„Retten, nicht reden“

Neue Einblicke in das Wirken von Pius XII.: Ein Interview mit Michael Hesemann. Von Stefan Meetschen

Der Papst, die Juden und die Nazis
Vatikan-Akten beweisen, Papst Pius XII. setzte sich für Juden ein. Foto: Archiv
Der Papst, die Juden und die Nazis
Vatikan-Akten beweisen, Papst Pius XII. setzte sich für Juden ein. Foto: Archiv

Herr Hesemann, bereits vor zehn Jahren haben Sie ein Buch über Pius XII. veröffentlicht, in dem sie ihn als Widersacher Hitlers darstellen. Nun ist ihr umfangreiches Buch „Der Papst und der Holocaust“ erschienen. Warum gibt es soviel Neues über Pius XII. zu berichten?

Beides sind grundverschiedene Bücher. „Der Papst, der Hitler trotzte“ war eine Biographie, in „Der Papst und der Holocaust“ wird ein besonderes Thema in allen Details behandelt. Tatsächlich ist seitdem so viel Neues über Pius XII. zutage gefördert worden, dass ein neues Buch notwendig wurde. Erst 2008, nach dem ersten Pius-Buch, erhielt ich die Genehmigung, im vatikanischen Geheimarchiv zu forschen. Seitdem habe ich viele hundert Stunden damit verbracht, die zugänglichen Akten durchzuarbeiten und etwa nachweisen können, dass Eugenio Pacelli noch als Kardinalstaatssekretär unmittelbar nach der „Kristallnacht“ versuchte, für 200 000 deutsche Juden Visa zu bekommen. Damals lebten in Deutschland noch 230 000 Juden, also praktisch für alle. Dieser Dokumentenfund hat weltweit für Schlagzeilen gesorgt, auch in Israel, wo man daraufhin in Yad Vashem eine Tafel mit einem ziemlich negativen Text über Pius XII. gegen eine neutrale Darstellung austauschte. Ich konnte mit Zeitzeugen sprechen, hatte Einblick in die umfangreiche Positio des Seligsprechungsprozesses und recherchierte noch in weiteren Archiven. Zudem wertete ich 5 000 Dokumente aus dem Pontifikat Pius XII. aus, die schon Paul VI. in einer elfbändigen Edition veröffentlichen ließ, die leider bislang größtenteils ignoriert wurde. Mittlerweile hat die Pave the Way-Stiftung, für die ich als Historiker tätig bin, sie digitalisiert und online gestellt. Alles, was ich im Buch schildere, ist also nachprüfbar!

Was haben Sie denn konkret über Pius XII. und den Holocaust erfahren?

Wir können jetzt nachweisen, dass er nicht nur in drei öffentlichen Ansprachen gegen die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden protestierte, sondern dass er auch in mindestens 40 diplomatischen Interventionen immer wieder versuchte, Deportationen zu verhindern oder zumindest aufzuschieben. Diese richteten sich zumeist an Hitlers Vasallenstaaten und waren teilweise sogar erfolgreich. So verzichteten Bulgarien und Rumänien ganz auf eine Auslieferung der Juden an die Nazis, in Ungarn ließ der Staatschef die Deportationen einstellen. Insgesamt verdanken mindestens 960 000 Juden diesen Bemühungen ihr Leben! Die öffentlichen Proteste endeten erst im September 1943, als die Deutschen Italien besetzten und der Vatikan umzingelt war. Pius XII. wusste, dass Hitler den Befehl erteilt hatte, den Vatikan zu stürmen und ihn nach Deutschland zu verschleppen, sollte er noch einmal gegen die Verfolgung der Juden protestieren. Sein eigenes Leben war ihm egal, er hatte seine Rücktrittserklärung vorbereitet. Aber ohne einen funktionierenden Vatikan hätte er den Juden nicht mehr helfen können. Damals versteckte er im Vatikan und in über 200 römischen Klöstern um die 4 500 Juden. Die Deutschen duldeten das stillschweigend, solange der Papst nach außen hin Schweigen bewahrte. So wurde „Retten, nicht reden“ zu seinem Motto. Stilles, effizientes Handeln statt lauter Proteste, die nur zur Eskalation und zu Vergeltungsaktionen der Nazis geführt hätten.

Aber hätte er nicht doch öffentlich mehr sagen können, sagen müssen?

Mit welchen Folgen? Als der Bischof von Utrecht offen gegen die Deportationen protestierte, wurden zusätzlich rund 700 Konvertiten verhaftet und nach Auschwitz deportiert, darunter die hl. Edith Stein. Als er in einem Hirtenbrief den unterdrückten Polen seine Solidarität ausdrücken wollte, hat der Erzbischof von Krakau alle Kopien verbrannt, aus Angst vor der Rache der Nazis. Pius XII. wollte sich das Lob der Nachwelt nicht mit dem Blut von Unschuldigen erkaufen!

