„Sehr bald werden Sie frei sein!“

Papst Johannes Paul II., die christliche Hoffnung und der Fall des Kommunismus Von Burkhard Haneke

Den zwanzigsten Jahrestag der deutschen Einheit zu begehen, ohne an die entscheidende Rolle Papst Johannes Pauls II. beim Fall des Eisernen Vorhangs zu erinnern, ist unmöglich. Was im Herbst 1989 geschah und 1990 in die deutsche Einheit mündete, war ein historisch einzigartiger Aufbruch zur Freiheit, an den damals kaum jemand glauben mochte. Trotz mancher Risse und Bruchstellen im System des Kommunismus, der sich in den mittel- und osteuropäischen Ländern bereits zeigte, wagte niemand den baldigen Untergang dieses Systems wirklich zu prognostizieren. Doch. Einer vielleicht schon. Papst Johannes Paul II., der dem tschechischen Untergrundpriester Tomáš Halík bei dessen Besuch in Rom – genau einen Tag vor dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 – sagte: „Sehr bald werden Sie frei sein!“. Halík vernahm, wie er heute noch sagt, diese Worte mit großem Unglauben und Zweifel.

Es war diese Zuversicht Johannes Pauls II., die schon zehn Jahre zuvor im Juni 1979, bei seinem ersten Heimatbesuch als Papst, einer halben Million Menschen auf dem Warschauer Siegesplatz neue Hoffnung schenkte. „Der Besuch wurde zu einem historischen Ereignis, in dessen Folge der Machtblock des sowjetischen Imperiums erschüttert werden sollte“, schreibt Joachim Jauer in seinem zeitgeschichtlichen Werk „Urbi et Gorbi – Christen als Wegbereiter der Wende“ (Herder, 2009).

Bleibendes Verdienst des Buchs von Joachim Jauer ist, dass es gerade für deutsche Leser, die „1989“ gerne auf Montagsdemonstrationen, Mauerfall und Wende reduzieren, den Blick weitet. Und zwar sowohl was die Bedeutung der Entwicklungen in Polen, Ungarn und der CSSR betrifft, die entscheidend zum Fall des Kommunismus beitrugen, als auch hinsichtlich der Akteure, die diese Entwicklungen überhaupt erst in Gang brachten. Detailgenau werden wichtige Etappen beschrieben und Protagonisten benannt, unter ihnen zahlreiche Christen in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Ihren Einsatz und Wagemut, die Risikobereitschaft und das Durchhaltevermögen einzelner Vorkämpfer und ganzer Widerstandsgruppen zeichnet Jauer nach. Und man spürt in seinen Schilderungen, wie nah er als TV-Korrespondent des ZDF den damaligen Ereignissen und den Menschen vor Ort gewesen ist.

Eine Schlüsselfigur auf dem Weg zu den friedlichen Revolutionen, die ab 1989 Stück für Stück die kommunistischen Systeme zu Fall brachten, war zweifellos der polnische Papst. „Die Machthaber fanden gegen den ersten Slawen auf dem Stuhl Petri kein Rezept“, schreibt Jauer. Und er erinnert an den bedeutsamen Schluss der bereits erwähnten Predigt des Papstes in Warschau. Sie endete mit den viel zitierten Worten: „Und ich rufe, ich ein Sohn polnischer Erde und zugleich Papst Johannes Paul II., ich rufe aus der ganzen Tiefe dieses Jahrhunderts, rufe am Vorabend des Pfingstfestes: Sende aus Deinen Geist! Und erneuere das Angesicht der Erde!“ Damit nahm der Papst das „Renovabis faciem terrae“ des Psalmes 104 auf, beließ es aber nicht bei diesem Zitat, sondern fügte – nach kurzem Schweigen – die bedeutungsvollen Worte hinzu: „dieser Erde“. Bei den Worten „dieser Erde“ habe der Papst, so berichten Augenzeugen, mit seinem Hirtenstab auf den Boden gestampft. Die Menschen auf dem Warschauer Siegesplatz haben diese Botschaft verstanden, ebenso aber auch die Machthaber in den Staaten des ehemaligen „Ostblocks“.

Im Zentrum des Denkens von Johannes Paul II. stand stets die menschliche Person in ihrer Einzigartigkeit als Geschöpf Gottes. Dieser Mensch sei zur Freiheit berufen, wurde der Papst nie müde zu betonen. Ebenso aber, dass es keine Freiheit ohne Liebe gebe und die Fülle dieser Freiheit letztlich nur in der Ausrichtung auf Gott zu erreichen sei. Mit diesen Kerngedanken einer christlichen Philosophie hat Johannes Paul II. die kommunistischen Ideologen herausgefordert, zugleich aber den Menschen in seiner polnischen Heimat und weit darüber hinaus Mut und Hoffnung gemacht. Die Entstehung der ersten freien und unabhängigen Gewerkschaftsbewegung auf kommunistischem Boden, der polnischen Gewerkschaft „Solidarnoœæ“ („Solidarität“), wäre ohne diesen Impuls nicht denkbar gewesen. Die in hohem Maße christlich inspirierte „Solidarnoœæ“ mit Lech Wa³êsa an der Spitze wurde am 17. September 1980 gegründet, im Zuge der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981 verboten und erst am 5. April 1989 wieder offiziell zugelassen. Doch ihre Wirksamkeit über die polnischen Grenzen hinaus ist unbestreitbar, der „Solidarnoœæ“-Bazillus (Jauer) erwies sich als unausrottbar und hoch infektiös.

