Reue und Welttheater

Vor vier Jahren, am 21. August 2010, starb der Regisseur, Aktionskünstler und Katholik Christoph Schlingensief. In seinem persönlichen Tagebuch zur Krebserkrankung „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“ beklagte er sich über die „Tagespost“-Berichterstattung zu seinem Leiden. Ihm war geraten worden, statt seine Krankheit öffentlich zur Tragödie zu stilisieren, sich mehr Gedanken über die Kultur des Sterbens zu machen, „bevor es zu spät“ sei. Für Versöhnung ist es nie zu spät und so möchten wir diesem großen Künstler posthum die Hand reichen. Mit den Erinnerungen eines Weggefährten an ihn. Von Johannes Hoff

Die spirituelle Grundhaltung, die charakteristisch für Christoph Schlingensiefs gesamtes künstlerisches Werk war: Metanoia. Foto: dpa
Die spirituelle Grundhaltung, die charakteristisch für Christoph Schlingensiefs gesamtes künstlerisches Werk war: Metano... Foto: dpa

Die spirituelle Grundhaltung des Christentums entspringt dem, was die hebräische Sprache als Metanoia bezeichnet, der Praxis von Umkehr, Reue und Buße. Im skandalumwitterten Medienalltag stehen Gesten der Reue heute jedoch unter dem Verdacht der Heuchelei – von reuigen Steuerbetrügern bis hin zu reumütigen Funktionären.

Die Doppelbödigkeit moralischer Selbstanklagen wurde bereits von Friedrich Nietzsche seziert. Nach Nietzsche glaubt der Christ nicht an seine individuelle Verächtlichkeit. Er glaubt vielmehr, er sei „böse als Menschen überhaupt“ und tröstet sich mit dem Gedanken, dass keiner vollkommen ist: „Wir alle sind einer Art.“ In seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ bezieht Nietzsche diesen Glauben auf die spirituelle Grundhaltung des Christentums. Die Metanoia erscheint als Produkt der „jüdisch-christlichen“ Entscheidung, das Leben schlechtzureden, und wird der „Heiterkeit“ der Griechen gegenübergestellt: „,Nur wenn du bereuest, ist Gott dir gnädig‘ – das ist einem Griechen ein Gelächter und ein Ärgernis: er würde sagen ,so mögen Sklaven empfinden‘“.

Dass das Ethos der Metanoia nicht in einer freudlosen Moralreligion enden muss, hat mir niemand überzeugender vor Augen geführt als der Performancekünstler Christoph Schlingensief – im letzten Jahr vor seinem Tod, als ich in ihm einen inspirierenden Freund, einen desillusioniert suchenden Christen, und einen von Lebensfreude übersprudelnden Weggefährten kennenlernen durfte. Christoph war ein katholischer Apothekersohn aus Oberhausen, der als Kind jeden Abend seine Sünden bereute; aber er war eben auch ein shakespearescher Narr, für den die Reue zum großen Welttheater gehörte. Deshalb schreckte er nicht davor zurück, öffentlich Tränen der Reue zu vergießen, oder angesichts seines herannahenden Krebstodes vor aller Welt die peinlichsten Wahrheiten seines Lebens auszuplaudern.

Aber war Schlingensief nicht auch ein Schüler Nietzsches? Ein typischer Avantgarde-Künstler, der, statt vor Gott in die Knie zu gehen, sich selbst an die Stelle Gottes setzte? Der moderne Künstler preist heute die Schönheit der Schöpfung und wälzt sich morgen mit der Schlange des Sündenfalls im Dreck. Da gibt es keinen Platz für ein „höchstes Gut“ ohne ein gleichrangiges „höchstes Böses“. Der Künstler scheint über alledem zu stehen – er steht, ganz im Sinne Nietzsches, „Jenseits von Gut und Böse“.

Doch die Grundhaltung, aus der Schlingensief seine Kunst betrieb, trägt eine andere Handschrift. Man erinnere sich etwa an seine berüchtigte Deutschlandtrilogie: „100 Jahre Adolf Hitler“, „Das Deutsche Kettensägenmassaker“, „Terror 2000“. In ihrem Nachruf „Die geniale Nervensäge“ von 2010 brachte die Journalistin Anja Lösel die Wirkung dieser Filme treffend auf den Punkt: „Geschmacklos und scheußlich, billig und ekelhaft fanden das viele. Und sahen nicht, wie intelligent er die Politik vorführte und die Spießigkeit des Bösen zeigte.“

Das Böse ist spießig, banal und hohl – diese durch und durch unmoderne Einsicht hätte auch vom heiligen Augustinus stammen können. In der Welt der antiken Kirchenväter hatte das Böse nämlich nicht die Kraft, unser natürliches Verlangen nach dem Schönen und Guten zu neutralisieren. Christoph teilte diesen vormodernen Blick auf das Böse. Selbst wenn er mit Pornofilmen experimentierte, tat er im Grunde nichts anderes, als einem im Kern vormodernen Lebensgefühl Ausdruck zu verleihen: Was wirklich ist, ist gut! Und aus diesem Grund können selbst die abgründigsten Banalitäten und Hohlheiten das wahrhaftige Leben nicht zum Verschwinden bringen.

