Richtige Bildung muss ins Leben führen

Der Religionspädagoge Professor Matthias Scharer, Leiter des Instituts für Praktische Theologie an der Universität Innsbruck, über die Spiritualität in der Schule

Wodurch ist die postmoderne Schule in Ihren Augen gekennzeichnet?

Die Schule muss bestimmten gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen. Diese kommen zunehmend aus dem Markt oder aus der Wirtschaft. Das gilt für Schule und Erwachsenenbildung in ähnlicher Weise. Konkurrenz und Rivalität kommen mehr als bisher in das Bildungssystem. Es scheint sich alles nach dem amerikanischen Modell zu entwickeln. Hier zählt: Welche Schule oder welches College haben Sie besucht?

Die Marktlogik entscheidet?

Bildung an sich hat keinen unmittelbaren Nutzen. Funktioniert die Schule vorwiegend nach der Marktlogik, werden Bildungsgüter vergleichgültigt. Begegnung findet nicht statt, Bildung wird konsumiert. Konkurrenz, Konsum, Marktlogik – das sind wohl die Schlagwörter, die die postmoderne Schule kennzeichnen. Je jünger die Kinder sind, desto problematischer wirkt sich diese Marktlogik aus. Die Einengung auf die Berufskarriere ist außerdem nicht sinnvoll. Bildung braucht Überschuss und Querdenken und kann nicht nur zielgerichtet sein.

Lässt sich mit Spiritualität ein Gegengewicht zu dieser Marktlogik schaffen?

Ich habe ein sehr offenes Spiritualitätsverständnis. Spiritualität bedeutete früher „Frömmigkeit“. Heute wird Spiritualität oft mit dem ebenfalls unpräzisen Begriff „Religiosität“ gleichgesetzt. Der Begriff Spiritualität bekam dadurch Bedeutung, dass das religiöse Feld plural und individualisiert erscheint. Das konfessionelle Denken hat abgenommen. Auch sind manche Funktionen von Religion abgewandert in andere Bereiche, etwa in die Kunst oder die Musik. Der Spiritualitätsbegriff fängt alle diese Bewegungen auf. Jeder hat seine ganz persönliche Spiritualität. Der Begriff der Spiritualität ist also sehr weit und ungenau. Die Hinwendung zur Spiritualität ist oft verbunden mit einer Abkehr von der traditionellen Religion oder Konfession. Was aber bedeutet Spiritualität wirklich? Im Wort Spiritualität steckt das lateinische Wort für Geist: Spiritus. In der deutschen Sprache wird das Wort Geist in der Regel mit Denken und Wissen verbunden. Aber die Spiritualität reicht viel tiefer. Im Englischen unterscheidet man zwischen „spirit“ und „mind“. Mind hat mit Wissen zu tun. Spirit mit einer anderen Seite des Menschen: Als Verbum bedeutet spirit: erregen, begeistern, aufmuntern; als Substantiv geht es um Geist, Seele. Geist, Spiritualität im Zusammenhang mit dem Leben, berührt sich mit Bildung. Der Sinn von Bildung kann ja nur sein, darin kundig zu werden, was ins Leben hineinführt; und zwar in einer sehr elementaren Weise. So stehen Geistwirken, Geistbegabung und Bildung in einer inneren Verbindung. Es kann also Bildungsinstitutionen geben, die geistlos sind, weil sie nicht ins Leben führen.

Wie kommen Bildung und Geist zusammen?

Wenn es in einer Schule nur um totes Sachwissen ginge oder nur um die Routine des Schulbetriebes, dann fehlt der gute Geist. Richtet sich Bildung primär am Markt oder an den modernen Medien aus, so muss man sich fragen, ob der Geist des Marktes und der modernen Medien ins Leben hineinführt. Ein Kriterium der Unterscheidung könnte sein: Können mit der Bildung, die in der Schule vermittelt wird, die vielfältigen Probleme auf dieser Erde, etwa die Gewalt, das Elend und das Leid, gelöst oder zumindest verbessert werden? Wenn man Spiritualität und Bildung oder Schule in Beziehung setzt, dann geht es um die Ausrichtung, die grundsätzliche Orientierung. Dabei muss auf besondere Geistträger gehört werden. In der Bibel nennt man sie die Propheten, die oft auch institutionskritisch waren.

Ist Gott in der Schule mit im Spiel und ist die Schule ein theologisch-spirituell bedeutsamer Ort?

