammt ebenfalls einer Missionarsfamilie – war sein Werdegang von Anfang an vorgezeichnet: Er sollte in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten und wie sie Pfarrer werden. Dazu wurde er auf das evangelische Stift Kloster Maulbronn zur Ausbildung geschickt, woraus er als 15-Jähriger floh, da er die strenge Reglementierung nicht aushielt. Anstatt für den sensiblen Sohn Verständnis aufzubringen, der schon früh seine Liebe zur Literatur zu erkennen gegeben hatte und einmal bezeugte „von meinem dreizehnten Jahr an war mir das eine klar, dass ich entweder ein Dichter oder gar nichts werden wollte“, wurde er von den Eltern zunächst in eine christliche Anstalt für körperlich und geistig Kranke in Bad Boll und nach einem Selbstmordversuch nach Stetten in eine Nervenheilanstalt für „Schwachsinnige und Epileptische“ eingewiesen. Dass eine solche Erfahrung einen jungen Menschen für sein Leben prägen muss, kann man sich unschwer vorstellen. Sie sollte für den Dichter Beginn einer lebenslangen Selbstbefragung werden und einer ebenso lebenslangen Suche nach Wahrheit, Weisheit und Spiritualität.

Volker Michels, der Hesses Werk seit mehr als 40 Jahren ediert, legt eine vollständige Sammlung seines essayistischen und erzählerischen Werkes (beide zehnbändig) erstmals als Taschenbuchausgabe vor. Mit dem ersten einer auf zehn Bände angelegten Reihe aller Briefe von Hermann Hesse hat sich Volker Michels eine gewaltige Aufgabe vorgenommen. Etwa 40 000 Briefe soll Hesse im Laufe seines Lebens geschrieben haben. Und er hat, wie sein Herausgeber betont, das Verfassen sehr ernst genommen. Ein Drittel seiner Arbeitszeit habe Hesse auf das Führen seiner Korrespondenz verwandt, ein weiteres Drittel auf das Schreiben seiner Erzählungen, Romane, Gedichte, Essays und Rezensionen. Noch einmal ein Drittel seiner Zeit widmete er sich dem Zeichnen und Aquarellieren.

„Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen“ – unter diesem Titel ist soeben der erste Briefband erschienen. Er umfasst Hesses Jugendbriefe aus den Jahren 1881 bis 1904. An ihnen lässt sich nachlesen und nachvollziehen, wie ein junger Mensch mit sich und Erwachsenen ringt, die seinen Willen brechen und nicht seinen eigenen Lebensweg gehen lassen wollen. Die Briefe an seine Eltern besonders aus der Nervenheilanstalt sind erschütternde Dokumente wilder Verzweiflung. Aus ihnen stammt auch das Zitat, welches dieser ersten Briefsammlung den Titel gibt. „Meine letzte Kraft will ich aufwenden, zu zeigen, dass ich nicht die Maschine bin, die man nur aufzuziehen braucht.“ In den frühen Erzählungen „Unterm Rad“ und „Demian“ hat Hesse schreibend sich selbst therapiert, die schrecklichen Erlebnisse seiner Jugend gestaltend verarbeitet.

Doch Hermann Hesse blieb nicht beim Ungehorsam, bei der Rebellion stehen. Und gerade die Fähigkeit zum Vergeben und die Anerkennung auch der Liebe und Güte, die er im Elternhaus empfangen hatte, weist den Weg auf, den er im Laufe seines Lebens gehen sollte. Bereits in seinen Briefen aus Stetten weist der 15-Jährige ein hohes Maß an analytischer Reflexion auf, die ihn auch stilistisch schon als einen Frühreifen der Dichtkunst ausweisen. Dennoch verzichtet er keineswegs auf seine eigene Meinung, auch wenn sie kontrovers zu den Vorstellungen seiner Eltern liegt. Vielmehr ist er sich sicher darin, seine eigene ihm adäquate, selbstbestimmte Lebensform – nämlich die eines Dichters – führen zu wollen. Doch auch dazu bedurfte es einiger Umwege: über ein Praktikum und eine einjährige Schlosserlehre in einer Uhrenfabrik und danach eine Buchhändlerlehre, die er vollständig abschloss. Denn er musste bitter und enttäuscht feststellen: „Es war erlaubt und galt sogar für eine Ehre ein Dichter zu sein, das heißt als Dichter erfolgreich und bekannt zu sein, meistens war man dann leider schon tot. Ein Dichter zu werden aber, das war unmöglich, es werden zu wollen, war eine Lächerlichkeit und Schande, wie ich sehr bald erfuhr.“

In der Buchhandlung Heckenhauer in Tübingen und im Antiquariat Reich in Basel verdiente Hermann Hesse sein erstes eigenes Geld und konnte sich des Abends seinen Privatstudien widmen sowie endlich auch erste Manuskripte verfassen. Aufgrund seiner ersten Gedichtveröffentlichungen in einer Zeitschrift kam er mit der Dichterin Helene Voigt (1875–1961) in Kontakt, worauf sich ein reger Briefwechsel zwischen beiden entwickelte. Da sich während der Jugendjahre von Hermann Hesse die entscheidenden Weichen für seine spätere Dichterexistenz stellen, sind die Briefe ein besonders bewegendes Lektüreerlebnis.

