Sei ein Spießer!

Ein augenzwinkerndes Plädoyer für das gepflegte Uncool-sein. Von Harry Luck

Der Sänger und Songwriter Chris de Burgh („Lady in Red“) muss kein Kurzarmhemd tragen, er gilt auch so als Spießer-affin. Foto: Fotos: dpa
Der Sänger und Songwriter Chris de Burgh („Lady in Red“) muss kein Kurzarmhemd tragen, er gilt auch so als Spießer-affin... Foto: Fotos: dpa

Im Jahr 2013 erschien von Prälat Wilhelm Imkamp das Buch „Sei kein Spießer, sei katholisch!“ Im gleichen Jahr veröffentlichte ich das Buch „Wie spießig ist das denn? Warum Filterkaffee, Kurzarmhemd und Pauschalurlaub uns trotzdem glücklich machen“. Ein Gegensatz? Ich finde Nein. Und das hat etwas mit Apfelschorle und Kurzarmhemden zu tun.

Dass ich angefangen habe, Apfelschorle zu trinken, ging mit dem Start in die Midlife-Crisis einher. Das Wort Krise heißt ja Wendepunkt; für mich war die Wende zu Beginn des fünften Lebensjahrzehnts mit der Erkenntnis verbunden, dass ich nicht mehr auf Dinge verzichten wollte, weil andere sie uncool oder gar spießig finden könnten. Apfelschorle trinken war so eine Sache. Als ich mich dabei erwischte, in geselliger Runde Bionade statt Apfelschorle zu bestellen, stellte ich fest, dass die Apfelschorle nur ein Symbol ist für unzählige Dinge, die das Leben schöner machen, niemandem weh tun, aber ein großes Imageproblem haben.

In dem Roman „Resturlaub“ von Tommy Jaud geht es um einen Junggesellenabschied, der schon vor 23 Uhr zu Ende geht, was zu diesem Dialog führt: „Ich versteh das nicht. Wie kann man in unserem Alter schon so spießig sein?“ – „Wie meinst'n du das, ,in dem Alter‘? Wir gehen doch alle auf die vierzig zu!“ Damit ist klar, wer vierzig ist und sich endgültig nicht mehr Enddreißiger nennen kann und die Vorbereitungsphase auf die Altersteilzeit einleitet, hat endlich das Recht, all das zu tun, worüber junge Leute die Nase rümpfen – und die man bei seinen eigenen Eltern furchtbar uncool gefunden hat. Kurzum: Endlich Spießer sein. Die LBS-Bausparkasse hat diese Lebenseinstellung zum Slogan für ihr absolut uncooles Produkt Bausparvertrag gemacht: „Wecke den Spießer in dir!“ Ich definierte den Spießer wohl etwas anders als Prälat Imkamp in seinem Buch. Es geht mir nicht um den engstirnigen, mutlosen und angepassten Kleinbürger mit Laubbläser. Der intelligente Spießer macht das gepflegte Uncool-sein zur Lebenseinstellung. Er ist der eigentlich Mutige, der sich über Konventionen hinwegsetzt und die Marschbefehle von Trendsettern ignoriert – und sich traut, im Hochsommer ein luftiges Kurzarmhemd zu tragen, auch wenn jeder Modepapst darüber Bannstrafen verhängen würde. (Wenn Sie sich an dieser Stelle fragen, was an einem Kurzarmhemd problematisch ist, leben Sie vermutlich in einer Gegend, die der Hipster als „Provinz“ bezeichnet. Oder Sie sind Streifenpolizist, Busfahrer, Sparkassendirektor oder Domkapitular.)

Neben dem Alter ist der Wohnort der zweite Aspekt, der darüber entscheidet, was als spießig und uncool gilt und was nicht. Dass der oben genannte Roman „Resturlaub“ in Bamberg spielt, ist bezeichnend. Vor vier Jahren bin ich von der hippen Metropole München, wo ich in einer coolen Online-Redaktion gearbeitet habe, ins beschauliche Bamberg gezogen, um dort einen – in der Wahrnehmung mancher – eher uncoolen Job in der katholischen Öffentlichkeitsarbeit wahrzunehmen. Was mir bereits nach wenigen Wochen in Bamberg aufgefallen ist: Während in der Münchner Innenstadt Männer mit Kurzarmhemden so selten und auffällig sind wie ein bunter Clown mit einer Pappnase, ist es in Bamberger Kaufhäusern kaum möglich, andere Kleidungsstücke als Kurzarmhemden zu erstehen.

„Die Klage über den Spießer, mag sie auch manchmal selbstgerecht klingen, ist doch immer die Klage des Unterlegenen, der sich bedroht fühlt“, schrieb Jens Jessen in der „Zeit“. Die „Süddeutsche Zeitung“ ergänzte: „Man ist von Spießern nicht nur umgeben, man sieht leider auch täglich beim Blick in den Spiegel einen.“ Und der „Spiegel“ – also das Nachrichtenmagazin – stellt schlichtweg fest: „Unspießig sein ist ein Privileg der Jugend.“ Und die, so ergänze ich, endet spätestens mit dem Eintritt in das fünfte Lebensjahrzehnt, wenn auch jeder Punker anfangen wird, seinen Irokesenschnitt akkurat zu kämmen und seine Piercings zu polieren. Der Punkrocker Johnny Ramone, der eigentlich den spießbürgerlichen Namen John William Cummings trug, entlarvte sich in seiner Autobiografie als der „spießigste Punker der Welt“ (Spiegel Online), der statt Revolution lieber eine sichere Rente wollte. Statt für Sex, Drugs und Rock'n'Roll schwärmte er für Milch mit Keksen. Vielleicht trank er nach seinen Konzerten sogar Apfelschorle. (Übrigens einer der deutschen Begriffe, die es neben „Kindergarten“ und „Blitzkrieg“ als „German Apfelschorle“ zu internationaler Bekanntheit gebracht haben.)

