„Schlechtes Karma abarbeiten“

„Change“, das neue Magazin der Bertelsmann Stiftung – Aber das Glaubensbedürfnis Jugendlicher wird in Sprachschablonen gepresst

Gewiss ist es ungerecht, immer und überall an einen farbigen Präsidentschaftsbewerber zu denken, sobald das eine Wort, aus dem dessen Kampagne besteht, sein Haupt erhebt: „change“. Will nicht jeder Mensch grundsätzlich einen Wandel, einen Wechsel, eine Änderung, um voranzukommen? Ist es nicht auch der Wirtschaft höchstes Begehren, sich und ihre Produkte stets neu zu erfinden? Will Religion etwas anderes als Umkehr? Darum konnte das frisch aus der Taufe gehobene „Magazin der Bertelsmann Stiftung“ nur diesen Namen tragen. Die Bertelsmann Stiftung ist schließlich die denkbar größte Schnittmenge von Politik, Sendungsbewusstsein, Marktmacht und Kulturprotestantismus.

„Change“ beginnt auch insofern dramatisch programmatisch, als die allererste Ausgabe im Zeichen einer Aussage steht, die andernorts nur als Frage statthaft wäre: „Der Glaube macht uns stark. Wie Menschen in aller Welt Religiosität leben.“ So steht es auf dem Titel, darunter lächeln uns zwei Mädchen entgegen, die sich zum Lächeln in eine barocke Kirchenbank gesetzt haben. Das fotographisch vermittelte Motto ist jenes vom neuen Geist in alten Räumen. Diese Bringschuld hat jede medial zugespitzte Religiosität zu erfüllen: Die Neuheit, lernen wir erstens, muss man ihr an der Nasenspitze ansehen – und damit die Marktgängigkeit.

Folgerichtig verweist die „Leiterin Kommunikation“ in ihrem Vorwort auf den „ganz besonderen Gottesdienst“ Hamburger Jugendlicher, jeden Sonntag im Gotteshaus „Michel“, und auf den „sympathischen Abtprimas Dr. Notker Wolf“, einen „begeisterten Rockmusiker mit durchaus weltlichen Ansichten“, der offenbar nebenbei auch „das Oberhaupt der Benediktiner weltweit“ ist. Die zweite Lektion, die „Change“ uns erteilt, lautet ergo: Religion wird zur Nachricht, wenn sie sich auf die Welt zubewegt.

Worin besteht das rühmenswert Weltliche an Wolfs Ansichten? Und was macht die jugendliche Religionsausübung so besonders, also berichtenswert? Wolf, lesen wir in einem zehnseitigen Beitrag mit 15 Bildern, sei „streitbar“ und habe „seine E-Gitarre immer im Gepäck“. Beides mag stimmen, ist aber neu dann doch nicht. Kaum ein deutsches Magazin hat in jüngster Vergangenheit darauf verzichtet, ihn genauso zu porträtieren, als einen streitbaren Mönch mit E-Gitarre. Wolfs weltliche Konfliktfreude wird belegt durch die Zitate, die Deutschen seien „total intellektualisiert“ und zugleich ein „Volk voller Selbstmitleid“. Auch die Religion selbst wird im Modus des Abweichenden präsentiert. Wer in Wolfs „blitzgescheite blaue Augen schaut, seinem Lachen und seinen Geschichten lauscht, der denkt niemals wieder an kalte Kirchengänge und strenge Glaubensregeln. Nur noch an Gott und Güte“. Lektion Nummer drei: Thema ist Religion, sofern sie menschelt, institutionenkritisch gedeutet werden und das Christentum meinen kann, ohne die Worte „Jesus“ oder „Christus“ zu verwenden. Wo Güte, da Gott.

Auch die „pfiffigen Kids“, die sich in Hamburg zur „Praytime“ einfinden, darunter das Mädchenpärchen von der Titelseite, sind „richtig gut drauf und gespannt auf biblische Geschichten“. Das Besondere dieses Gottesdiensts ist seine Gestalt. Man sitzt im Kreis, redet mit dem Pastor über Gott und die Welt, Tee und Kekse werden gereicht. Alles andere als neu sind hingegen die Sprachschablonen, in die die Journalistin das Glaubensbedürfnis der Jugendlichen presst. Nicht nur „richtig gut drauf“ sind diese, sondern offenbar tatsächlich fromm – der Absicht und vielleicht dem Handeln nach. Julius (16) mag dem Wirken Jesu keine Grenzen setzen, „wenn er der Sohn von Gott ist, dann kriegt der das schon hin“. Und in jedes Lehrerzimmer sollte man die Erkenntnis der Berufsschülerin Janin hängen: „Der Religionsunterricht ist meistens keiner. Dort wird über alles Mögliche geredet, nur nicht über Religion.“ Lektion Nummer vier: Die Grenzen der journalistischen Sagbarkeit sind da erreicht, wo aus Religion Glauben wird und aus der Frage nach Gott jene nach dem Gottesbild.

Weil die Erstausgabe von „Change“ auch den Zweck hat, den „Religionsmonitor 2008“ der Stiftung im Gespräch zu halten, kommt Projektleiter Martin Rieger zu Wort. Der Philosoph und Theologe, promoviert mit einer Arbeit über „Liturgie und objektive Theologie“, urteilt zu den Ergebnissen aus Deutschland: „In der jüngsten Altersgruppe, der 18- bis 29-Jährigen, übersteigt mit 60 Prozent der Anteil derjenigen, die an Gott oder an ein ewiges Leben glauben, den der ältesten Altersgruppe. Das hat mich überrascht.“

Ob des internationalen und multireligiösen Zuschnitts der Befragung beschließen 17 Statements von nichtchristlichen Gläubigen den Schwerpunkt dieser Premiere. Eine junge Berliner Jüdin kann sich einen „nichtjüdischen Ehemann gar nicht vorstellen. Das wäre zu extrem“. Ein Hindu-Priester aus Hamm glaubt an viele Götter, „doch über allem steht nur ein einziger Gott, ein Gott für alle Menschen“. Eine Hamburger Buddhistin kam zu ihrer Philosophie, weil sie die Vorstellung, durch schwere Krankheiten ließe sich „schlechtes Karma abarbeiten“, bei der eigenen Erkrankung tröstete. Ein Duisburger Moslem erklärt, ohne sich des dünkelhaften Untertons bewusst zu werden, Weihnachten sei „vor allem für Kinder“, er feiere den Ramadan. Eine weitere Berliner Jüdin erklärt zur Frage einer Theodizee nach der Shoah: „Jedesmal, wenn ein Mensch stirbt, vergießt Gott eine Träne in einen Krug. Erst wenn dieser Krug voll ist, kommt die Erlösung.“

Den „Change“, den die Bertelsmann-Stiftung sich auf die eigene Fahne schreibt, demonstriert und destruiert sie. Wahrlich keine Novität ist der schnoddrige Tonfall, ebensowenig das Beharren auf einem stark individualistisch geprägten Religionsbegriff, der mitunter in spirituellen Pragmatismus ausschlägt – Glaube, das gönn' ich mir. Gut abgehangen sind auch manche Themenbausteine von rockenden Mönchen und coolen Kids. Andererseits wird der Glaube, getreu dem Titelmotto, durchweg als Kraft präsentiert, die Gutes will und Gutes schafft. „Extrem“ ist hier einmal nur die Chiffre für eine gemischtreligiöse Ehe. Ob die Bertelsmann Stiftung damit aber das Zeitalter einer neuen, unvoreingenommenen Neugier auf Religion und Glaube einläutet oder schon dessen Abgesang liefert, wird sich zeigen.