Schöne Bescherung!

Anleitung für ein garantiert misslungenes Weihnachtsfest. Von Rudolf Gehrig

Kaputte Christbaumkugel mit Hammer
Kaputte Christbaumkugel mit Hammer Foto: (91654863)

In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten und Sie sind immer noch nicht in der richtigen Stimmung? Glauben Sie, dass dieser Artikel Sie nun retten wird? Nun ja. Wenn Sie sich in diesem Jahr Weihnachten so richtig vermiesen wollen, helfen Ihnen vielleicht die folgenden Ratschläge:

Wie in jedem Jahr kommt das Weihnachtsfest total überraschend. Sie können nichts dafür, wenn Sie die Geschenke erst in der letzten Sekunde einkaufen können. Hetzen Sie am kommenden Wochenende mit tausend anderen Menschen am Samstagnachmittag durch die Innenstadt, kämpfen Sie sich durch die verstopften Parkhäuser, fluchen Sie über die langen Schlangen an der Kasse, bis Ihnen der zwanzigste Laden mit seinem „Last Christmas“-Gedudel endgültig einen Nervenzusammenbruch beschert. Warum sich rechtzeitig darum kümmern? Ein Diamant entsteht auch nur unter großem Druck!

Überprüfen Sie, ob die Supermärkte Weihnachtsmänner verkaufen. Rufen Sie gegebenenfalls zum Boykott auf. Sie kämpfen für eine gerechte Sache, deshalb sorgen Sie dafür, dass Sie bei Ihren Wortgefechten mit der armen Verkäuferin im Fair-Trade-Laden möglichst geifernd und in einem triumphalistischen Gestus die Wirtschaftsbeziehungen des „Weihnachtsmannes“ (deuten Sie an dieser Stelle mit Zeige- und Mittelfinger die Anführungszeichen an) zum Brausehersteller Coca Cola offenlegen, dessen Ziel nicht nur die Gewinnmaximierung, sondern – wie Sie vermuten – auch die Zerstörung des christlichen Kulturguts ist. Jeder soll Ihnen ansehen, dass das bevorstehende Fest von der Geburt unseres Erlösers keineswegs dafür sorgt, dass Sie erlöster aussehen.

Als aufrechter Christ müssen Sie deshalb alle Veranstaltungen boykottieren, die das Label „Weihnachten“ führen, obwohl sie mit Ihrem (!) Fest zur Geburt Ihres (!) Erlösers nichts zu tun haben. Gibt es in Ihrer Stadt schon jetzt einen Weihnachtsmarkt, obwohl noch nicht einmal der Advent begonnen hat? Vielleicht verschafft ein saftiger Leserbrief oder eine konzentrierte Email-Aktion an den Oberbürgermeister Ihrem Ärger ein Ventil. Wird es nicht längst mal wieder Zeit für eine Online-Petition?

In manchen Städten heißen diese Märkte sogar „Wintermärkte“. Auch das kann selbstverständlich nicht akzeptiert werden. Es ist letztlich gleichgültig, ob gekränkte Moslems, voreilige Grünen-Politiker oder Ihre Beschwerdebriefe an den Oberbürgermeister für die Umbenennung verantwortlich sind. Nirgends zeigt sich der Verfall unseres christlichen Abendlandes so deutlich wie in den Weihnachtsmärkten, die vor Weihnachten stattfinden und in jedem „Wintermarkt“, der nicht „Weihnachtsmarkt“ heißt! Reiben Sie sich in längst verlorenen Scharmützeln auf, während die eigentliche Schlacht um den Bestand des Christentums längst woanders tobt! Glauben Sie mir, solange Sie mit aller Gewalt für den Erhalt dieser zweitrangigen Auswüchse des Kulturchristentums kämpfen, werden Sie zu beschäftigt sein, um sich mit den tiefer sitzenden Problemen der Verdunstung des christlichen Glaubens in Europa auseinanderzusetzen.

Da wir schon beim Thema „Etikettenschwindel“ sind: Nervt es Sie nicht auch, dass an Heiligabend plötzlich jene Leute auftauchen, die Sie das ganze Jahr über nicht sehen? Diese U-Boot-Christen haben – verschuldet oder unverschuldet – weniger vom Christentum verstanden als Sie. Das ist Ihnen bewusst. Doch es reicht nicht, wenn nur Sie das wissen. Zeigen Sie sich empört, wenn einer von ihnen Ihren „Stammplatz“ weggenommen hat („Also ich sitze jeden Sonntag hier!“). Suchen Sie während der Christmette immer wieder den strafenden Blickkontakt, wenn sich diese getauften Heiden an der falschen Stelle hinsetzen/hinknien/aufstehen. Vergeuden Sie nicht Ihre wertvolle Zeit damit, für all die verlorenen Schafe zu beten und sich gleichzeitig auch das eigene Fehlverhalten mal wieder vor Augen zu führen. Vermeiden Sie, dass durch einen allzu freundlichen Empfang und eine allzu festliche Stimmung während der Heiligen Messe bei diesen Menschen eine tiefere Sehnsucht nach Christus zum Vorschein kommt. Zeigen Sie stattdessen durch Ihr missmutiges, selbstgerechtes Auftreten, dass es keineswegs lohnenswert ist, an der gegenwärtigen Stellung etwas zu ändern: Diese getauften Heiden sollen ruhig getaufte Heiden bleiben und Sie bleiben weiter im elitären Club der Pharisäer.

