Schmecke die Verschwendung!

Über die Hälfte der produzierten Lebensmittel weltweit landen im Müll, bevor sie auf den Teller kommen – behauptet der Dokumentarfilm „Taste the Waste“. Warum wir wieder mehr Achtung vor dem Essen brauchen, erklärt der Filmemacher selbst. Von Valentin Thur

Weil wir es gewohnt sind, zu jeder Zeit im Supermarkt die immer gleich vollen Regale vorzufinden, werden mehr Lebensmittel produziert, als verkauft – es entsteht Müll. Foto: dpa
Weil wir es gewohnt sind, zu jeder Zeit im Supermarkt die immer gleich vollen Regale vorzufinden, werden mehr Lebensmitt... Foto: dpa

Die Hälfte der Lebensmittel, die weltweit erzeugt werden, landet auf dem Müll. Eine erschreckende Zahl, die zeigt, wie sehr die Wertschätzung von Lebensmitteln gesunken ist. Seit 1974 hat sich der Müllausstoß noch einmal um fünfzig Prozent erhöht. Offenbar sind die Erfahrungen der Lebensmittelknappheit nach dem Krieg in Deutschland längst vergessen. Vorbei die Ermahnungen unserer Mütter und Großmütter, keine Reste auf dem Teller liegen zu lassen, während die Kinder in Afrika verhungern. Lebensmittel sind heute Massenware, die Discounter unterbieten sich im Preis. Im Supermarkt können wir uns zwischen über hundert Joghurtsorten entscheiden, eine Auswahl, die nur zu oft im Kühlschrank verdirbt.

Warum haben die Menschen die Wertschätzung für ihr Essen verloren? Das mag damit zusammenhängen, dass die Lebensmittel immer billiger werden. Heute geben wir nur noch knapp über zehn Prozent unseres Einkommens dafür aus. In den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren es noch 40 Prozent. In der Hektik des Alltags kaufen viele nur noch einmal in der Woche ein: Am Samstag wird der Kühlschrank vollgestopft, aber in den nächsten Tagen kommt man erst spät nach Hause oder entscheidet sich spontan, doch einmal essen zu gehen. Und schon verkommt ein Teil der Waren. Wir sind es gewohnt, im Supermarkt zu jeder Tages- und Jahreszeit alles zu finden, was wir benötigen: Erdbeeren im Dezember und frisches Brot bis in die Nacht. Das sorgfältig arrangierte Überangebot verführt uns, mehr zu kaufen, als wir letztendlich verarbeiten können. Vieles wandert vom Kühlschrank direkt in den Mülleimer, ohne dass es überhaupt auf den Tisch gekommen ist. Weil es schnell gehen muss, greifen wir gern zu vorgefertigtem Convenience Food mit geringer Haltbarkeit. Das, was von den vorportionierten Mengen übrigbleibt, wird entsorgt. Denn viele von uns haben verlernt, wie wir aus den Resten einer Mahlzeit ein neues Essen zaubern können.

Es gibt für Deutschland keine einzige wissenschaftliche Untersuchung über den Anteil an Lebensmittelabfällen im häuslichen Müll. Aber Zahlen aus dem Ausland geben eine Größenordnung an, die auch für Deutschland gelten dürfte: Felicitas Schneider vom Institut für Abfallwirtschaft in Wien fand heraus, dass pro Haushalt und Jahr Nahrungsmittel im Wert von 400 Euro durchschnittlich weggeworfen werden. Ein Großteil davon, bevor sie überhaupt Zeit hatten, schlecht zu werden.

Doch die Verschwendung beginnt bereits früher in der Versorgungskette: Die meisten Lebensmittel landen auf dem Müll, bevor sie überhaupt den Endverbraucher erreichen. Eigentlich müsste der Handel schon aus rein betriebswirtschaftlichen Gründen daran interessiert sein, die Verschwendung zu begrenzen. Doch um den Käufern die immer gleichen, perfekt aussehenden Produkte anbieten zu können, wird besonders bei frischer Ware kräftig aussortiert. Sobald ein einzelnes Blatt faulig ist, wird der ganze Salat weggeworfen. Wenn nur ein einziger Pfirsich schimmelt, wird der Rest der Packung gleich mit entsorgt. Die Arbeitszeit der Angestellten darauf zu verwenden, einzelne Obst- und Gemüsestücke auszusortieren, ist offenbar für den Händler zu teuer.

