Rhetorik verliert ihre stabilisierende Kraft in der Öffentlichkeit

Die Kunst des Redens gehörte zu den wichtigsten Gütern des Abendlands – Heute dient sie nur noch dem optimierten Auftritt von Politikern und Funktionären

Rhetorik ist eine der ältesten geistigen Disziplinen der abendländischen Kulturgeschichte. In der Antike und im Mittelalter war sie ein geschätztes Fach an den Universitäten. Sie war nicht nur eine Art Vorschule für die Studenten und hatte nicht nur die Funktion, die Beredsamkeit zu schulen, sondern sie stellte den Menschen ein wichtiges Werkzeug zur Verfügung, mit dessen Hilfe sich Gemeinschaften stabilisieren und Herrschaft rechtfertigen ließ: Das vernünftige Übereinkommen im gemeinsamen Gespräch über das, was sein soll und was die Menschen in einer Gemeinschaft wollen und was sie nicht wollen.

Heute erscheint Rhetorik nicht mehr als Grundlagenfach in den Vorlesungsverzeichnissen der Universitäten und Fachhochschulen, sondern im Weiterbildungsangebot von Wirtschaftsakademien bis Volkshochschulen für Manager, Politiker, Funktionäre und andere Interessierte, die ihren öffentlichen Auftritt optimieren wollen, wie es im Neudeutschen so schön heißt. Rhetorik ist so zum Instrument des Marketings geworden. Mit fatalen Folgen: So mischen sich in den einst ehrwürdigen Begriff mittlerweile dissonante Töne: Die Trennung zum Begriff der Propaganda weicht auf, das Wörtchen „bloß“ schleicht sich bei der Nennung von Rhetorik mehr und mehr ein und rückt ihn gefährlich in den Bereich der Unverbindlichkeit, schlimmer noch in die Nähe des Begriffes der Lüge. Wasser predigen und Wein trinken – so nehmen heute die Mehrzahl der Bürger öffentlich geäußerte Rhetorik wahr.

Die formale Funktion der Rhetorik als stabilisierendes Element von Öffentlichkeit, der Gesellschaft und gleichzeitig als Rechtfertigung von (guter) Herrschaft wird zwar in erster Linie von der politischen und ökonomischen Elite in Deutschland (und Europa) heute noch gerne genutzt, aber die inhaltliche Verpflichtung dessen, was behauptet wurde, was sein soll, wird zusehends ausgeblendet. Mit wiederum fatalen Folgen: Wenn die formalen Funktionen der Rhetorik korrumpiert werden, schlagen sie in ihr krasses Gegenteil um. Dann destabilisieren sie Öffentlichkeit und delegitimieren Herrschaft. Genau das lässt sich zurzeit etwa im Falle der Steuerhinterziehungen mehr oder minder prominenter Deutscher mit Hilfe Liechtensteiner Banken, im Fall Nokia oder dem Verhalten der SPD gegenüber der Linkspartei durchbuchstabieren. Beispiel Steuerskandal: Klaus Zumwinkel, der ehemalige Chef der privatisierten Post, der von seinem Vorstandsvorsitz zurückgetreten ist, weil die Staatsanwaltschaft wegen Steuerhinterziehung gegen ihn ermittelt, nahm zuvor Wörter wie „Vorbildfunktion der Manager“, „Verantwortung“, „Nachhaltigkeit“ und so weiter in jeder öffentlichen Rede in den Mund, um damit den positiven Mehrwert, den diese ethisch aufgeladenen Begriffe haben, als Mittel der öffentlichen Rhetorik zu nutzen – sie sollten den Schulterschluss der Eliten mit dem Rest der Gesellschaft anzeigen, so die verschiedenen Milieus und Schichten miteinander versöhnen und damit die Statik der Gesellschaft stabilisieren helfen, und gleichzeitig die eigene, ökonomische Macht als gut für die Gesellschaft rechtfertigen. Dadurch, dass Zumwinkel durch sein eigenes Verhalten diesen rhetorischen Anspruch selbst ad absurdum geführt hat, bringt er aber die öffentlichen Funktionen der Rhetorik als Gemeinschaft stiftende Rede und als Rechtfertigung von Herrschaft überhaupt in Misskredit. Zukünftig glaubt schlicht niemand mehr einer Rhetorik von „Vorbild“, „Verantwortung“ oder „Nachhaltigkeit“ wirtschaftlicher Eliten, die für das Funktionieren einer freiheitlich und marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft überlebensnotwendige, öffentlich geteilte Geltung solcher Werte wird dem zerstörerischen Zweifel ausgesetzt. Die Gemeinschaft stiftende und Herrschaft legitimierende öffentliche Rede überhaupt von Funktionsträgern der wirtschaftlichen und politischen Elite gerät unter Pauschalverdacht, und ein so vergiftetes öffentliches Klima bereitet den Boden dafür, dass lediglich noch die Rede von und die Behauptung eigener handfester Interessen als glaubwürdig empfunden wird. So wird die Spaltung der Gesellschaft in die unterschiedlichsten Interessensgegensätze zementiert und die Öffentlichkeit nicht mehr als Marktplatz genutzt, auf dem diese Interessen verhandelt und die Gesellschaft das Gemeinsame herausarbeitet, sondern die Öffentlichkeit wird zur Arena, in der Propaganda Einzelinteressen durchsetzen helfen sollen, und das Trennende forciert wird – selbst Unternehmer sprechen in Deutschland wieder von drohenden Klassengegensätzen und Klassenkampf. Da hilft es dann auch nicht, wenn zur Verschleierung dieser Zusammenhänge neue Bindestrich-Ethiken, Verhaltens-Codices und Ethik-Institute wie Pilze aus dem Boden schießen: Wirtschaftsethik, Good Governance und so weiter und so fort. Wo sich die öffentliche Rede, die Rhetorik, nicht mit den Taten derjenigen deckt, die sie nutzen, lässt sich auch durch professionelle Ethikberatung nichts mehr reparieren.

Dieser kulturelle Schaden, indem Eliten aus Wirtschaft und Politik die Rhetorik missbrauchen, lässt sich nicht in Euro und Cent beziffern. Er entwertet vielmehr das Kapital des Vertrauens überhaupt in der Gesellschaft.

Wo das Institut der Rhetorik, eine der wichtigsten Nervenbahnen der abendländischen Kultur überhaupt, zerstört wird, zerstört sich das Abendland selbst.