„Schock in Regierungskreisen“

Die Wahl Jorge Mario Bergoglios zum 266. Papst der katholischen Kirche löste in Lateinamerika ein begeistertes Medienecho aus – eine Presseschau. Von Andreas Drouve

Trinkt gerne auch mal einen Mate-Tee: Der frühere Erzbischof von Buenos Aires und neue Papst. Foto: KNA
Trinkt gerne auch mal einen Mate-Tee: Der frühere Erzbischof von Buenos Aires und neue Papst. Foto: KNA

Die Papstwahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio, sicher, sie kam selbst für Insider überraschend, doch das, was danach an medialem Echo in Lateinamerika einsetzte, überraschte nicht mehr. Es war eine Welle der Euphorie, die sich von Argentinien bis Venezuela, von Peru bis Paraguay in Analysen, Kommentaren und diversen Sonderbeilagen ausbreitete. Die Begeisterung wurde getragen von Gedanken der Identifikation mit den Ländern Lateinamerikas und ihren Menschen, von der Hoffnung auf Erneuerungen, mehr Transparenz, einer Abkehr von einem allzu konservativen Stil, einer größeren Volksnähe, einer stärkeren Hinwendung zu den Armen, zur Basis mit all ihren Bedürfnissen und Nöten. Argentinien und dem aktuell bekanntesten Argentinier fühlte man sich plötzlich vielerorts besonders nah – und wollte gleich ein Stückchein abhaben vom großen „Papstkuchen“. So unterstrich die in Paraguays Hauptstadt Asunción erscheinende „Color ABC“ auf ihrem Titelblatt nicht nur, dass dem neuen Pontifex der Ruf eines „einfachen Mannes“, „moderaten Reformers“ und „Versöhners“ anhafte, sondern auch, dass Paraguays Bischöfe ihn einladen würden, das Land im kommenden Juli zu besuchen.

„La Tercera“ aus Chile wertete die überraschende Wahl von Kardinal Bergoglio als „Anerkennung der neuen geografischen und demographischen Realität der Kirche“; immerhin leben über 40 Prozent aller Katholiken weltweit in Lateinamerika. Habe die Wahl von Benedikt XVI. noch ein Zeichen gesetzt, die Interessen in der „Alten Welt“ Europa zu stärken, wo man sich kulturell mehr und mehr von „christlichen Werten entfernt“, sei es nun an der Zeit gewesen, der Gewichteverlagerung zu entsprechen, hieß es in einem Kommentar, der das Zahlenwerk im Kontext von Geschichte und Gegenwart noch einmal vor Augen führte: „Zwei Drittel der 1,2 Milliarden Katholiken leben heute in Entwicklungsländern, was einen Wandel zu dem bedeutet, was früher Tradition besaß; vor einem Jahrhundert noch stammten 70 Prozent der Katholiken aus Europa und Nordamerika.“ Im jetzigen Szenario sei die Präsenz der Großregion Lateinamerika mit 425 Millionen Gläubigen so stark wie nirgendwo sonst auf der Erde. Papst Franziskus, so die Hoffnung, werde wohl den Ärmsten gesonderte Aufmerksamkeit schenken – und gleichermaßen den Autoritäten, die exzessiv ihre Machtstellungen ausnutzen.

