Sehen, dass Gott schön ist

Der Blick ins unendliche Oben: Schwäbischer Barock, an einem einzelnen Meister betrachtet

Der berühmte Insektenforscher Jean-Henri Fabre, der zu den Ehren des französischen Pantheons aufstieg und leider hierzulande nur auszugsweise übersetzt ist, sagte den denkwürdigen Satz: „Ich glaube nicht an Gott, ich sehe ihn.“ Fabre meinte die ungeheure instinktive Kunstfertigkeit vieler Insekten in der Überlebensstrategie, auch ihre gegenseitige raffinierte Vernetztheit, mit der sie aufeinander angewiesen sind, wofür „Zufall“ nur ein blutloses und maskenhaftes Wort ist. Von Fabres schönem Satz aus sei der Sprung in einen Vergleich gewagt: Wer durch die schwäbische Architekturlandschaft reist, muss nicht an Gott glauben: Man sieht ihn – auf Schritt und Tritt. Nicht allein der hügelige, rhythmische Wechsel von Wald und offenem Feld, mehr noch die ebenfalls wie zufällig in die Senken und auf die Höhen eingefügten Kirchtürme, Giebel, großzügigen Anlagen, die „weit übers Land geworfene Kontur...“ (Ida F. Görres). Von solcher Kulturlandschaft aus versteht man den Satz der griechischen Kirchenväter, Gott sei einfach schön. Eine Besonderheit sei aus diesem Füllhorn herausgegriffen: das Werk eines der ersten schwäbischen Barockbaumeister und Maler, der vor allem die Stadt Füssen geprägt hat: Johann Jakob Herkomer. Ihm ist eine neue, gediegene Monographie des 1965 in Kempten geborenen Kunsthistorikers Ingo Seufert gewidmet, der seine Münchner Dissertation von 1995 für eine breitere Leserschaft umgearbeitet und mit wunderbaren Fotos ausgestattet hat.

Johann Jakob war das achte und letzte Kind des Wirtes Balthasar Herkomer und seiner Frau Barbara und wurde 1652 in dem winzigen Flecken Sameister bei Roßhaupten (in der Nähe der Wieskirche) geboren. Sameister lag an dem wichtigen Handelsweg von Augsburg nach Venedig und bestand vor allem aus der Taverne, wo die Saumpferde (Leitpferde) gewechselt wurden. Ebendort neben dem Wirtshaus erhebt sich bis heute ein Juwel: eine unerwartet vornehme Grabkapelle nach venezianischem Vorbild, die Johann Jakob 1685 für seine Eltern, seinen ältesten Bruder Isaak und sich selbst erbaute, nachdem er aus der Lehrzeit in Augsburg und jahrelangem Aufenthalt in Venedig nach Norden zurückgekehrt war. Schon diese Kapelle wirkt fremdartig-kostbar mit ihrem italienischen Kreuzkuppel-Charakter in der Allgäuer Landschaft; sie ist nicht allein wegen der harmonischen Architektur, sondern auch durch die bedeutenden Deckenfresken und drei großen Altarbilder sehenswert – und alles stammt aus einer einzigen Hand. Seufert kann zeigen, dass Herkomer nach diesem genialen Erstlingswurf eine jahrelange Probephase durchstehen musste.

Unabsehbare Fülle

Bis die große Stunde kam, wo das Benediktinerkloster von Füssen unter einem neuen Abt nach dem Gebot der Stunde eine Barockisierung seiner romanischen Kirche St. Mang (= Magnus) und des unregelmäßig gebauten Klosterareals in Angriff nahm. Herkomer hatte als optische Kostprobe in Kempten bereits das gewaltige Kornhaus für den Zehnten erbaut. Nun war aber die Herausforderung ungleich größer, denn in die dunkle romanische Basilika musste Licht und Farbe einströmen und der zusammengewürfelte Häuserbestand des Klosters sollte einer barocken symmetrischen Gesamtanlage weichen. Jedoch war das Gelände wegen der Abschüssigkeit und der unüberwindlichen Begrenzung durch den Abhang zum Lech denkbar ungünstig gelegen.

Herkomer meisterte die Lage jedoch bravourös – wie es übrigens auch Balthasar Neumann (dem Erbauer von Vierzehnheiligen und der Würzburger Residenz) nachgesagt wird, er habe umso genialer gebaut, je weniger die vorgegebenen Einschränkungen von Boden oder bestehender Architektur ermutigten. Herkomer schuf das heute noch ungemein prachtvolle Gesamtbild des Füssener Fürststifts mit Kirche und Kloster, jedoch nicht nur die Anlage, sondern auch teilweise verblüffende innenarchitektonische Lösungen, so das besonders schöne Abtzimmer, Treppenaufgänge, kleine und große Säle... Ein Gesamtkunstwerk eben, in dem Malerei, Stuck, Scagliola-Einlagen (Stein-Mosaike) mit Plastik und lichtdurchfluteter Räumlichkeit wetteifern. Herkomer starb bereits 1717, hochverehrt und berühmt, noch während des Baus im Kloster, ohne die Arbeiten fertiggestellt zu sehen. Deutliche Spuren hinterließ er im übrigen auch am Innsbrucker Dom und in den (1944 zerstörten) Augsburger Kirchen St. Moritz und Heiligkreuz; für Ottobeuren und manches andere lieferte er Entwürfe.

Diese grandiose Einzelleistung vor Augen zu stellen, überhaupt das Auge im Überreichtum des Barock wieder an genaues Sehen heranzuführen und besonders Gelungenes und Seltenes auch dem Laien ästhetisch zu erschließen, ist das Verdienst des gediegen ausgestatteten Bandes, bei dem auch der Preis überzeugt. Nicht selten herrscht ja gegenüber dem Barock ein leiser religiöser Vorbehalt, erscheinen doch die hellen, detailfreudigen Kirchen gegenüber dem sammelnden Dunkel der Romanik als geradezu ausschweifend und ablenkend. Vertieft man sich jedoch in das zugrundeliegende theologische Denken, so wird deutlich, wie sehr hier der Himmel auf der Erde aufruht, sie nach oben hin öffnet, sogar aufreißt – in eine unabsehbare Fülle hinein. Die Fresken Herkomers sind aus der Untersicht gemalt, verlängern also die Perspektive des Betrachters unendlich nach oben: So sieht man die Evangelisten von der Fußsohle an und folgt ihrem sich ins Göttliche verlierenden Blick ins Ungemessene. Tatsächlich: Wer hier nicht in den offenen Himmel sieht und mitgerissen wird, wird auch sonst kaum begreifen, dass Gott schön ist. Und wenn der Füssener Sterbeeintrag für den wohl größten Allgäuer Barockbaumeister vom „Haus des ewigen Vaters“ spricht, „wo es viele Wohnungen gibt“, so hat Herkomer tatsächlich einen Vorblick auf die himmlischen Wohnungen mit seinen Kirchenbauten versucht. Kurz: Eine kunsthistorisch und religiös beflügelnde Architektur, die man in die nächste Reise nach Süden einbeziehen sollte.