Natürlich wusste Christoph so gut wie Augustinus, dass der Mensch nicht gut ist. Doch man darf sich davon nicht in die Position eines freudlosen Calvinisten drängen lassen. Nach so unterschiedlichen Denkern wie Augustinus, Meister Eckhart, Thomas von Aquin und Kierkegaard hat der Mensch infolge des Sündenfalls einen unwiderstehlichen Hang, nicht der zu sein, der er ist. Wir neigen dazu, uns in narzisstischen Wunschprojektionen einzurichten. In seinem tiefsten Wesen ist jeder Mensch gut. Doch wir haben den Hang, uns in eine Scheinwelt von guten Vorsätzen zu flüchten, weil das unserem angstgetriebenen Bedürfnis nach narzisstischer Selbstkontrolle entgegenkommt. Das sollte uns zu denken geben. Schlingensief dachte nicht nur darüber nach; das Nachdenken darüber war der treibende Motor seiner Kunst. Und deshalb bestand seine Kunst vor allem darin, aus freien Stücken einfach Christoph Schlingensief zu sein.

Die paradoxe Logik dieser Lebenshaltung lässt sich an einem der bedeutendsten vormodernen Meister christlicher Spiritualität verdeutlichen: an Meister Eckhart, mit dem sich Christoph in seiner Züricher Inszenierung „Sterben lernen!“ auseinandersetzte. Meister Eckhart faszinierte Christoph, weil er genau das bei ihm üben konnte: ohne jeglichen Hintergedanken Christoph Schlingensief zu sein. Aber das ist natürlich alles andere als einfach! Um mit der Laudatio des Filmkritikers Georg Seeßlen auf Schlingensief vom März 2010 zu sprechen: „Wer einmal ausprobiert hat, wie schwierig es ist, aus freien Stücken ein Glas Milch zu trinken oder eine Symphonie zu schreiben, der weiß auch: Das ist keine leichte Sache.“

Ganz im Sinne Meister Eckharts geht es bei solchen Übungen darum, das Hier und Jetzt „sein zu lassen“; und zwar im doppelten Sinne dieser Formel: Das Hier und Jetzt geschehen zu lassen; aber auch, es vorüberziehen zu lassen, ohne es festzuhalten oder damit etwas Bedeutungsschweres „machen zu wollen“. Meister Eckhart nannte diese gelassene Grundhaltung „Abgeschiedenheit“. Der Meister kontemplativer Abgeschiedenheit ist nicht mehr von dieser Welt. Aber das Wort „Abgeschiedenheit“ ist zutiefst paradox; und genau aus diesem Grund führen post-moderne Deutungen der Schlingensiefschen Kunst zuweilen in die Irre.

Nach dem Kunsttheoretiker Borys Groys beispielsweise war Christoph eine Art kulturpessimistischer Buddhist: „Wir müssen daran arbeiten, keine Kraft zu haben, nichts zu tun, nichts zu produzieren, gegen nichts zu kämpfen, sondern alles gut zu finden.“ Doch Schlingensiefs „Abgeschiedenheit“ war zu keinem Zeitpunkt indifferent gegenüber dem was geschieht, noch stand sie jemals in Gegensatz zu seinen „hektischen Aktivitäten“.

Diesen Zug hatte Schlingensief mit Meister Eckhart gemein. Wer „nicht mehr von dieser Welt“ ist, tut nach Meister Eckhart nämlich keineswegs nichts. Eher schon gleicht er dem barmherzigen Samariter, der sich durch Mitleid (wörtlich durch eine „Rührung an den Eingeweiden“) dazu bewegen ließ, die Wunden eines von Räubern zusammengeschlagenen Unbekannten zu versorgen (Lukas 10, 30–35); oder dem Propheten Samuel, der sich von einer unbekannt-vertrauten Stimme aus dem Bett rufen ließ: „Hier bin ich, du hast mich gerufen!“ (1 Samuel 3, 4) Die Bedeutung der paradoxen Gabe, aktiv zu werden, ohne dafür eine kalkulierte Entscheidung treffen zu müssen, wird begreiflicher, wenn man sie dem Aktivismus unseres Konsumverhaltens gegenüberstellt. Nach Meister Eckhart ist unserer Alltags-Aktivismus durch das geprägt, was Wirtschaftswissenschaftler als „Präferenzentscheidungen“ bezeichnen: kaufe ich mir jetzt ein Smartphone von Apple oder Samsung? Jede Präferenzentscheidung verdankt sich einer Verneinung: Wenn ich mich für dieses entscheide (etwa zu heiraten oder ein Apple iPhone zu kaufen) kann ich nicht jenes haben (nicht-heiraten, ein Samsung Smartphone kaufen). So entscheidet man sich stets für etwas (dieses), um kurz darauf festzustellen, dass man etwas anderes (jenes) nicht hat.

