Sebastian Kleinschmidt: In den Sälen des Seins

Bildende Kunst, Theologie und Poetik – Sebastian Kleinschmidts Betrachtungen führen durch eine geistige Welt. Von Ingo Langner

Schmerz gleiche dem Schatten des Lebens, dem man sich durch keinen Vertrag entziehen könne. Das ist ein zentraler Gedanke Ernst Jüngers. Sebastian Kleinschmidt zitiert ihn in seinem Essay „Schmerz als Erlebnis und Erfahrung“. Wer alle seine in der Publikation „Spiegelungen“ versammelten Essays gelesen hat, wird den Schluss nicht abwegig finden, dass Sebastian Kleinschmidt hier auch den innersten Kern seines eigenen Denkens offenbart. Denn er legt uns damit eine Weltsicht nahe, die quer zum regierenden Zeitgeist steht, für den Schmerzfreiheit der oberste Wert schlechthin zu sein scheint. Diese Tendenz, so Kleinschmidt, gelte inzwischen sogar für „das Zur-Welt-Kommen des Menschen“. Dabei sei es eindeutig, dass „die Geburtswehen der Mutter und die Schreie des Neugeborenen kein Schmerz der Zerstörung, sondern Schmerzen des Werdens sind“.

Der im Mai 1948 in Schwerin Geborene wollte als junger Mann Seemann der Handelsmarine werden. Also hinaus aufs weite Meer, in ferne Länder, und heraus aus der räumlichen und geistigen Enge der ostdeutschen sozialistischen Republik. Geworden ist daraus nichts. Doch als Funker bei der küstennahen Volksmarine ist er immerhin durch Selbsterziehung zum Leser geworden.

„Spiegelungen“ enthält insgesamt 32 Aufsätze, die wie der Gang durch ein Museum präsentiert werden. Im „Saal I“ hat Sebastian Kleinschmidt die „Bildende Kunst“ platziert und lässt uns nachvollziehen, wie ihn „Bleistiftzeichnungen von Ingo Arnold“, „Meeresnahe Fotowelten“ von Inge Zimmermann, „Das Blau der nächtlichen Stille“ von Gerhard Moll, „Reimer Wulfs Ansichten von Schwerin aus der Vogelperspektive“ oder „Gerhard Marcks' mecklenburgische Jahre“ inspiriert haben. Womit, geografisch gesehen, Kleinschmidt bereits zu Beginn seine norddeutsche Heimat in den Mittelpunkt rückt.

Kleinschmidts Vater Karl (Jahrgang 1902) war Pfarrer am Schweriner Dom und brachte das Kunststück fertig, evangelisch-lutherischer Christ und zugleich Kommunist zu sein. Das hat, wie in der abschließenden Abteilung „Autobiografisches“ nachzulesen, beim Wachsen und Werden des Sohnes tiefe Spuren hinterlassen. So ist denn auch bereits der „Saal II“ der „Theologie“ gewidmet.

Einer der darin gesammelten Essays ist der bereits oben erwähnte über den Schmerz. Doch auch die „Ahrenshooper Kanzelrede zum 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes“ oder der Aufsatz zu Bertrand „Russells Religionskritik und die Theologie des Als-ob“ haben ihr eigenes Gewicht. Auch deshalb, weil sie einen Denker im Modus der Bewegung zeigen.

Seine über die politische Sphäre hinausweisende Position fasst der bis zu ihrem Untergang 1990 in der DDR lebende Kleinschmidt schließlich so zusammen: Gegen die selbst nach dem Scheitern des Kommunismus immer noch diesseitserlösungshungrige Welt steht für ihn, auch mit Blick auf die Geschichtstheologie Hegels, fest, dass der Mensch nicht berufen sei, „sich zum Herren der Geschichte aufzuschwingen, er kann sie nicht an sich reißen. Und wenn er es doch versucht, in wessen Namen auch immer, so wird sich erweisen, dass es nicht die Geschichte war, die er an sich riss, sondern lediglich die Macht. Und so kommt er zu Fall. Als hätte Gott die Geschichte zum Prüffeld für den Menschen gemacht.“

Der „Saal III Poetik“ ist mit 18 Essays der umfangreichste des Buches. Hier lernen wir Kleinschmidt als Laudator für Ulrich Schacht, Jürgen Becker, Lutz Seiler und Adam Zagajewski kennen; jedoch auch den feinsinnigen Interpreten der Gedichte von Christian Lehnert, Wislawa Szymborska oder Richard Pietraß. Im Gedächtnis haften bleiben dort aphorismen-taugliche Gedanken wie diese: „Im Pathos ist der Mensch, ohne es zu ahnen oder zu wollen, ein Fürsprecher Gottes“; „Denn wir wollen nie vergessen: Schönheit und Güte des Menschen kommen von dem, was er glaubt, was er lebt, nicht von dem, was er weiß.“

Bleibt schließlich der autobiografische Schluss, den Kleinschmidt vermutlich deshalb nicht wie die anderen Kapitel in einem Saal verortet, weil sich die Gesamtsumme eines Lebens erst in der Stunde des Todes (oder postum) ziehen lässt. Hier erfahren wir zahlreiche aufschlussreiche Details aus dem Leben eines Mannes, dessen Dissens mit der SED-Diktatur ihn schließlich in einen konspirativen oppositionellen Intellektuellen-Zirkel führt. Doch für den finalen dissidentischen Schnitt ist der Widerspruch zur Diktatur dann doch nicht groß genug gewesen. Nur darum konnte er sich nach dem Abschluss eines Philosophiestudiums an der Humboldt-Universität zu Berlin als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften und in der Akademie der Künste der DDR halten. Nur so war ab 1984 eine Mitgliedschaft in der Redaktion der Kulturzeitschrift „Sinn und Form“ möglich. Die, 1949 vom linientreuen Johannes R. Becher in der sowjetischen Besatzungszone gegründet, sich unter ihrem ersten Chefredakteur Peter Huchel bis immerhin 1962 eine beeindruckende intellektuelle Unabhängigkeit erarbeiten konnte. Wirklich frei schreiben konnte Kleinschmidt erst, als er von 1991 bis 2013 Chefredakteur von „Sinn und Form“ im wiedervereinten Deutschland geworden war.

„Schuldfähigkeit gehört ja zur Conditio humana. Sie macht ein moralisch wie metaphysisch wichtiges Moment im Menschen aus“, sagt Kleinschmidt in einem Gespräch über „Glauben und Unglauben“ mit Matthias Bormuth und fügt hinzu: „Das eigentlich, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des Unglaubens und Glaubens.“ Daraus die Konsequenzen ziehend, ist Kleinschmidt vor nicht langer Zeit in den Schoß der evangelisch-lutherischen Landeskirche zurückgekehrt. Eine „Heimkehr“ würde ein Protestant das wohl nennen. Für einen gläubigen Katholiken ist es eine „vorläufige“.

Sebastian Kleinschmidt: Spiegelungen. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 320 Seiten, ISBN 978-3-95757-558-6, EUR 26,-