Aus den vorangehenden Überlegungen ergibt sich: Gott, der Leben und Beziehung ist, ist auf jeden Fall dort im Spiel, wo in Bildungsprozessen Leben und Beziehung im Mittelpunkt stehen. Eine andere Frage ist, ob in der Schule explizit von Gott gesprochen werden darf oder gar gesprochen werden soll. Das ist für die postmoderne Schule eine heikle Frage. Denn die Gottesfrage wird speziell in unseren mitteleuropäischen Gesellschaften in das Privatleben verwiesen. Es herrscht eine Trennung von Religion und Öffentlichkeit. Die Frage aber ist: Wie geht ein Schüler oder ein Lehrer mit seiner Gläubigkeit um? Geben sie ihren Transzendenzbezug an der Schultüre ab? Je jünger Kinder sind, desto weniger ist dies überhaupt möglich. Auch durch das Verhalten von Lehrern kann Glaube in die Schule hineinwirken. Insofern ist Schule ein Ort, wo Glaube eine Rolle spielt.

Ist staatliche Neutralität ein Hindernis?

Besonders Menschen aus anderen Kulturen und Religionen machen uns darauf aufmerksam, dass die religiöse Neutralität des Staates, zu der ich mich selbstverständlich bekenne, nicht dazu führen darf, dass Religion ausschließlich in den Privatbereich von Menschen abgedrängt wird. Das wäre im Grunde unmenschlich, weil die Religion, der Glaube, die Weltanschauung, die tiefen Überzeugungen unmittelbar zum Menschen gehören und gerade im Bildungsbereich nicht wegrationalisiert werden dürfen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass wir Religion schon deshalb wieder mehr in die Bildung mit einbeziehen müssen, weil nur der Religionsdialog das Überleben der Menschheit sichert. Das sehen wir am Verhältnis von Christentum und Islam. Nur ein religionsdialogisch offenes Verhältnis, in dem jeder die eigene Überzeugung frei vertreten und leben darf, führt in die Zukunft. Ohne Frieden zwischen den Religionen gibt es keinen Weltfrieden. Für diesen Frieden kann und muss die Schule ihren Beitrag leisten. Wir haben in Österreich eine längere Erfahrung mit dem muslimischen Religionsunterricht, der bei uns selbstverständlich und noch aus Zeiten der Monarchie gesetzlich klar verankert ist. Gott leuchtet in der Schule auf, wo lebensfördernde Beziehung und Begegnung gelingt. Das heißt aber, es muss Leerstellen im Schulalltag geben, in denen sich das Leben zeigen und entfalten kann.

Muss Spiritualität nur auf den Religionsunterricht beschränkt sein?

Natürlich nicht. Guter Religionsunterricht hält die Erinnerung wach, dass Schule nicht der Zwecklogik verfallen darf, weil sie ansonsten unmenschlich wird. Die Praxis von Religion, also das Miteinander-Feiern, das offene Kommunizieren, das existenziell bedeutsame Bedenken von Traditionen, wie das etwa in der Auseinandersetzung mit biblischen Texten geschieht, unterbrechen die Schulroutine und Effizienzlogik. Zwar kann in diesem Zusammenhang auch Religionskunde eine gewisse Berechtigung haben; aber sie kann den von den Religionsgemeinschaften verantworteten Religionsunterricht, der in die existenzielle Erfahrung und Auseinandersetzung mit Religion führt, nicht ersetzen. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Erfahrung und Auseinandersetzung mit gelebter Religion in der Schule.

Eine spirituelle Schulkultur – wie stellen Sie sich das vor?

Die Grundfrage ist: Ist Schule ein Ort, wo man leben kann? Ist hier Kultur, die ins Leben führt, oder kann man in der Schule nur überleben? Zu einer Lebenskultur könnte gehören: ein Morgenkreis, ein gemeinsames Frühstück, Haustiere, Ruheräume und Rückzugsmöglichkeiten; Orte und Zeiten, in denen Schüler und Lehrer auf ihre eigene innere Stimme hören können. Das ist für mich Schule als spiritueller Ort. Spirituelle Schulkultur hat auch mit Ehrfurcht vor dem Leben und dem Lebendigen zu tun. In Indien habe ich erlebt, wie ehrfurchtsvoll Kinder und Jugendliche mit Büchern umgehen. Im Buch manifestiert sich Tradition. Wie lernt ein Jugendlicher oder ein Kind bei uns, mit Büchern umzugehen? Kann man zu Schulbüchern überhaupt eine Beziehung aufbauen? In der Freinet-Pädagogik etwa lehnt man Schulbücher ab, weil sie ein Zusammenschnitt von Allem und Jedem sind. Man arbeitet lieber mit Originalen. Ein interessanter Gedanke.