Meister Eckhart folgerte daraus, dass, wer etwas will, nichts will – denn er will ja im selben Augenblick, in dem er sich entscheidet, etwas zu wollen, etwas anderes nicht; und das erzeugt ein Gefühl von Leere und Nichtigkeit. Folgerichtig kann uns nur eines vom Gefühl der Nichtigkeit befreien: wir müssen aufhören, dies oder jenes zu wollen, und stattdessen nichts wollen.

Du musst aufhören, dich mit Eigenschaften zu drapieren, die dich als „diesen“ Menschen vor „jenem Menschen“ auszeichnen. Du hast eh keine Chance, dir den kleinen Unterschied zu erkaufen, der dich als ein einzigartiges Geschöpf auszeichnet. „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Aber wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“, sagte der Herr zu Petrus, als der Satan in ihn gefahren war (Matthäus 16, 25). Schlingensiefs Partei der Arbeitslosen und Ausgegrenzten spielte mit diesem Paradox, als sie die Arena des Bundestagswahlkampfs 1998 mit dem Motto „Scheitern als Chance“ betrat und mit 0, 058 Prozent erfolgreich scheiterte.

Wer den paradoxen Charakter dieser spirituellen Grundhaltung durchschaut, begreift, warum Abgeschiedenheit etwas anderes ist als „nichts tun“. Wer nichts tut, tut immer noch „etwas“. Er tut nämlich dies (passiv sein) im Unterschied zu jenem (aktiv sein) – weil er immer noch glaubt, das Scheitern vermeiden zu können. Abgeschiedenheit ist aber nicht das Gegenteil von „hektischen Aktivitäten“. Es kann alles Mögliche bedeuten, man muss es nur „sein lassen“ können. Man ist dann beispielsweise in der Lage, öffentlich zu heulen, ohne sich dafür zu schämen – oder auch sich ein Wort geben zu lassen, nach dem man nicht gefragt hat.

Wenige Monate vor seinem Tod am 21. August 2010 schickte Christoph mir eine E-Mail, in der er mir von der damals beginnenden (und mittlerweile teilverwirklichten) Arbeit an seinem Operndorf in Burkina Faso erzählte. Sein Freund, der Architekt Francis Kéré, hatte dort drei Wasseradern gefunden, und plötzlich lief alles wie von selbst, „sozusagen wie das Wasser auf dem Operndorfplatz“. Mit dem Wasser aus der Erde floss aus Christoph nämlich auch ein magisches Wort – wie ein unbeabsichtigter „Versprecher“, der plötzlich und unerwartet den Strom seiner rastlosen Aktivitäten unterbrach: „und nun im operndorf erschien mir doch plötzlich wie aus dem nichts der satz: ,so sprich nur ein wort, so wird meine seele gesund!‘ (…) ich weiß nicht warum dieser satz für mich genau an diesem ort plötzlich auftauchte. wo ich ihn doch seit jahren nicht mehr richtig gedacht oder erlebt, gefühlt hatte. und plötzlich dachte ich, der ort spricht das wort (...) der ort ist das wort. aber eigentlich spreche ich zu mir selber. ich spreche ein wort selber und meine seele ist plötzlich geheilt. verstehst du was ich da nicht erklären kann. vielleicht auch gut so, aber es muß da etwas passiert sein. kein wunder, keine offenbarung oder sowas, aber der künstler schlingensief mit seinem beendigungs- und doch immerwieder erföffnungswahn trifft auf gelassenheit. auf ganz andere kräfte. nichts kann ihn mehr erschüttern, weil dieses wort vielleicht gesprochen wurde.“ Bemerkenswert ist, welches Wort Christoph an seinem sprudelnden Ort fand. Er kannte diesen Satz aus seiner Messdienerzeit. Er wird vor der Kommunion gesprochen, und geht auf die Worte des Hauptmanns von Kafarnaum zurück (Matthäus 7): „Herr ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“.

Die spirituelle Grundhaltung, die aus diesem Worten spricht, ist charakteristisch für Schlingensiefs gesamtes künstlerisches Werk: Es ist die Grundhaltung der Metanoia. Bei Schlingensief war diese Grundhaltung nicht Ausdruck eines „unglücklichen Bewusstseins“. Sie war vielmehr der Grundbaustein zu einer Fröhlichen Wissenschaft – zu einer experimentellen Lebensform, die sich daran freute, in jedem Augenblick der Schönheit und Einzigartigkeit der Schöpfung auf die Spur zu kommen.

Der Autor ist Professor für Systematische Theologie am Heythrop College, London. Er begleitete den Künstler Christoph Schlingensief in dessen letztem Lebensjahr als Freund.