Milch- und Käseprodukte werden zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus den Regalen entfernt und weggeworfen. Das meiste davon wäre noch gut genießbar, auch über das Datum hinaus. Eine einfache Prüfung – schauen, riechen, schmecken – würde reichen, doch viele trauen sich das nicht mehr zu. Was fast kein Verbraucher weiß: Das Datum wird von den Herstellern selbst aufgedruckt, nicht von einer Behörde. Unter dem Vorwand des Verbraucherschutzes werden die Haltbarkeitsfristen immer kürzer. Doch in Wirklichkeit geht es nicht um Haltbarkeit. Schon der Begriff ist irreführend! Um Haltbarkeit geht es nur bei Fleisch-, Fisch- und Eiprodukten, da ist das „Verbrauchsdatum“ aus hygienischen Gründen unbedingt zu beachten. Aber das Mindesthaltbarkeitsdatum, das auf allen anderen Produkten steht, garantiert nur bestimmte Eigenschaften des Produktes. Zum Beispiel, dass ein Joghurt cremig bleibt. Nach Ablauf ist ein Joghurt meist noch tagelang einwandfrei für den Verzehr geeignet, es kann nur geschehen, dass sich etwas Molke oben absetzt. Einmal durchrühren und der Joghurt wäre wieder so cremig wie zuvor.

Eine Supermarktkette in den Niederlanden hatte kürzlich eine geniale Idee: Kunden, die ein Produkt mit einer Ablauffrist von unter zwei Tagen im Regal entdecken, dürfen ihren Fund umsonst mitnehmen. Ein origineller Einfall, der die Optik umdreht: Die Kunden suchen nicht mehr nach Produkten mit möglichst langem Haltbarkeitsdatum, sondern sie machen es sich zum Sport, Lebensmittel mitzunehmen, die sonst mit großer Wahrscheinlichkeit vernichtet worden wären. Hierzulande sind solche Ideen noch nicht verbreitet. Einige Supermärkte reduzieren immerhin die Preise für Waren kurz vor Ablauf oder mit leichten Beschädigungen. Die meisten Händler aber scheuen das Verramschen, weil sie befürchten, sich damit die Preise kaputtzumachen.

Auch in Zeiten der Krise scheint es für die durchaus scharf kalkulierenden Unternehmen rentabler zu sein, Überschuss für die Mülltonne zu produzieren. Denn schlimmer als Wegwerfen ist es, Kunden an die Konkurrenz zu verlieren. Angesichts des immensen Wettbewerbsdrucks des Lebensmittelhandels ist das Risiko hoch. Die Befürchtung: Kunden könnten wegbleiben, weil sie nicht zu jeder Tageszeit die gesamte Produktpalette angeboten bekommen.

Ein besonders dramatisches Beispiel ist das Brot. Kein anderes Produkt wird in so großen Mengen weggeworfen. Eine Durchschnitts-Bäckerei wirft zehn bis 20 Prozent ihrer Tagesproduktion weg und liefert den Ausschuss im besten Fall an eine Tafel oder einen Tierfutterhersteller. Mit ein Grund für das Wegwerfen: Wenn ein Bäcker am späten Nachmittag nur noch ein reduziertes Angebot hat, geht der Kunde lieber zur Konkurrenz, wo er sein Lieblingsbrot noch findet. Weil es der Verbraucher gewohnt ist, bis Ladenschluss das komplette Angebot an Brot und Backwaren vorzufinden, wird also mehr produziert als notwendig.

