Schreine im Schilfgefilde

Das Heiligtum der japanischen Sonnengöttin ist wieder neu aufgebaut. Von Alexander Riebel

Im heiligsten Bezirk des shintoistischen Japan: Blick auf den Inneren Schrein aus Holz mit Strohdach in Ise, dem mythologischen Gründungsgebiet des Inselreichs. Foto: IN
Im heiligsten Bezirk des shintoistischen Japan: Blick auf den Inneren Schrein aus Holz mit Strohdach in Ise, dem mytholo... Foto: IN

Das japanische Nationalheiligtum ist wieder aufgebaut, die Feierlichkeiten laufen noch. Seit etwa 1 300 Jahren wird der Shinto-Schrein in Ise in Mitteljapan alle zwanzig Jahre eingerissen und wieder neu aufgebaut. Das westliche Konservieren sakraler Gebäude ist der „Lebensreligion“ Shintoismus fremd. Wenn im feuchten Klima Moos ansetzt, sagt man, wird es Zeit für einen neuen Schrein. Die vor etwa 2 000 Jahren errichtete Anlage besteht aus teils prächtigen Holzbauten, aber auch aus blockhausartigen Gebäuden. Besucher und Gläubige können nur wenige dieser Holzschreine sehen, die Zentralbauten sind dahinter in Wäldern verborgen. In dem für Gläubige zugänglichen Teil am Rand der großflächigen Anlage mit Hügeln und „heiligen Wäldern“, Reisfeldern und Fischgründen, klatscht man dreimal in die Hände, verneigt sich und wirft einige Münzen in eine Holztruhe.

Selbst das Herbeischaffen der Baumstämme für die Schreine war früher streng ritualisiert. Sie wurden aus dem Hochland von Nagano über Flüsse nach Ise gebracht, heute hat man das auf einen Teil des Holzes reduziert. Die gewaltige Anlage besteht aus zwei Hauptschreinen, dem Inneren und dem etwa sechs Kilometer entfernten Äußeren Schrein, denen 125 Nebenschreine zugeordnet sind – die Hauptschreine und 79 andere Gebäude werden alle 20 Jahren wieder neu aufgebaut. Der Innere Schrein ist der Sonnengöttin Amaterasu Omikami gewidmet, Ahnherrin und Ursprung des Kaiserhauses, für die hier symbolisch ein Spiegel aufbewahrt wird. Die äußerst komplexe Geschichte der Göttermythologie ist ursprünglich in zwei Büchern aufgeschrieben, in den „Reichsannalen“ „Kojiki“ (712) und im „Nihongi“ (720). Die Bücher mit ähnlichem Inhalt stellen die Göttergenealogie bis zum Beginn der realen Kaisergeschichte dar, womit ein direkter Übergang vom Mythos in die Geschichte hergestellt ist und diese als legitimiert aufgefasst wird.

Die Sonnengöttin hatte dem „Himmelsenkel“, den sie als ihren Sohn beanspruchte, den Auftrag gegeben, auf die Erde hinabzusteigen und das Mittelland der Schilfgefilde (Japan) zu regieren. Dabei gab sie ihm die drei kaiserlichen Throninsignien mit, die bis heute als höchstes Heiligtum Japans in den Hauptschreinen in Ise verehrt werden: den Spiegel, Krummjuwelen und ein Schwert, das nach dem Mythos aus dem Schwanz eines Drachen geschlagen wurde.

Mythos und Wirklichkeit sind in Japan engstens verflochten, das zeigt auch die Frage, warum überhaupt die Schreingebäude eine religiöse Rolle spielen. Das Götterurpaar Izanagi und Izanami steigt von der Schwebebrücke des Himmels auf eine Insel im Pazifik herab, die durch herabtröpfelndes Salzwasser geronnen ist. Auf dieser Insel inmitten anderer (Landesteile Japans) stellen sie nach dem „Kojiki“ den Himmelspfeiler und die Acht-Klafter-Halle (dem achtfachen Zwischenraum der Holzpfosten) auf. Damals galt diese Halle als „Zentrum der Welt“. Die in Asien mythologische Zahl Acht symbolisiert alle Richtungen, als Verdopplung der Vier. Wie Nelly Naumann in „Die Mythen des alten Japan“ schreibt, ist die Acht-Klafter-Halle ein „Welthaus, die Welt in ihrer Totalität im Bilde des Hauses. Gleichzeitig ist dieses Haus das Abbild einer geordneten Welt, eines Kosmos. In diesem Raum nimmt die Zeugung aller Dinge ihren Anfang; es ist der Ort, in dem Raum und Zeit zugleich beginnen, in dem Raum und Zeit eine Einheit bilden“. Eine Vorstellung, die es ähnlich schon im Altchinesischen gab als „Helle Halle“ oder als „Haus des Kalenders“ – vielleicht ein Hinweis auf die rhythmisierten Bauperioden der Schreine in Ise. Denn der Innere Schrein soll die mythologische Acht-Klafter-Halle verwirklichen, mit ihren Seitenlängen von acht Pfostenzwischenräumen.