Welche spirituellen Praktiken sind für Schulen geeignet?

Ich komme nochmals auf meine Erfahrung in Indien zurück. Ich denke an ein Projekt für ausgestoßene Frauen und deren Kinder. 120 Kinder aus unterschiedlichen Religionen (Hindus, Muslime oder Christen) zwischen vier und zwölf Jahren leben hier. Morgens versammeln sie sich im offenen Pausenraum. Da ist richtig was los. Ich saß mittendrin. Aber plötzlich wurde es still. Eine Lehrerin gab eine ganz einfache Atemübung vor. Die Kinder schlossen die Augen und hörten auf ihren Atem. Und dann betete jedes Kind in seiner eigenen Religion. Das war ein besonderes Erlebnis für mich. „Das hat etwas mit der friedlichen Zukunft zwischen den Religionen zu tun“, schoss es mir durch den Kopf. Raum für: Atemholen, Sich-Spüren, Stille, Innehalten und individuelles Gebet.

Wie interessiert sind Eltern wirklich an der Schule? Oft treiben sie die Lehrer sogar in den Effizienzwahn hinein.

Bei den Schülern hängt das sehr vom Alter ab. In der Grundschule lernen die Kinder in der Regel noch gerne. Der Schulfrust beginnt mit 13; in den oberen Klassen wird es wieder anders. Diesen unterschiedlichen Phasen müsste man mehr Rechnung tragen. Hartmut von Hentig schlug vor, die Schüler in der 7./8. Klasse für ein Jahr im Sozialbereich arbeiten zu lassen, also die Schule für ein Jahr zu unterbrechen. Die Schüler kommen aus dieser Erfahrung aus einem anderen Lebenskontext völlig verwandelt zurück.

Wovor sollten Lehrer und Schüler Ehrfurcht haben?

Vor dem Leben, das heißt für mich auch vor Gott – vor dem Leben in anderen und in mir.

Wo sehen Sie sündhafte Strukturen in der Schule?

Da, wo es gegen das Leben geht.

Wie wird mit Konflikten in der Schule umgegangen? Sind sie wichtig?

Die Authentizität des Lehrers in Konflikten ist wichtig. Negative Gefühle sollten nicht ausgeschlossen werden. Der Lehrer sollte seine Gefühle und seine Verletzung zeigen. Die völlige Unterdrückung von Gefühlen führt zur Distanz zwischen Menschen und ist auch eine Art von Gewalt. Wenn man Gefühle zeigt, entsteht Kommunikationssicherheit. Sich in prekären Situationen zu verschließen, macht die Sache nicht besser. Anfänger-Lehrer gehen manchmal in eine Art symbiotische Beziehung mit ihren Schülern und die Gegenreaktion, wenn die Beziehung zu eng wird, ist nicht selten die Distanz. Am besten ist es, man arbeitet an der heißen, lebendigen Grenze zwischen Lehrern und Schülern entlang. Als lebendiger Lehrer ist man das Medium im Unterricht. Hilfreich ist alles, was dem Lehrer hilft, sich besser auszudrücken in der Sache oder als Person. Lehrer, die begeistert sind, hinterlassen bei Schüler grundsätzlich einen guten Eindruck.

Religionslehrer haben oft Disziplinschwierigkeiten, denn ihr Fach wird nicht richtig ernst genommen. Welche Tipps würden Sie diesen Lehrern geben?

Ein Religionslehrer sollte auch andere Fächer unterrichten, sonst brennt er aus. Man braucht auch einen Ausgleich durch Gemeindearbeit oder Erwachsenenbildung. Ein Leben lang Lehrer sein ist sowieso kein gutes Modell. Hier sollten mehr Möglichkeiten für Lehrer geschaffen werden, in einen Bildungs- oder Seelsorgebereich außerhalb der Schule umzusteigen. Dazu kommt: Religionslehrer müssen sehr gut ausgebildet und fähig sein. Aber die Freiheit in der Gestaltung des Unterrichts, die ein Religionslehrer hat, ist großartig. Man muss sie nur nutzen.