Der enormen Wichtigkeit, die Hesses Kindheit und Jugend für seinen künstlerischen Werdegang, aber natürlich auch für sein Leben überhaupt gehabt haben, widmet sich noch ein weiterer jetzt erschienener Band mit dem Titel „Jugendland“. Liest man diese Erzählungen, die anders als seine Briefe, die Erlebnisse, schöne und bedrückende, beglückende und zerstörerische, aus der Distanz des Erzählers schildern, wird erklärlich, warum Hermann Hesse besonders Jugendliche fasziniert. Sein Talent besteht darin, wahre Seelenbiografien zu schreiben und dabei Schwieriges leicht verständlich darzustellen. Dieser Umstand hat umgekehrt wohl dazu geführt, dass die Literaturkritik meinte, diesen Autor nicht besonders ernst nehmen zu müssen. So diagnostiziert es jedenfalls Hesse-Herausgeber Volker Michels, dass Hesse „so klar, eingängig und unverschlüsselt formuliert, dass aus seinen Werken das Lebenswichtige nicht mühsam am Tropf von Interpreten herausdestilliert zu werden braucht, wie bei anderen Favoriten unserer Literaturwissenschaftler“. Zu einem ähnlichen Fazit kommt auch Herausgeber Herbert Schnierle-Lutz in seinem Nachwort zu „Jugendland“, wenn er betont, Hesse habe nie L'art pour l'art produziert und fragt, „was daran schlecht sein soll, wenn Literatur einen Gebrauchswert für die Reflexion und Gestaltung des Lebens hat“.

Doch Hermann Hesse war nicht ein literarischer Eremit oder versponnener Eigenbrötler, der nur auf sein eigenes Seelenheil bedacht war. Vielmehr war er ein politisch wacher Zeitgenosse, der sowohl mit der wilhelminischen Ära und ihrer Disziplin, mehr noch mit dem heraufziehenden Nationalsozialismus haderte und beide entschieden ablehnte. Außerdem war Hesse Pazifist. In seinem Haus in Montagnola, wo er seit 1919 lebte, bot er Emigranten wie Thomas Mann, Bertold Brecht und anderen ein zwischenzeitliches Quartier. Überhaupt gewann für Hesse die soziale und religiöse Dimension im Laufe seines Lebens eine immer größere Bedeutung. War er im Grunde zeitlebens auf der Suche nach einer wahren Religion – denn das Christentum hatte sich durch die unterdrückende und seelenzerstörerische Art in seiner pietistischen Ausprägung für ihn diskreditiert („Diese Lehre hat mein Leben verdorben“) – so ist er über den Umweg einer Beschäftigung mit anderen Weltreligionen, zumal des Buddhismus und dessen Weisheitslehre, die er nach einer Indienreise in seinem Roman „Siddharta“ behandelte, am Ende seines Lebens zu einem bereicherten Christentum zurückgekehrt. Hermann Hesse starb friedlich während des Schlafes. Auf seinem Bett lag das aufgeschlagene Buch „Bekenntnisse“ des großen Kirchenlehrers Augustinus.

Wesentlich war für Hesse die Beglaubigung durch gelebte, nicht gelehrte Weisheit. Das christliche „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ war für ihn „das weiseste Wort, das je gesprochen wurde“. Dies zu erkennen wurde er fähig, nachdem er sich aus dem Alpdruck von Schuldgefühlen und permanenter Angst vor Bestrafung durch eine Psychoanalyse (unter anderem bei dem Tiefenpsychologen C.G. Jung) und deren Verarbeitung in seinen Romanen befreit hatte. In „Siddharta“ finden wir einen Niederschlag dieser Erkenntnis. Zu noch größerer Reife gelangte die Beschreibung einer Wahrheits- und Gottsuche in seinem großen Roman „Das Glasperlenspiel“ (1943), für den Hermann Hesse 1946 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. So gibt der Meister seinem Schüler zu verstehen: „Es gibt die Wahrheit, aber die ,Lehre‘, die du begehrst, die absolute, vollkommen und allein weise machende, die gibt es nicht. Du sollst dich auch gar nicht nach einer vollkommenen Lehre sehnen, Freund, sondern nach Vervollkommnung deiner selbst.“

Und als eine wesentliche Grundvoraussetzung dazu hatte Hesse erkannt „Fromm sein ist nichts anderes als Vertrauen“. Dieses Vertrauen hat er sich selbst erst wieder schwer erarbeiten müssen, und das ging während seines Lebens nicht ohne etliche schwere Krisen ab. „Am späten Ende seines Weges“, schreibt er, „sieht er mit Erstaunen, wie einfach, kindlich und natürlich die Seligkeit ist, die er auf so dornigen Wegen gesucht hat.“

In einem Interview (Sonntagsblatt vom 29.7.12) hob der Theologe Ezzelino von Wedel Hesses Bedeutung auch für heutige Leser hervor: „Vor allem junge Menschen fühlen sich von ihm so verstanden wie von niemandem sonst. Und kein Literat von Weltrang hat so eindringlich und rückhaltlos wie er die religiösen Grundfragen des modernen Menschen ausgesprochen. – Was Hesses Religiosität so glaubhaft macht, das ist die geradezu biblische Unbedingtheit, mit der er Gott gesucht hat.“

Als Fazit kann man Volker Michels zustimmen: „Er ist einer der wenigen Autoren seiner Generation, denen es geglückt ist, das Ethische mit dem Ästhetischen zu vereinbaren. Er ist über den Tiefschlägen des militanten 20. Jahrhunderts nicht zum Zyniker und Nihilisten geworden, sondern hat, jenseits aller Ideologien, ein den Eurozentrismus und jeden Nationalismus überwindendes Weltbild entwickelt, das zu beherzigen sich lohnen würde.“

– Hermann Hesse: „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen“, Briefe 1881–1904, Hg. Von Volker Michels. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 661 Seiten, gebunden, EUR 39,95 – Hermann Hesse: Jugendland, Erzählungen; Nachwort von Herbert Schnierle-Lutz. Insel Taschenbuch Verlag 2012, 231 Seiten, EUR 8,99