Argentiniens meistgelesene Tageszeitung „Clarín“ stellte in Buenos Aires heraus, wie sehr Franziskus gleich an seinem ersten Tag als Papst die Welt mit seiner „Schlichtheit und Demut“ überrascht habe. „Die Kirche der fünf Kontinente und die Welt beginnen, den schnörkellosen Stil des Jorge Bergoglio zu entdecken“, so „Clarín“. Die Kirche habe einen „relevanten Wechsel im Profil ihres Lenkers“ vorgenommen. Ein Sonderbeitrag in „Clarin“ war Pfarrer José María Di Paola gewidmet, „Padre Pepe“ genannt, einem in sozialen Brennpunkten außerordentlich engagierten, langjährigen Weggefährten Bergoglios in der Diözese Buenos Aires. Di Paola bezeichnete den jetzigen Papst als seinen „spirituellen Vater“, mit dem er oft zusammen Mate-Tee getrunken habe, und unterstrich: „Er ist ein Hirte, der immer die Armen begleitet hat.“ Ebensolches sei nun weiter von ihm zu erwarten. Hinauszugehen und den Menschen zu begegnen, das sei sein Mantra, so „Clarín“-Kommentator Sergio Rubín, der gleich einen Vorschlag des vormaligen Kardinals an die Priester anfügte: in den großen Städten Garagen anzumieten, um dort Kapellen einzurichten, Menschen zu helfen. Der Zug des „bescheidenen Papstes“ bestimmte die Titelseite von „El Comercio“ aus Peru; zur Donnerstagsausgabe gehörte eine umfangreiche, kostenlose Beilage, die nicht nur die Beziehung des Papstes mit Peru ins Licht rückte. Zur Sprache kam gleichermaßen sein konfliktgeladenes Verhältnis in der Heimat mit den Kirchners, Argentiniens Staatschefs der letzten Jahre, zuerst Néstor, dann seine Frau, später Witwe, Cristina. Auflockernden Yellowpress-Charakter trug in „El Comercio“ eine Anekdote um die „Jugendfreundin“ des Papstes, wie immer sich dies definieren mag, wenn man kaum zwölf Jahre alt ist. Damals soll Jorge seiner verehrten Amalia gesagt haben: „Wenn ich dich nicht heirate, werde ich Priester.“ Tiefere amouröse Entwicklungen sollen letztlich Amalias Eltern verhindert haben ...

„El Mercurio“ aus Chile untermauerte auf der Titelseite des Papstes „soziale Besorgnis“ im Allgemeinen und die Nähe zu den Chilenen im Besonderen. „El Tiempo“ aus Bogotá, Kolumbien, wertete die Papstwahl als Einschnitt in die Geschichte. In Brasilien charakterisierte ihn „Folha de S. Paulo“ als „gemäßigten Konservativen“; eine Art Seitenhieb, dass die Wahl nicht auf den mitfavorisierten Brasilianer Odilo Pedro Scherer, den Erzbischof von Sao Paulo, gefallen war, war nicht zu bemerken. Da passte gut ins Bild, dass ihn die in der kommenden Weltjugendtags-Metropole Rio de Janeiro erscheinende „O Globo“ als „Papst der Amerikas“ titulierte.

„El Nacional“ aus Caracas, Venezuela, widmete dem neuen Oberhaupt der katholischen Kirche die Schlagzeile „Franziskus, ein machtkritischer Papst“; dieser sehe sich einer Kirche gegenüber, die durch Skandale und Polemik „kontaminiert“ sei. „El Observador“ aus Montevideo, Uruguay, gab dem Vizepräsidenten der uruguayischen Bischofskonferenz, Rodolfo Wirz, Raum, um zu untermauern, dass man sich vom neuen Papst – trotz seiner selbstredend universellen Haltung – neue Impulse für Lateinamerika erhoffe. Franziskus verstehe „von innen heraus die lateinamerikanische Wirklichkeit“ mit all ihren Schattierungen und Unterschieden, so Wirz. „El Observador“ versäumte es nicht zu unterstreichen, dass die Freude der argentinischen Gläubigen, die in den Straßen feierten und in Kirchen Kerzen anzündeten, mit dem „Schock in den Regierungskreisen“ um Präsidentin Kirchner kontrastierte. In diesem Zusammenhang erinnerte „La Prensa“ aus La Paz, Bolivien, daran, wie sehr Argentiniens Kirchenführung vor wenigen Jahren gegen das Gesetz zur Homo-Ehe und wie sehr Bergoglio für die „familiäre Einheit“ eingetreten war.

In den Zeitungen drangen immer wieder die zutiefst menschlichen wie sozialen Züge Bergoglios durch. „Der Pontifex fährt Metro und ist Fußballfan“, hieß es in einer Unterschlagzeile auf der Titelseite von „El Universal“ aus Venezuela. Und im genannten „El Observador“ brachte Guillermo Marcó, Ex-Sprecher Bergoglios zu Zeiten als Vorsitzender der Argentinischen Bischofskonferenz, zur Sprache: „Er besuchte Gefängnisse, er traf HIV-Infizierte. Er hatte diese pastorale Nähe, die ihn mit den Menschen zusammenbrachte.“ Und das sind gute Signale für die Zukunft.