Zu Neujahr mit Sake gefüllte Bambusstämme im Feuer

Der Shintoismus hat keine festgelegte Theologie und keinen Gründer. Er ist eine Mischung aus Natur- und Ahnenkult. Schreine beziehen sich auf eine Dorfgemeinschaft oder auf einen Stadtteil, auch die Riten dienen dem Wohl der Gemeinschaft: Bitten um gute Ernten, um Frieden oder den Schutz vor Krankheiten. Das höchste Fest ist Neujahr, und während in dieser Nacht die Gongs der buddhistischen Tempel 125 Mal an die 125 Leiden des Daseins mahnen, werden an den shintoistischen Schreinen Feuer angezündet, in die mit Sake gefüllte Bambusstämme gelegt werden, die dann zum Genuss aller herumgereicht werden.

Zwar gibt es Shinto-Priester, aber nur etwa in jedem siebten Schrein. Und die wenigen Priester sind es oft nicht hauptberuflich, es gibt wenig zu tun. Es besteht auch kein wirklicher Unterschied zwischen Priestern und Laien. Eigentlich kann es jeder mit ein wenig Übung; Zölibat gibt es nicht. Dass der Shintoismus als „Lebensreligion“ angesehen wird, bedeutet auch, dass es Feiern zu Geburt und Hochzeit oder etwa bei der Einweihung von Häusern nur shintoistisch gibt, niemals buddhistisch – diesen Ritus gibt es bei Beerdigungen. Buddhismus ist die „Todesreligion“. Weil Japaner die Religionen je nach Gelegenheit gebrauchen, stehen in der Regel in jedem Haushalt zwei Hausaltäre für die beiden Religionen nebeneinander. Glaube wird hier einfach praktiziert, nicht kritisch hinterfragt wie oft im Westen. Bekenntnisreligionen sind weder Buddhismus noch Shintoismus. In Japan gibt es die Trennung von Staat und Religion, Kirchensteuer wird nicht erhoben; im Shintoismus lebt man von Spenden. Gebete können sich an Götter richten, aber auch an einen Wasserfall, Stein oder Baum, die als göttlich verehrt werden.

Worum geht es eigentlich im Shintoismus? Besonders um Reinheit und Reinigungsriten. Shintoistische Schreine sind zumeist von weiten Flächen mit weißen Kieselsteinen umgeben. Das wirkt klar, rein und sauber. So soll auch die Haltung des Menschen sein, wenn er sich dem Schrein nähert. Am Eingang eines Schreins gibt es fließendes Wasser, das man mit einer Kelle schöpft und Hände und Mund reinigt; denn Böses tut man zumeist mit den Händen oder dem Mund. Handlungen, die der Moral widersprechen, werden nicht als Sünde, sondern als unrein verstanden. Daher ist ein reines, aufrechtes Herz gefordert. Shintoismus ist eng mit Konfuzianismus verbunden, so schon beim mythischen Urhaus, bei der Idee des Kaisertums und der Loyalität gegenüber dem Herrscher wie dem Vater, woraus sich auch die Samurai-Tugenden ergeben haben. Der Kaiserkult spielt seit dem Zweiten Weltkrieg keine staatstragende Rolle mehr, doch weht an jedem Shinto-Schrein eine japanische Flagge. Und das Kaiserpaar besucht jährlich regelmäßig den der Sonnengöttin geweihten Schrein in Ise, der auch bei Kaiserhochzeiten noch eine zentrale Rolle spielt.