Die Verschwendung ist immens – jährlich werden in Deutschland 500 000 Tonnen Brot weggeworfen. Damit könnte ganz Niedersachsen versorgt werden. Das System der Verschwendung fängt bereits auf dem Acker an. Das liegt vor allem an den Normen des Handels, die Form, Farbe und Größe von landwirtschaftlichen Erzeugnissen bestimmen. Viele denken bei Normen in erster Linie an die übertriebene Bürokratie der Europäischen Union. Das bekannteste Beispiel ist die Gurke, deren Krümmung bis 2009 von der EU normiert wurde. Doch als Brüssel die Gurken-Norm abschaffte, hat der Handel die alten Standards einfach behalten. Auch heute gibt es keine krummen Gurken im Supermarkt. Denn es ist für den Transport und die Lagerung praktischer, wenn die Gurken schön gerade sind und dieselbe Länge haben. Den Verbrauchern wäre es eigentlich egal, sie würden auch krumme Gurken kaufen.

Bei optischen Macken ist es etwas anderes: Wir sind inzwischen gewohnt, dass das Obst und Gemüse im Supermarkt perfekt aussieht. Äpfel mit etwas Schorf, Bananen mit braunen Flecken, unhandlich verzweigte Karotten – das würde im Supermarkt liegenbleiben. Die Städter wissen gar nicht mehr, wie unterschiedlich die Früchte auf dem Feld wachsen. Auch in der Größe: Wir sind es gewohnt, dass wir Äpfel oder Kartoffeln immer in der gleichen Größe angeboten bekommen. Was nicht in das Raster passt oder kleine Macken hat, bleibt direkt auf dem Feld liegen. Bei Kartoffeln sind es in der Regel vierzig bis fünfzig Prozent der Ernte.

Die Handelsnormen haben nichts mit der Ernährungsqualität oder dem Geschmack der Lebensmittel zu tun, es geht nur um die Optik. Auf dem globalisierten Markt, auf dem Produkte oft über mehrere Kontinente hinweg gekauft werden, erleichtern die Normen dem Handel außerdem, Produkte unbesehen zu bestellen. So weiß er genau, was er zu erwarten hat. Doch das, was nicht in diese Norm passt, kann der Landwirt bestenfalls noch auf einem lokalen Wochenmarkt verkaufen, das meiste aber muss er aussortieren.

Die Mechanismen, die bei uns zur Verschwendung führen, können anderswo auf der Welt das Hungerproblem verschärfen – in den Ländern, die uns mit Lebensmitteln beliefern, sogar in doppelter Hinsicht. Auf der einen Seite können die Landwirte aufgrund der Handelsnormen nicht die ganze Ernte nutzen, so wird etwa ein Zehntel der Bananenernte schon auf der Plantage aussortiert. Auf der anderen Seite sorgen wir durch das Wegwerfen hier bei uns für einen Preisdruck auf dem Weltmarkt. Denn wenn wir mehr konsumieren, wenn auch zum Teil nur für die Mülltonne, steigt die Nachfrage und damit der Preis. Die Preise für Getreide wie Weizen, Mais und Reis werden heute weltweit von den Börsen bestimmt. Gerade im Moment gibt es wieder einen Getreideboom an den Börsen, der dafür sorgt, dass sich Menschen in ärmeren Ländern die Grundnahrungsmittel kaum mehr leisten können.

Es geht nicht um Verzicht. Es geht um mehr Effizienz, und um ein Bewusstsein dafür, dass Mechanismen, die für einzelne Unternehmen rentabel sein mögen, volkswirtschaftlich gesehen katastrophal sind. Die Verschwendung von Essen ist auch eine Verschwendung von kostbaren menschlichen und natürlichen Ressourcen. Lebensmittel werden mit einem enormen Energieaufwand erzeugt. Das Stockholm Water Institute errechnete, dass ein Viertel des gesamten Wasserverbrauchs der Erde für die Produktion derjenigen Lebensmittel vergeudet wird, die schließlich vernichtet werden.