„Als grenzüberschreitende, weltweite Institution war die katholische Kirche in den Augen der Kommunisten eine spionageverdächtige, subversive Gefahr“, schreibt Joachim Jauer. In zahlreichen Ländern Mittel- und Osteuropas waren die christlichen Gemeinden während des Kommunismus unterdrückt, führten ein Schattendasein, mussten Benachteiligungen in Kauf nehmen. Zugleich aber waren sie Horte der Freiheit und wurden hier und da zu Sammelbecken oppositioneller Kräfte. Das wird in den zwanzig Kapiteln von Jauers Gang durch die erst jüngst vergangene Geschichte der friedlichen Revolutionen in Europa deutlich. Die spannenden Entwicklungen der Umbruchjahre in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien und der DDR werden in ihrer ganzen damaligen Dramatik noch einmal lebendig. Beeindruckende christliche Persönlichkeiten begegnen dem Leser, wie die in Ungarn geborene Malteserfrau Csilla von Boeselager, der ungarische Pfarrer Imre Kozma, der tschechische Untergrundpriester (und spätere Bischof) Václav Malý, der schon genannte polnische Gewerkschaftsführer Lech Wa³êsa und der evangelische Leipziger Pfarrer Christian Führer. Sie alle haben ihre spezifischen Beiträge als christliche „Wegbereiter der Wende“ geleistet.

Ist das „Urbi“ im Titel von Jauers Buch erklärt, bleibt noch das „Gorbi“. Jauer parallelisiert in gewisser Weise Johannes Paul II., der 1978 zum Papst gewählt wurde (sein Wirken „für die Stadt und für den Weltkreis – Urbi et Orbi“), und Michail Gorbatschow („Gorbi“), dem 1985 das Amt des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) übertragen wurde. Jauer bezeichnet das historische Zusammentreffen dieser beiden Männer als eine „Sternstunde der Menschheit“. Sie hätten sich in gemeinsamen Zielen getroffen: „Offenheit und Wahrheit in der Gesellschaft, Wandel und Umbau in Richtung Menschenrechte und Demokratie“. Sei es dem Einen um „Wandel durch Wahrheit“ (Johannes Paul II.), so dem Anderen um „Offenheit und Umbau – Glasnost und Perestrojka“ (Michail Gorbatschow) gegangen.

Dieser Versuch einer Parallelisierung Wojtyla/Gorbatschow ist allerdings nur insoweit mitzuvollziehen, als im Effekt das Wirken beider die friedlichen Revolutionen tatsächlich in je eigener Weise befördert hat – mit den Worten Jauers: „Der eine hat die Wende angestoßen, der andere hat sie zugelassen“. Das „Zulassen“ Gorbatschows war sicher wichtig, denn er schickte keine Panzer und Soldaten, um den Fall des Eisernen Vorhangs zu verhindern. Aber Gorbatschow wollte mit „Perestrojka und Glasnost“ letztlich doch nur eine Reform des Kommunismus bewirken, keineswegs dessen Abschaffung. Zwischen dem Menschenbild und Ethos des KPdSU-Chefs und dem des Papstes lagen Welten, auch wenn sie sich gegenseitig sehr ernst nahmen.

In Jauers Buch geht es wesentlich um die spezifische Rolle der Christen bei den Um- und Aufbrüchen von 1989. Eine sinnvolle und gute Fokussierung, die jedoch zwangsläufig dazu führt, dass manch Anderes unerwähnt bleibt. Daher sei zumindest kurz ergänzt, dass es nicht zuletzt auch die westliche Politik des „Friedens durch Stärke“ unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika war, die das kommunistische Imperium schließlich ins Wanken brachte. Symbolisch mag dafür der provozierende Ausruf des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan am 12. Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor stehen: „Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“ Ohne die unbeugsame, am Willen zur Freiheit orientierte Haltung des Westens wäre es wohl auch kaum zu den überraschenden Weichenstellungen von Kreml-Chef Michail Gorbatschow gekommen, die viele Machthaber der „Ostblock“-Staaten zutiefst verunsicherten.

Die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld meinte im Rückblick auf „1989“ einmal, das bleibende Vermächtnis dieser Ereignisse sei, dass „der Kommunismus, der durch Gewalt und Tod zur Macht kam und diese Macht mit Gewalt und millionenfachem Tod verteidigte, fast gewaltlos in die Knie gezwungen wurde“. Dass und warum dies überhaupt so kommen konnte, wird durch die Analysen Joachim Jauers klarer. Wem das Revolutionsjahr 1989 ein Rätsel geblieben sei, der müsse – so Vera Lengsfeld – das Buch „Urbi et Gorbi“ lesen, um es zu lösen. Vielleicht sollte man aber doch noch etwas weiter ausholen: Wer die allmähliche und unaufhaltsame Erosion des Kommunismus in Osteuropa verstehen will, der findet in Jauers Werk entscheidende Hinweise auf wichtige Akteure und Urheber dieser Erosion. Denn nicht zuletzt die Kirchen und Christen in Mittel- und Osteuropa waren es, die durch ihr lebendiges und ungebrochenes „Zeugnis des Nicht-Mitmachens“ (Joachim Kardinal Meisner) an der Wiege jener friedlichen Revolutionen standen, die schon lange vor dem Herbst 1989 begannen und den Weg zur deutschen Einheit freimachten.

Joachim Jauer: Urbi et Gorbi, Christen als Wegbereiter der Wende. Herder Verlag, 2. Auflage, Freiburg 2009, gebunden, 344 Seiten, EUR 19,95