Und seien wir doch mal ehrlich: Das Spießigste ist doch, andere als Spießer zu bezeichnen! Deshalb plädiere ich für das gepflegte Uncool-sein: Trinken Sie Eierlikör und Filterkaffee! Schauen Sie ZDF! Buchen Sie Pauschalreisen mit Frühbucherrabatt! Schreiben Sie Ansichtskarten! Schalten Sie mal Ihr Handy aus! Lesen Sie gedruckte Zeitungen aus Papier! Benutzen Sie Tischabfallbehälter und trennen Sie den Müll! Verlassen Sie die Party als erster vor Mitternacht!

Ich möchte von einem Ereignis berichten, in dem sich die gesamte Uncoolness der Welt in einer Figur vereint, die sogar von der Gestalt her an das Wahrzeichen des Spießers, den Gartenzwerg, erinnert. Ja, ich gestehe: Ich war auf einem Chris-de-Burgh-Konzert – ohne dass mich jemand dazu gezwungen hätte. Ich erinnere mich noch gut an die Übergangsphase von Kindheit zur Jugend, als „Lady in Red“ ein Welthit wurde und ich auf meinem Kassettenrekorder seine Superhits rauf und runter nudelte. (Erschreckende Erkenntnis: Der Schmusebarde mit der zeitlos unmöglichen Frisur war damals jünger als ich heute. Und er war ein alter Mann!) Schon zu jener Zeit war es peinlich, die Frage „Und was hörst du so?“ wahrheitsgemäß mit „Chris de Burgh“ zu beantworten. Man hätte genauso „Flippers“ antworten können. Wer sich nicht festlegen wollte, antwortete diffus mit „Ich höre Charts“ und outete sich damit ungewollt als Sampler-Sammler von „Bravo Hits“ und „Kuschelrock“, was mit „Flippers“ auf einer Stufe stand. Als ich einmal in der sechsten Klasse unkontrolliert die Frage eines mir durchaus sympathischen Mädchens, das mich zu einem Sechser-Chicken-McNuggets eingeladen hatte, nach dem Musikgeschmack voreilig mit „Chris de Burgh“ beantwortete, reagierte sie mitleidig: „Dann stehst du bestimmt auch auf Phil Collins.“ Es blieb beim einmaligen Fast-Food-Rendezvous. (Die Dame arbeitet heute übrigens – kein Witz! – bei der Sparkasse und berät Bausparer.) Kurzum: Der irische Barde war schon immer die personifizierte Uncoolness, zu dem man sich so offen bekennen kann wie zu einem Jodeldiplom, dem zweiten Vornamen Eberhard, der Mitgliedschaft bei seniorbook.de oder einem Schöner-wohnen-Abo. Dabei kann man sich sehr gut vorstellen, wie der singende Ire im Vorgarten seines Schlosses sitzt, seine Bausparunterlagen ordnet und einen Eierlikör schlürft. Chris de Burgh ist das Fleisch gewordene Kurzarmhemd. Das Konzert fand übrigens in meiner neuen Wahlheimat Bamberg statt, wo man, wie Tommy Jaud im eingangs erwähnten „Resturlaub“ feststellt, Rod Stewart hört statt House-Musik. Dass man sich zu CdeB, wie ihn seine Fans nennen, nicht öffentlich bekennt, gehört also zu meinen frühkindlich sozialisierten Verhaltensweisen. Vor einiger Zeit hätte ich meinen Konzertbesuch womöglich schamhaft verschwiegen oder allenfalls mit einer Notlüge a la „Ich habe Freikarten bekommen“ oder „Ich musste beruflich hin“ begründet. Heute weiß ich: Es tut nicht weh, uncool zu sein, es kann sogar große Freude machen, ein sehr befreiendes Gefühl sein und froh und glücklich machen.

Und da wären wir wieder beim vermeintlichen Gegensatz „spießig–katholisch“: In der öffentlichen Wahrnehmung steht der Coolnessfaktor von Religion und Kirche zum Teil auf einer Stufe mit Warmduschen und Einbauschränken. Thomas Gottschalk sagt, dass ein Veganer heute mehr Verständnis findet für seinen Glauben als ein Katholik. Es gibt viele gute Gründe, katholisch zu sein. Es gibt aber keinen einzigen, sich dafür zu genieren. Für mich lautet die einzig denkbare Konsequenz aus der Apfelschorle- und Kurzarmhemd-Erkenntnis: Sei ein Spießer, sei katholisch!

Der Autor ist Diplom-Politologe und gelernter Zeitungsredakteur, er arbeitete viele Jahre in München und Berlin als Korrespondent und Nachrichtenjournalist. Seit 2012 ist er Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Erzbistum Bamberg. Als Buchautor hat er zehn Romane geschrieben, zuletzt den Franken-Krimi „Bamberger Fluch“. Sein Buch „Wie spießig ist das denn?“ (Random House 2013) ist unter dem Titel „Das Lexikon der uncoolen Dinge“ als E-Book erhältlich.