Damit Heiligabend ein Reinfall wird, muss das Essen oberste Priorität haben. Notfalls muss einer aus Ihrer Familie während des Gottesdienstes zuhause bleiben, um sich darum zu kümmern. Selbstverständlich gilt diese Devise auch während der ganzen Vorbereitung auf Weihnachten: Kümmern Sie sich zunächst einmal um die ganzen Geschenke, das Essen und den Schmuck! Unser Gott ist ein geduldiger Gott, wenn Sie es nicht mehr rechtzeitig schaffen, sich auch geistlich-spirituell auf die Geburt Jesu Christi vorzubereiten, dann ist das eben so. Stellen Sie Ihr geistliches Leben hintenan! Die Rorate-Messe in der Adventszeit ist nicht verpflichtend, die Beichte auch nicht. Wenn Sie sich allerdings in der Christmette nicht blicken lassen, sind Sie Ortsgespräch. Zumindest diese eine lästige Pflicht müssen Sie also über sich ergehen lassen.

Wussten Sie, dass die Adventszeit früher 40 Tage lang war und als Fastenzeit galt? Zum Glück gibt es diese Regelung nicht mehr, denn wie sollen Sie bei den ausufernden Weihnachtsvorbereitungen auch noch Zeit finden für das Gebet, das Lesen in der Heiligen Schrift und für eine gründliche Weihnachtsbeichte? Reden Sie sich einfach ein, dass Ihre Arbeit für die Familie und für Ihre Gemeinde den Gottesdienst adäquat ersetzt. Außerdem soll sich „der da oben“ mal nicht so anstellen! Tun Sie das alles nicht auch irgendwie für Ihn? Immerhin setzen Sie einen Großteil Ihrer Energie für weihnachtsmannfreie Zonen und den Boykott von geschäftstüchtigen Weihnachtstrittbrettfahrern ein, wer soll da noch die Kraft haben für eine echte, innere Umkehr so kurz vor den Feiertagen?

Bleiben Sie daher auch in den kommenden Tagen – besonders an Heiligabend – in Kontakt mit Ihrem Chef, Ihren Kumpels und Ihren Facebook-Freunden. Vergessen Sie nicht, all Ihren Handykontakten Frohe Weihnachten zu wünschen und den Blick dabei starr auf dem Bildschirm gerichtet zu lassen, damit Sie von der Atmosphäre des erleuchteten Christbaums und der geschmückten Krippe nichts mitbekommen. Auf keinen Fall sollen Sie in irgendeiner Form zum Nachdenken kommen! Ihre Familie wird verstehen müssen, dass Sie auch an diesem Abend für andere da sein müssen. Schließlich könnte es passieren, dass unsere wunderschöne Erde auf einmal vergisst, wie man sich um die eigene Achse dreht. Für genau solche Notfälle sind Sie wie geschaffen.

Deshalb: Halten Sie Ihr Handy immer griffbereit! Es gibt nichts Schöneres, als einen schönen Moment deshalb zu verpassen, weil man damit beschäftigt ist, ihn auch möglichst schön auf seinem Handy festzuhalten. Sieht die Weihnachtsgans nicht köstlich aus? Ist es nicht süß, wie sich Ihr Kleiner mit dem Geschenkpapier abmüht? Gibt es etwas Wunderbareres als ein von Kerzenschein erleuchtetes Wohnzimmer? Denken Sie daran: Was Sie nicht mit Ihrer Handykamera festgehalten haben, wird Ihnen später auch keiner Ihrer Freunde glauben! Selbst ein verwackeltes, völlig unterbelichtetes Handyfoto ist besser als gar kein Foto.

Weihnachten ist das Fest des Friedens, das Fest der Liebe und der Besinnung! Haben Sie gehört? BESINNUNG!!! Sorgen Sie deshalb dafür, dass es unbedingt besinnlich wird, auch wenn Sie es über‘s Knie brechen müssen! Nutzen Sie die wenigen verbliebenen Tage vor Heiligabend, um sich selbst einen unheimlichen Druck aufbauen. Erwarten Sie von diesem Tag viel zu viel. Bestärken Sie sich selbst darin, dass Sie alleine dafür sorgen können, dass es in diesem Jahr zu keinem einzigen Streit kommen wird. Reagieren Sie überreizt, wenn vom Plätzchenteig verklebte Kinderhände, ein zu früh nadelnder Baum oder zerbrochene Christbaumkugeln die Harmonie durchbrechen. Unterstellen Sie Ihren Liebsten, dass sie den Weihnachtsfrieden mit Absicht stören wollen und schreiten Sie deshalb mit aller Härte ein, sobald es die ersten Anzeichen dafür gibt. Sie wären nicht die erste Familie, bei der an Heiligabend Geschirr zerbricht oder man sich mit den Worten anschreit: „Ihr sollt doch jetzt besinnlich sein!“

Es ist insgesamt also gar nicht so schwer, sich das Weihnachtsfest selbst so richtig zu vermiesen. Denn Weihnachten bietet ganz ähnliche Herausforderungen wie jede gewöhnliche Geburtstagsparty: Der Stress mit der Organisation, der Location, den Gästen, der eigenen Garderobe, dem Essen, den Geschenken und dem Partyschmuck. Da kann es durchaus passieren, dass der wichtigste Bestandteil dieser Feier dabei komplett vergessen wird: Das Geburtstagskind.