Schuldig oder nicht schuldig

Die Läuterung eines zynischen Rechtsanwaltes: Brad Furmans Spielfilm „Der Mandant“. Von José García

Mickey Haller (Matthew McConaughey, links) bekommt die Chance seines Lebens als Anwalt, als er die Verteidigung von Louis Roulet (Ryan Phillippe) übernimmt. Langsam kommen ihm aber Zweifel, ob sein Mandant so unschuldig ist wie er tut. Foto: universum
Mickey Haller (Matthew McConaughey, links) bekommt die Chance seines Lebens als Anwalt, als er die Verteidigung von Loui... Foto: universum

Der Justizthriller gehört spätestens seit „Zeugin der Anklage“ (Billy Wilder, 1957) und „Die zwölf Geschworenen“ (Sidney Lumet, 1957) zu den klassischen Hollywood-Genres. In den neunziger Jahren sorgten etliche John Grisham-Verfilmungen, angefangen mit Sydney Pollacks „Die Firma“ (1993), für eine Renaissance des Justizfilmes. Nachdem sich das Genre etwa in Steven Zaillians „Zivilprozess“ („A Civil Action“, 1998) sowie in Steven Soderberghs „Erin Brockovich“ (2000) zu einem Kampf zwischen kleinem Anwalt und großer Firma entwickelt hatte, konzentrierte sich Tony Gilroys „Michael Clayton“ (DT vom 4. März 2008) insbesondere auf die Charakterstudie eines Anwaltes, der vom hoffnungsvollen Juristen zum „Ausputzer“ in einer großen Anwaltskanzlei geworden ist, der sich nur noch um die Ausrutscher der Kunden und Mitarbeiter kümmert.

Ähnlich Michael Clayton kümmert sich Mickey Haller (Matthew McConaughey) im nun anlaufenden Spielfilm „Der Mandant“ als Anwalt vorwiegend um Kleinkriminelle. Eine flott inszenierte Szene zu Beginn etabliert Hallers Charakter auf vergnügliche Weise: Eine Rocker-Gang stoppt seine Lincoln Continental-Limousine, um sich nach dem Fortgang eines Prozesses zu erkundigen. Gegen entsprechende Bezahlung zeigt sich Mickey Haller bereit, sich für den Kollegen der Motorradrocker zu engagieren. Die ersten Szenen reichen ebenfalls aus, um in eine Besonderheit von Hallers Arbeit einzuführen: Die Lincoln-Limousine dient ihm nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern auch als Büro – daher der Originaltitel des Spielfilmes von Brad Furman „The Lincoln Lawyer“. In der Limousine chauffiert den Anwalt sein Fahrer Earl (Laurence Mason) durch Los Angeles von Gerichtssaal zu Gerichtssaal, wo Haller sein Geld damit verdient, günstige Deals für Drogendealer, Prostituierte und andere Klienten auszuhandeln. Ob seine Mandanten schuldig sind oder nicht, spielt für Haller eine eher untergeordnete Rolle.

Dies ändert sich allerdings, als Mickey Haller einen besonders lukrativen Fall zugeschanzt bekommt. Er soll Louis Roulet (Ryan Phillippe) verteidigen, den Sohn einer reichen Familie, dem versuchter Mord und Vergewaltigung vorgeworfen werden. Louis beteuert seine Unschuld und will sich auf gar keinen Deal einlassen. In seiner Version des Tathergangs hat ihn die junge Frau, die sich darüber hinaus als Prostituierte herausstellt, in eine Falle gelockt, um von ihm beziehungsweise von seiner steinreichen Mutter (Frances Fisher) ein sattes Schmerzensgeld zu bekommen. Was Haller zunächst für einen leichten Fall mit bestem Honorar hält, entpuppt sich als aufreibendes Nervenspiel um die Frage der Schuld oder Unschuld seines Mandanten, vor allem nachdem dem Anwalt Ähnlichkeiten mit einem vier Jahre zurückliegenden Fall auffallen. Damals verteidigte Haller einen Mann, der schließlich wegen Vergewaltigung und Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Nicht nur die Entdeckung solcher Ähnlichkeiten wirkt im auf der Grundlage des gleichnamigen Romans von Michael Connelly von John Romano verfassten Drehbuch zwar arg konstruiert. Dies und andere Zufälligkeiten im Dienst des Handlungsfortgangs tun aber der Spannung des mit einem flotten Soundtrack unterlegten Thrillers keinen Abbruch. Dies liegt einerseits daran, dass Regisseur Brad Furman nach den Regeln des Filmgenres eine Wendung nach der anderen präsentiert. Andererseits aber zeichnet er seine Figuren mit großer Sorgfalt, was auch für die Nebenrollen gilt. So eröffnet die Beziehung Hallers zu seiner von ihm getrennten Frau Maggie McPherson (Marisa Tomei), die als Staatsanwältin arbeitet, eine beachtenswerte Nebenhandlung über die Familie. Ryan Phillippe gestaltet den Verdächtigen Louis Roulet dermaßen zweideutig zwischen unschuldigem Gesicht und zynischem Lachen, zwischen guten und ruppigen Manieren, dass der Zuschauer lange Zeit zwischen Sympathie und Abscheu für ihn schwankt.

Matthew McConaughey gelingt es, die Wendung seiner Figur Mickey Haller glaubwürdig darzustellen: Stellte er sich anfangs gar nicht die Frage, ob seine Mandanten schuldig sind oder nicht, so setzt er nun alles daran, den moralischen Konflikt in befriedigender Weise zu lösen, auch wenn er dafür ein äußerst riskantes Doppelspiel in Gang setzen muss. Ähnlich Michael Clayton im erwähnten gleichnamigen Film ergreift der „Lincoln-Anwalt“ in Furmans Film die Gelegenheit, sich aus seiner anfangs materialistischen Haltung herauszulösen, um frühere eigene Fehler wieder gutzumachen. Brad Furmans größtes Verdienst besteht darin, dies auch dank eines wohl dosierten Humors ohne Pathos zu inszenieren, ohne in den dem Genre üblichen Moralismus zu verfallen.