Katastrophal sind auch die Folgen für das Weltklima, denn ein Drittel der Klimagase werden von der Landwirtschaft produziert. Die Forscher des Stockholm Water Institute gehen davon aus, dass weltweit etwa die Hälfte der landwirtschaftlichen Erzeugnisse auf den Müll landet. Konkret heißt das, dass zwischen 15 und 20 Prozent der Klimagase bei der Produktion unseres Lebensmittel-Mülls entstehen. Das ist mehr als der gesamte Ausstoß des weltweiten Transportsektors. Diese Größenordnung wurde bisher unterschätzt. Sicher kann man die Abfälle nicht auf Null herunterfahren, aber eine Halbierung des Lebensmittel-Mülls wäre durchaus im realistischen Bereich. Ohne große Einbußen beim Lebensstandard könnten wir damit etwa ebenso viele Klimagase einsparen, wie wenn wir jedes zweite Auto stilllegen würden.

Es gibt viele hoffnungsvolle Ansätze: Immer mehr kaufen bewusst regionale Produkte, das verringert die Abfallmengen beim Transport. Aber noch viel wichtiger: Wer auf dem Wochenmarkt einkauft, beäugt die Ware weniger kritisch als im Supermarkt. Wer ein Gemüseabo bestellt, lernt flexibel zu kochen – er muss seine Mahlzeiten aus den Zutaten zaubern, die die Felder im Moment gerade hergeben.

Die „Community Supported Agriculture“ in den USA geht noch einen Schritt weiter und verzichtet komplett auf jeden Zwischenhandel. Das Modell ist simpel, aber revolutionär: Eine Kooperative von Verbrauchern nimmt direkt einen oder mehrere Landwirte unter Vertrag und wird dafür regelmäßig mit frischen Produkten aus ökologischem Anbau versorgt. Der Landwirt kann genau kalkulieren, wie viel er jede Woche ernten muss, und der Rest bleibt dort, wo er am frischesten gelagert werden kann: unter der Erde.

Aber auch die Supermärkte könnten ihre Müllmengen reduzieren, einfach indem sie ihr Angebot an frischen Produkten gegen Abend oder am Wochenende etwas ausdünnen, sodass am Ende weniger übrigbleibt. Handelsketten könnten die Verringerung der Lebensmittel-Abfälle als Unternehmensziel festschreiben und ihre Kunden damit überzeugen, dass es im Sinne des Klimaschutzes und als Beitrag gegen den Welthunger geschieht. Solange es für den Handel rentabler ist, Ware wegzuwerfen, anstatt ihren Preis kurz vor Ablauf herunterzusetzen, wird er es auch tun. Deshalb müsste die Politik Anreize schaffen, damit die Unternehmen die wertvollen Lebensmittel wenigstens der lokalen Tafel spenden oder an Kunden oder Mitarbeiter verschenken, anstatt sie in die Mülltonnen zu stopfen.

Hintergrund

Valentin Thurn hat den 88-minütigen Dokumentarfilm „Taste the Waste. Die globale Lebensmittelverschwendung“ (Buch und Regie) unter anderem in Zusammenarbeit mit dem WDR und NDR gedreht, der Ende August, Anfang September in die deutschen Kinos kommt. Auf der gerade zu Ende gegangenen Berlinale 2011 wurde er im Rahmen des „Kulinarischen Kinos“ gezeigt und sorgte für Aufsehen und Diskussionen. Der Film will dokumentieren, warum bei uns die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen werden, bevor sie überhaupt den Verbraucher erreichen und welche Folgen das für das Klima und die Ernährung von sieben Milliarden Menschen hat. Zeitgleich zum Kinostart des Films erscheint von Valentin Thurn und Stefan Kreutzberger das Buch „Die Essensvernichter – Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer daran verdient“ (Kiepenheuer und Witsch). Eine kürzere Fassung des Films wird auf dem evangelischen Kirchentag im Juni in Dresden vorgestellt. Um die Thematik auch in der katholischen Kirche zu verankern, sucht Thurn dort noch nach Kooperationspartnern. DT/sei

Infos und Kinodaten des Films

unter www.tastethewaste.com