Zudem war die Faktenlage unsicher. Von Auschwitz etwa erfuhr der Vatikan erst im Sommer 1944 und auch da wusste man noch nicht, welchem der widersprüchlichen Berichte man glauben sollte. Briten und Amerikaner hatten immerhin Luftaufnahmen des Vernichtungslagers, die Augenzeugenberichte bestätigten. Doch weder informierten sie die Welt darüber, noch handelten sie. Dabei hätten sie Hunderttausende retten können, wenn sie die Eisenbahngleise nach Auschwitz bombardiert hätten, auf denen tägliche Züge mit bis zu 12 000 Todgeweihten anrollten. Taten sie aber nicht. Gehandelt hat nur der Papst!

Es wird oft kolportiert, dass er mit Hitler eine Art Pakt geschlossen habe, um gegen die Kommunisten zu kämpfen. Warum war er nicht mit den Widerstandskreisen vernetzt?

Das sind Fakenews! Im Gegenteil: Als die Nazis den Papst baten, ihren „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ zu loben, erwiderte Msgr. Tardini in seinem Auftrag: Da jagt doch nur ein Teufel den anderen! Pius XII. hielt den Nationalsozialismus schon 1925 für „die gefährlichste Häresie unserer Zeit“, für noch gefährlicher als den Kommunismus. Das hat er später immer wieder bekräftigt. Umgekehrt hat er den amerikanischen Katholiken grünes Licht gegeben, als diese Skrupel hatten, an der Seite Stalins gegen Hitler zu kämpfen. Es war also ganz klar, auf welcher Seite er stand.

Schon im Oktober 1939 hat er eingewilligt, mit dem deutschen Widerstand zusammenzuarbeiten und später die Pläne, Hitler zu ermorden, abgesegnet. Leider scheiterten sie. Aber bitte, wann hat es das zuletzt gegeben, dass ein Papst an einer Verschwörung zum Sturz eines Staatsoberhauptes beteiligt war – zuletzt in der Renaissance! Das zeigt doch überdeutlich, für wie gefährlich er Hitler hielt, dass er sogar einen Tyrannenmord befürwortete. Die „schwarze Legende“ von „Hitlers Papst“ kam erst später auf, und da hatten die Sowjets ihre Hand im Spiel…

Sie spielen auf Hochhuths „Stellvertreter“ an …

Natürlich. Nach dem Krieg, als in Italien die Kommunisten nach der Macht griffen, wurde Pius XII. zum glühenden Antikommunisten. Erst Johannes XXIII. hat eine entspanntere „Ostpolitik“ befürwortet, aber da war ja auch nicht mehr Stalin, sondern schon Chruschtschow an der Macht. Als der Roncalli-Papst erkrankte, galt Montini, vormals die rechte Hand von Pius XII., als der aussichtsreichste Papabile. Das wollten die Sowjets verhindern – mit einer Propagandakampagne gegen Pius XII. Glauben wir dem rumänischen Geheimdienstchef Ion Mihau Pacepa, so wurde Hochhuth damit beauftragt. Erwin Piscator, der lange in Moskau gelebt hatte, sollte das Stück inszenieren. Seine Uraufführung fand in den letzten Wochen des Roncalli-Pontifikats statt. Zum Glück ließ sich das Konklave davon nicht beeinflussen– die Welt aber sehr wohl. Man war dankbar: Endlich hatte man einen Sündenbock, um vom eigenen Versagen abzulenken!

Offensichtlich scheint diese „Propaganda“ weiterhin zu wirken – auch in der Kirche. Paul VI. ist gerade heiliggesprochen worden, Johannes XXIII. ebenfalls. Nur ausgerechnet bei Pius XII., der im Oktober 1958 mit dem Ruf der Heiligkeit starb, scheint es nicht richtig voranzugehen. Woran liegt das? Hat man Angst vor externen Protesten?

Papst Benedikt XVI. hat bereits 2009 den heroischen Tugendgrad Pius XII. promulgiert, der Weg zur Seligsprechung steht also offen. Leider liegt sein Fall seitdem auf Eis. Papst Franziskus befürchtet jüdische Proteste. Außerdem war Pius XII. der letzte vorkonziliare Papst, er repräsentiert also eine Kirche, die man als „überwunden“ betrachtet. Dabei wollte er unbedingt ein Konzil!

Aber Sie sind optimistisch, dass er eines Tages zur Ehre der Altäre erhoben wird?

Ich kenne kaum einen Papst, der es mehr verdient hätte. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es dazu auch kommen wird, wo jetzt die Fakten auf dem Tisch liegen. Ich hoffe nur, dass bald auch die Archive gänzlich geöffnet werden, damit jeder sieht, dass die Kirche nichts zu verbergen hat. Die Lügen über Pius XII. spalten Juden und Christen. Die Wahrheit kann sie einander nur näherbringen!

Das neue Buch von Michael Hesemann: Der Papst und der Holocaust. Pius XII. und die geheimen Akten im Vatikan, Langen-Müller, 2018, 448 Seiten, ISBN 978-3-7844-3449-0, EUR 28,-